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23. April 2010, Finanz Beilage 16 Ausgabe: Nr. 1 » April 22, 2010

Regenmacher im Zwielicht

von Andreas Mink, April 22, 2010
Einst gefeiert als Vater des Wirtschaftsbooms unter Bill Clinton, steht Robert Rubin seit Monaten unablässig in der Kritik. Doch in Washington ist der Rat des ehemaligen Goldman -Sachs-Vorsitzenden immer noch gefragt.
IN DER KRITIK Robert Rubin im April 2010 vor dem Untersuchungsausschuss zur Finanzkrise

Die Liste seiner Sünden ist lang: Robert Rubin hat als Wirtschaftsberater und Finanzminister Bill Clintons massgeblich zur Deregulierung des Bankwesens beigetragen und danach als Vorstandmitglied beim Finanzgiganten Citigroup auch persönlich vom zunächst daraus resultierenden Boom profitiert. Daran hat den 71-Jährigen jüngst der offizielle Ermittlungsausschuss für die Ursachen der Finanzkrise in Washington erinnert. Dass die USA in Rubins Amtszeit erstmals seit Jahrzehnten gewaltige Budgetüberschüsse erzielten, war dem Ausschuss gleichgültig. Die Politiker erregten sich stattdessen über die 100 Millionen Dollar Gehalt und sonstige Leistungen, die Rubin von 1999 bis zu seinem Ausscheiden bei der Citigroup Anfang 2009 bezogen hatte. Die Bank konnte ihre gewaltigen Fehlspekulationen mit Hypothekenderivaten in den Jahren 2007 bis 2009 nur mit direkten Staatshilfen von 45 Milliarden und öffentlichen Kreditgarantien von mehr als 300 Milliarden Dollar überleben. Damals verloren etwa

20 Prozent der Citigroup-Angestellten ihre Stellen, während die Aktionäre Wertverluste von bis zu 95 Prozent hinnehmen mussten. Rubin hat mit einer seiner letzten Amtshandlungen mit dafür gesorgt, dass sich Charles Prince, CEO der Citigroup, inmitten dieser Katastrophe mit einem Bonus von 12,5 Millionen Dollar zum Golfspielen nach Palm Beach, Florida, verabschieden konnte.

Tiefes Bedauern, aber nicht mehr

Dass Robert Rubin diese Vorwürfe unter die Haut gingen, war offensichtlich. Aber von seiner Verteidigungslinie ist er deshalb keinen Millimeter abgerückt. Rubin verkündet seit Monaten, er und seine Kollegen hätten wie die allermeisten Wall-Street-Insider «nicht erkennen können», dass sich an den Märkten gigantische Probleme entwickelten. Nur dafür gab Rubin in Washington seinem «tiefen Bedauern» Ausdruck – eine direkte Verantwortung wollte er nicht übernehmen. Obwohl ihm viele Experten leidenschaftlich widersprechen, kann er sich dabei immerhin auf seinen Arbeitsvertrag mit der Citigroup berufen. Dieser umriss Rubins Zuständigkeiten nur vage, besagte aber klar, dass er nicht für das Tagesgeschäft und konkrete Investitionsentscheidungen zuständig sein würde. Rubins Rolle war die eines «Elder Statesman» oder «Regenmachers», der seine einzigartigen Beziehungen zu den globalen Politik- und Wirtschaftseliten in den Dienst der Citigroup stellte und sich an der Entwicklung langfristiger Strategien beteiligte. Aber es ist kaum vorstellbar, dass sich der Konzern nach 2005 so tief im Hypothekengeschäft engagiert hatte, ohne dass Rubin dazu Stellung nahm. Immerhin hat er seine eigene Karriere an der Wall Street einem Talent für komplexe Investitionsvehikel zu verdanken.

Mit Abschlüssen der Elite-Universitäten Harvard, Yale und der London School of Economics in der Tasche trat Rubin 1966 zunächst in eine New Yorker Anwaltskanzlei ein, ehe er bei Goldman Sachs in der Abteilung für Risiko-Arbitrage tätig wurde. Er zeichnete sich bei der Planung von Firmenübernahmen aus und wurde rasch Partner, ehe er 1990 zum Co-Vorsitzenden aufstieg. Schon lange in der demokratischen Partei aktiv, zog er drei Jahre später im Weissen Haus ein, wo er nicht nur als Berater, sondern auch als Mentor einen enormen Einfluss entwickelte. Rubin gilt als ausserordentlich effektiver Analytiker, der es liebt, komplexe Probleme systematisch zu diskutieren. Diese Fähigkeit hat ihm die bleibende Verehrung einer langen Reihe ehemaliger Untergebener gesichert, die heute an den Schalthebeln der Macht in Washington sitzen.

