logo
23. April 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 16 Ausgabe: Nr. 16 » April 22, 2010

«Auf ewig ein Teheran-Kind»

von Ran Shapira, April 22, 2010
Eine mühsame Reise, die 1939 in Polen mit dem Verlust von Heimat, Familie und Freiheit begann, endete sechs Jahre später mit einer Wiedervereinigung in Palästina. Die Geschichte des Eliezer Volkenfeld.
ELIEZER VOLKENFELD Seine tragische Geschichte hatte letztlich ein Happy-End

Alles geschah fast über Nacht. Es war Anfang September 1939, und die Besetzung Polens durch die Nationalsozialisten war noch eine Spekulation. Keine Zeitungen erreichten das kleine galizische Dorf Kopki am San-Fluss, und ein Radio gab es dort schon gar nicht. Nachrichten über den drohenden Krieg wurden von Mund zu Ohr weitergegeben.

Deutsche Soldaten, die in das Dorf eindrangen und alle Juden zum Verlassen aufforderten, machten die Gerüchte aber bald zur bedrohlichen Wirklichkeit. Familie Volkenfeld war weder arm noch reich. «Wir litten keinen Hunger, und im Winter war uns auch nicht kalt», erinnert sich der 83-jährige Eliezer Volkenfeld, der älteste Sohn. Eines Tages stürmten bewaffnete Soldaten das Haus der Familie und warfen die vier dort lebenden Personen auf die Strasse: Eliezer, seine Mutter Rachel sowie Tzipora und Shoshana, zwei seiner drei Schwestern. So kam es, dass der zwölfjährige Junge, der neben der regulären Schule auch den Cheder, die jüdische Religionsschule, besuchte und der begonnen hatte, von seinem Vater die Kunst des Korbflechtens zu erlernen, von einer Stunde auf die andere zum Flüchtling wurde. Wenige Monate vor der Vertreibung war Eliezers Vater Shmuel an den Folgen einer Herzattacke verstorben.

Flucht und Vertreibung

Eliezer und seine Mutter trugen auf dem Weg die zweijährige Tzipora abwechselnd. Zusammen mit Hunderten anderer jüdischer Familien überquerten sie den Fluss und gingen in Richtung Osten auf das Dorf Lubaczow im russisch besetzten Polen zu. Nach einigen Tagen erreichten sie das Dorf, nicht bevor die deutsche Luftwaffe den Flüchtlingstreck einige Male beschossen hatte. Die Familie beschloss, in Lubaczow zu bleiben. Um die Miete zahlen und Essen kaufen zu können, verkaufte Eliezer Zigaretten und Papiertüten. Später arbeitete er in einer Bäckerei, die ihm einen regelmässigen Lohn zahlte und etwas Brot gab. In Lubaczow ass Eliezer zum ersten Mal nicht koscheres Fleisch. Daran erinnerte er sich Jahre später in Israel, als Fleisch eine zentrale Rolle in seinem Leben spielte: Er heiratete eine Frau aus dem Kibbuz Mizra, der bekannt ist für seine Fabrik zur Verarbeitung von Schweinefleisch.

Nachdem die Flüchtlinge einige Monate in Lubaczow verblieben waren, beschlossen die Sowjets, sie nach Sibirien zu bringen. Als Eliezer sich von seinen Freunden in der Bäckerei verabschiedete, erhielt er vier Laib Brot mit auf den Weg. Diese erhielten ihn und seine Familie auf der zwei Monate dauernden Reise am Leben. Die Familie wurde in einen grossen, voll besetzten Güterzug gepfercht, in dem es weder Nahrung noch Wasser gab. Nur wenn der Zug unterwegs Halt machte, konnten die Menschen etwas essen. Als sie ihre Endstation erreichten, entdeckten die Volkenfelds zusammen mit anderen nicht russischen Flüchtlingen, Juden wie Christen, dass sie sich mitten in einem Wald bei einem Internierungslager der berüchtigten sowjetischen Geheimpolizei NKVD befanden. Das von Sümpfen umgebene Lager lag nahe der Stadt Novosibirsk.

Neubeginn in Samarkand

In den sibirischen Lagern erhielten die Insassen ein Kilo Brot pro Tag. Kinder und Nichtarbeitende erhielten nur 400 Gramm. «Das war unsere ganze Nahrungsmittelration in Sibirien», sagt Eliezer, «und wir litten ständig Hunger. Wissen Sie, was es heisst, in Sibirien im Winter zu urinieren? Noch bevor der Urin den Boden erreicht hatte, war er bereits gefroren.» Zusammen mit der Mutter arbeitete er bei der Trockenlegung der Sümpfe, und zudem entfernte er die Wurzeln von Bäumen, die beim Strassenbau gefällt wurden. Immerhin erhielten die Flüchtlinge warme Kleidung und Stiefel, und ihre Baracken wurden rund um die Uhr beheizt. Täglich war man gezwungen, zur Arbeit zu gehen, es sei denn, die Temperatur fiel unter minus 50 Grad.

