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30. April 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 17 Ausgabe: Nr. 17 » April 29, 2010

Meisterhafter Blick auf das Unscheinbare

von Walter Labhart, April 29, 2010
Dem schmalen, jedoch ebenso vielseitigen wie konzentrierten Lebenswerk der Berliner Fotografin Marianne Breslauer (1909–2001) widmet die Fotostiftung Schweiz in Winterthur erstmals eine umfassende Retrospektive.
SZENEN AUS DEM ALLTÄGLISCHEN LEBEN Marianne Breslauers Seine-Ufer in Paris 1929

Sie ist der Leserschaft Annemarie Schwarzenbachs als Begleiterin auf deren Spanienreise (1933) und als hervorragende Porträtistin der Schriftstellerin bekannt, muss aber als selbstständige Fotografin von einem grösseren Publikum erst entdeckt werden: Marianne Breslauer schuf in einem knappen Jahrzehnt ein Lebenswerk, das sich mit demjenigen berühmter Fotografinnen wie
Ilse Bing, Gisèle Freund, Germaine Krull oder Frieda Riess in qualitativer Hinsicht durchaus vergleichen lässt. Sie hatte es als Mitarbeiterin des Berliner Ullstein-Verlags zu Veröffentlichungen ihrer Arbeiten in so renommierten Zeitschriften wie «Der Querschnitt» und «Die Dame» gebracht, verabschiedete sich aber von
ihrer Kamera noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

Ihre kurze Karriere als Fotografin beendete sie 1937 mit Beiträgen zur «Zürcher Illustrierten» weniger als Jüdin, deren Arbeiten in Hitlerdeutschland unerwünscht waren, sondern vielmehr aus der Überzeugung, das Medium Fotografie ausgereizt zu haben. Diesbezüglich bekannte sie später: «Wenn ich weiter in dem Bereich gearbeitet hätte, wäre ich zum Film gegangen, mit dem Fotografieren war ich fertig.» Einen filmischen Ansatz zeigt die Fotosequenz «Freizeit eines arbeitenden Mädchens» (1933), die kennzeichnend ist für ihr Engagement, ihre künstlerische Zielsetzung und Ästhetik.

Bilder der «neuen Frau»

Jene Serie und die im «Frauen-Spiegel» reproduzierte Bilderfolge «Mussestunde der Frau» sowie Porträts selbstbewusster Frauen und Modeaufnahmen bringen zum Ausdruck, dass die junge Fotojournalistin bemüht war, das Bild einer «neuen Frau» durchzusetzen, die für sich selber verantwortlich ist und Bildung mit modischer Eleganz verbindet. Kein Wunder also, dass Marianne Breslauer, selber eine solche «neue Frau», im Auftrag der Agentur Academia 1933 den weissen Mercedes Annemarie Schwarzenbachs bestieg und mit ihr losfuhr, um Spanien zu bereisen und mit einem Bildbericht zu dokumentieren. Sechs Jahre später reiste sie mit ihrem Mann, dem Kunsthändler Walter Feilchenfeldt, als Emigrantin in die Schweiz ein.

Ihr künstlerisches Engagement für die «neue Frau» und den Pioniergeist des «Neuen Sehens» teilte Marianne Breslauer – ohne es zu wissen – ein Stück weit mit der nur vier Jahre älteren Schweizer Fotografin Binia Bill, der Frau von Max Bill. Unter den formal interessantesten Arbeiten beider Fotografinnen figurieren zeittypische Aufsichten mit betonter Diagonalkomposition. Diesbezüglich ist Marianne Breslauers Seine-Ufer in Paris (1929) mit Binia Bills «Promenade des Anglais» in Nizza verwandt.

Die unwichtige Realität

Obschon sie eine im Berliner Lette-Verein (Verein zur Förderung der Erwerbstätigkeit des weiblichen Geschlechts) professionell ausgebildete Fotojournalistin war, interessierte sich Marianne Breslauer keineswegs für Sensationen. Mit derselben Präzision, mit der sie fotografierte, um nichts dem Zufall zu überlassen, formulierte sie rückblickend ihr Credo: «Interessiert hat mich nur die Realität, und zwar die unwichtige, die übersehene, von der grossen Masse unbeachtete Realität.» Die vielen Kleinigkeiten des Alltags waren ihr wichtiger als spektakuläre Geschehnisse. Wenn sie schlafende Clochards, Fischer an der Seine oder unbesetzte Stühle im Jardin du Luxembourg festhielt, schuf sie poetische Bilder voll ereignisloser Ereignishaftigkeit. Selbst so prominente Auktionsbesucher wie Braque oder Picasso erscheinen auf ihren Fotos wie beiläufig zur Kenntnis genommene Figuren am Rande des Geschehens, gleichsam als Teile einer «unwichtigen Realität». Andererseits wurde die Fotografin selber von Berufskollegen wahrgenommen und von Meistern ihres Fachs wie Erwin Blumenfeld oder Man Ray porträtiert.

«Marianne Breslauer – Fotografien» bis
30. Mai in der Fotostiftung Schweiz, Winterthur. www.fotostiftung.ch


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