Diese Liste beginnt mit Barak Obamas wichtigstem Wirtschaftsberater Larry Summers, Rubins ehemaligem Stellvertreter und Nachfolger als Finanzminister unter Clinton, sowie dem heutigen Chef dieses Ressorts, Tim Geithner. Aus dessen Terminkalender geht hervor, dass er von seinem Büro aus immer wieder mit Rubin telefoniert. Dies galt etwa für die Tage im vergangenen Juni, ehe die Obama-Regierung ihre Leitlinien für eine Novellierung der Aufsicht über die Finanzmärkte öffentlich gemacht hat. Es ist hiesigen Beobachtern nicht entgangen, dass die Regulationspolitik Geithners deutliche Spuren der Handschrift Rubins trägt: So will Geithner etwa zulassen, dass Derivate weiterhin auch ausserhalb der behördlichen Aufsicht zwischen Banken und Hedgefonds gehandelt werden können. Barak Obamas Finanzminister sträubt sich zudem gegen den Vorschlag des Altnotenbankers Paul Volcker, gigantische Geldkonzerne zu zerschlagen, ehe deren Scheitern erneut staatliche Rettungsaktionen notwendig macht. Auch daraus spricht die marktwirtschaftliche Philosophie Robert Rubins.

Macht ohne Amt

Laut www.politico.com, einer Washingtoner Website, telefoniert Rubin auch regelmässig mit Larry Summers, Gene Sperling, dem Rechtsberater Tim Geithners, Obamas Budgetdirektor Peter Orszag, den Präsidentenberatern Michael Froman, Jason Furman und Tom Donilon sowie Gary Gensler, der die Derivate-Aufsicht Commodity Futures Trading Commission leitet. All diese Männer haben einst entweder in Washington oder New York für Rubin gearbeitet. Der residiert heute in Manhattan in der ehrwürdigen Stadtvilla der «Denkfabrik» Council on Foreign Relations an der Park Avenue. Dort hat sich Rubin ein Büro gemietet. Von den genannten Offiziellen bekennt sich nur Gary Gensler offen zu seinen ständigen Kontakten mit seinem alten Mentor. Er sagte der «New York Times» im März: «Das Wunderbare an Bob ist, dass er die Leute zum Nachdenken bringen kann. Er wollte immer neue Ideen hören.»

Zumindest öffentlich gehen nicht nur die meisten seiner Gesprächspartner auf Distanz zu Rubin, sondern auch zu mit ihm verbundenen Einrichtungen. Dazu gehört das Forschungsinstitut Brookings, bei dem Rubin vor einigen Jahren das Hamilton Project gestartet hat. Dieses widmet sich der Entwicklung und Unterstützung von Projekten, die armen Bewohnern ländlicher Gebiete in den USA Hilfe zur Selbsthilfe bei lokalen Wachstums­initiativen leisten sollen. Rubin hat sich über Jahrzehnte effektiv bei derartigen Stiftungen engagiert. Doch obwohl etliche Presseberichte erklären, er kümmere sich nun mit grossem Einsatz um das nach dem Finanzminister George Washingtons benannte Vorhaben, findet sich Rubins Name auf der Brookings-Website erst nach langem Suchen im Beirat des Hamilton Project. Für Insider erhellend ist dabei, dass sich unter den namhaften Beratern dieses Projekts auch Ezekiel Emanuel befindet; er ist nicht nur ein bedeutender Krebsforscher, sondern auch ein Bruder des Obama-Vertrauten Rahm Emanuel.

Dennoch führt das von der genannte Website gezeichnete Bild Rubins als graue Eminenz der Obama-Regierung in die Irre: Der tatsächlich ergraute, aber immer noch Respekt einflössende Wall-Street-Veteran war ja nur ein Repräsentant der wirtschaftspolitischen Philosophie, die unter Bill Clinton zur dominierenden Denkrichtung bei den Demokraten aufstieg und dies auch unter Obama bleibt: Neue Demokraten wie Clinton wandten sich entschieden von linken Positionen ab und setzten auf mehr Markt und weniger Staat etwa bei Freihandelsabkommen mit den Nachbarländern der USA. Diese werden bis heute von der gewerkschaftsnahen Parteilinken bekämpft. Auch Obama und dessen Ratgeber aus Chicago wie Austan Goolsbee oder Cass Sunstein sind überzeugte Marktwirtschaftler und haben jüngst etwa bei der Gesundheitsreform für Kompromisse mit der Industrie auf drastische Einsparungen verzichtet. Sie müssen nicht mit «Bob» Rubin telefonieren, um Entscheidungen zu treffen: Rubins Denken ist ihnen längst in Fleisch und Blut übergegangen.







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