Nach zwei unbeschreiblich harten Wintern verkündete die Lagerbehörde am
12. August 1941, sie würde all jenen Häftlingen eine Amnestie gewähren, die Opfer von Verfolgungen gewesen waren, unter ihnen die polnischen Bürger, die bei Kriegsausbruch vor den Deutschen geflohen waren. Mittellos und ohne Papiere traten die Volkenfelds die Reise in die südliche Sowjetunion an. Sie nahmen den Zug nach Samarkand, wo Eliezers zwei Schwestern zusammen mit anderen Kindern in ein christliches Waisenhaus gebracht wurden. Mutter Rachel arbeitete auf einem lokalen Bauernhof. Eliezer lernte reiten und suchte nach Möglichkeiten, um die Wirtschaftslage der Familie aufzubessern. Schliesslich offerierte ihm ein Mann in der Uniform der Roten Armee, am lokalen Bahnhof Essen an die Restaurants zu verteilen. «Er war ein guter Mann, der sich wie ein Vater um mich kümmerte», erinnerte sich Eliezer.

Extrem schwierige Verhältnisse

Eines Tages trafen sie hoch zu Ross beim Restaurant ein, und wortlos bedeutete der Mann Eliezer, am Bahnhof den Zug zu besteigen. Eliezer verstand den Wink, ritt zum Bahnhof und hievte sich durch ein offenes Fenster in einen der Wagen. Da sein Name nicht auf der Passagierliste vermerkt war, blieb er während der ganzen Reise im Gepäckcontainer versteckt. Seine Mutter und die jüngere Schwester blieben in Samarkand zurück. Der Zug, in dem, ohne dass er es wusste, auch seine Schwester Shoshana mitreiste, fuhr nach Baku am Kaspischen Meer, wo die Kinder der Obhut der britischen Armee übergeben wurden. Damals, Anfang 1942, hatten in die Sowjetunion geflohene Polen auf Anweisung ihrer in London sitzenden Exilregierung mit der Organisation der sogenannten Anders-Armee begonnen. Deren Soldaten wurden in Iran stationiert, wo sie nach der anglo-sowjetischen Invasion in diesem Land als Besatzungsmacht galten.

Alle polnischen Flüchtlinge, auch die Soldaten der Anders-Armee, wurden in die Hafenstadt Pahlavi in ein von der britischen Armee errichtetes Transitlager gebracht, in dem extrem schwierige Verhältnisse herrschten. Immerhin sorgten die Briten ständig für Essen. Inzwischen begannen Emissäre der Jewish Agency aus Palästina, im Pahlavi-Lager nach jüdischen Kindern und Teenagern zu suchen. Viele von ihnen waren alleine ins damalige Persien gekommen, nachdem ihre Eltern in der Sowjetunion verhungert oder an Krankheiten gestorben waren. Die von Tzipora Shertok Sharett, Gattin des nachmaligen israelischen Premiers, geleiteten Emissäre scheuten keine Mühe, um jüdische Kinder zu orten und sie vor dem Transport nach Palästina in ein anderes Lager zu bringen.

Gefährliche Reise

Eliezer blieb zunächst im Pahlavi-Lager, wo er nach Jahren der Flucht endlich wieder geregelte Mahlzeiten und ein bequemes Bett zum Schlafen hatte. Die anderen jungen Insassen und die Militärkommandanten wussten, dass er jüdisch war. Nachdem er sich deren Respekt durch den Beweis seiner körperlichen Tüchtigkeit in Kämpfen mit Antisemiten im Lager erworben hatte, erzählte ein Offizier ihm eines Tages von der Jewish Agency, und so kam es, dass er als einer der letzten Jugendlichen in ein Transitlager der Agency in Teheran aufgenommen wurde. Weil die Iraker ein entsprechendes Gesuch zurückwiesen, zerschlugen sich die Hoffnungen der Jewish Agency auf einen Transport der Kinder auf dem Landweg (um deutsche U-Boote zu meiden). Einmal mehr musste daher der
Jugendliche eine gefährliche Reise antreten. Auf einem britischen Militärfrachter segelten sie durch den Persischen Golf ins Arabische Meer. Ohne von der deutschen Marine oder Luftwaffe entdeckt zu werden, lief das Schiff im indischen Hafen von Karatschi ein. Von dort aus ging es im Rahmen eines grösseren Konvois durch den Golf von Suez ins ägyptische Ismailia, wo sie von jüdischen Soldaten empfangen wurden. Am 18. Februar 1943 traf Eliezer mit anderen Kindern per Zug im Bahnhof von Rehovot ein. «Wir fühlten uns wie im Paradies», erzählte er. «Die Menschen empfingen uns mit unendlicher Freude und Liebe. In jeder Stadt, die der Zug passierte, grüssten uns viele Menschen.» Zusammen mit den anderen erreichte Eliezer schliesslich das Transitlager Atlit, wo er geimpft wurde und Essen, Kleidung sowie Identitätspapiere erhielt. «Wir kamen uns vor wie neu geboren.»

Diese jungen jüdischen Polen erhielten den Namen Teheran-Kinder, der ihnen bis heute, 67 Jahre später, geblieben ist. «Wir sind inzwischen Grossväter und Urgrossväter, aber wir werden für immer die Teheran-Kinder bleiben», sinnierte Eliezer Volkenfeld.






» zurück zur Auswahl


Mehr zu diesem Thema...

Eliezer Volkenfeld
April 22, 2010