Mit Bildung gegen Armut
Die Zahl der nicht regelmässig arbeitenden ultraorthodoxen Männer in Israel hat sich mehr als verdreifacht. Das enthüllt das Taub-Zentrum für sozialpolitische Studien in seinem jüngsten Jahresbericht. Nach Ansicht von Dan Ben-David, dem Direktor des Zentrums, sind die wachsenden Zuwendungen des Staates für Gruppen wie die Ultraorthodoxen massgeblich dafür verantwortlich, dass ein Dasein ohne feste Arbeit für diese Männer zum Lebensstil geworden ist. «Gleichzeitig», so schreibt Ben-David in seinem Bericht «Stand der Nation – Gesellschaft, Wirtschaft und Politik 2009», «hindern Jahre der Vernachlässigung vor allem im Bereich der Bildung viele Leute daran, in einer modernen, wettbewerbsorientierten Wirtschaft mithalten zu können.»
Vorhandene Bildungslücken
Vor drei Jahrzehnten war der Anteil der nicht arbeitenden israelischen Männer mit 8,7 Prozent ähnlich dem für die Mitgliedstaaten der OECD geltenden Wert von 8,2 Prozent. Seither sind die Zahlen der OECD um 50 Prozent gewachsen, doch in Israel hat sich die Zahl der betreffenden jüdischen Männer fast verdoppelt und lag 2008 um 25 Prozent über dem entsprechenden Wert in den OECD-Staaten. Die Entwicklung lässt sich teilweise mit dem israelischen Bildungswesen erklären. Die Zahl der Schüler in staatlichen religiösen Primarschulen hat in den letzten zehn Jahren um acht Prozent zugenommen, während sie bei nicht religiösen Schulen seit 2000 um drei Prozent gesunken ist. Die eigentlichen Veränderungen kamen aber aus einer anderen Ecke: Die Zahl der Primarschüler ist im Berichtszeitraum im arabischen Bildungswesen um 33 und in den ultraorthodoxen Schulen gar um 51 Prozent gestiegen. Infolge dieser demografischen Veränderungen war 2008 ein Grossteil der Primarschüler entweder arabisch oder charedisch (ultraorthodox). «Um diese Primarschüler in den Arbeitsmarkt integrieren zu können, müssen sie eine auf die Bedürfnisse der modernen Wirtschaft abgestimmte Bildung erhalten», sagte Ben-David. «In Israel liegt das Niveau der elementaren Primarschulbildung aber unter dem Vergleichswert des Westens.»
Weil die Armut in Israel und die Einkommensunterschiede seit den siebziger Jahren ständig gewachsen sind, wurden die Zuwendungen der Nationalversicherung im Laufe der Jahre erhöht, um, wie der Bericht festhält, den Rückgang des Nettoeinkommens auszugleichen. Doch trotz der scharfen Kürzungen zu Beginn dieses Jahrzehnts sind die durchschnittlichen Pro-Kopf-Zuwendungen real immer noch fünfmal höher als 1970, während der Lebensstandard (ausgedrückt durch das Pro-Kopf-Bruttoinlandprodukt) sich in derselben Periode nur verdoppelt hat.
Armut vermeiden
Für Ben-David ist es unvorstellbar, dass eine solche Kluft in Zukunft weiter existieren wird. Andererseits beinhalten derartige demografische Veränderungen, verglichen mit den Trends in entwickelten Nationen, auch ein riesiges Potenzial. Israels Bevölkerung ist sehr jung, doch muss das Land sein Bildungswesen verändern, will es die Ausbreitung von Armut und Einkommensungleichheit vermeiden. Israel verfüge, betont Ben-David, über das Know-how, solche Veränderungen zu verwirklichen und den Lebensstandard auf das im Westen übliche Niveau zu heben – wenn das Land nur klug genug wäre und die beste Bildung der Welt offerierte.


