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16. April 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 15 Ausgabe: Nr. 15 » April 15, 2010

Zweimal abgebrannt und wieder aufgebaut

April 15, 2010
In der Sowjetära war die Ortschaft Malachova, rund 15 Kilometer von Moskau entfernt, das Zentrum jüdischer Untergrundtätigkeit. 2005 fiel die alte hölzerne Synagoge zum zweiten Male einem Brand zum Opfer. Fünf Jahre später konnte man dank den gemeinsamen Bemühungen von Lokalpolitikern und wohlhabenden Moskauer Juden den Bau einer neuen Synagoge feiern.
FEIERLICHE ERÖFFNUNG - Kinder singen in der neuen Synagoge in Malachova

von Anna Rudnitskaya

Berel Lazar, einer der Oberrabbiner Russlands meinte an der kürzlichen Einweihungsfeier der Synagoge von Malachova: «Jede Wolke hat einen Silberstreifen». Damit spielte er auf den Brand von 2005 an. «Die Juden von Malachova waren schon immer gottesfürchtig, und er wollte, dass sie über ein würdiges Gebäude verfügen sollen, um jüdisches Leben organisieren zu können. Nun wird sich das vor unseren Augen verwirklichen.»

Die Synagoge wurde mit der finanziellen Unterstützung des Moskauer Geschäftsmannes Alexander Kaplan errichtet. Kaplan ist in Moskau aufgewachsen, doch seine Verwandten lebten in Malachova. Als Kind verbrachte er manchen Sommer dort. Die Lokalbehörden hatten den Juden gestattet, im ehemaligen Verwaltungsgebäude zu beten. Sie liessen keinen einzigen Schabbat aus, meinte Mikhail Glimcher, einer der Gemeindeführer. «Die Verwaltung weiss, dass es besser ist, mit uns freundschaftliche Beziehungen zu unterhalten, denn es gibt immer wieder Wahlen», meinte Glimcher, einer der treibenden Kräfte hinter dem Neubau.

An der Eröffnungszeremonie waren Vertreter der Lokalverwaltung zugegen. Alexander Avtaev, Verwaltungschef von Malachov, überreichte der Gemeinde einen goldenen Schlüssel, während Rabbi Lazar einen Strauss weiser Rosen erhielt. Alle Bürger der Stadt hatten, wie Avtaev erklärte, den Brand in der alten Synagoge sehr bedauert, und freuten sich auf die Eröffnung des neuen Hauses. Dieses enthält für die jüdische Gemeinde mit rund 400 Mitgliedern auch ein Gemeindezentrum, eine Mikwe (rituelles Tauchbad), eine Veranstaltungshalle, sowie je einen Schach- und einen Frauenclub.

Ein bei Juden beliebter Ort
Der Moskauer Vorort Malachova beherbergte einst die Sommerhäuser vieler berühmter Künstler, und historisch lässt sich die jüdische Präsenz weit zurückverfolgen. Alte Einwohner erinnern sich, dass in vielen Geschäften vor rund 50 Jahren Jiddisch die dominierende Sprache war und dass gewisse Strassen in der Bevölkerung von 18 000 Menschen ausschliesslich von Juden bewohnt waren. Heute meinen die Einwohner von Malachova, die Juden hätten sich vor allem wegen der Schönheit des Ortes dort niedergelassen. Malakova mit den umliegenden Pinienwäldern steht nicht zuletzt bei Immobilienhändlern hoch im Kurs, und die Zugsverbindungen nach Moskau sind gut.

Auch der grosse Wochenendmarkt dürfte Juden nach Malachova gebracht haben. «Wenn am Sonntagmorgen ein Zug in unserem Bahnhof einlief», erinnerte sich die 79-jährige Eugenia Umanova, die ihr ganzes Leben im Ort verbracht und als Ärztin in einer lokalen Klinik gearbeite hat, «pflegten örtliche Antisemiten auf den Bahnsteig zu gehen und zu schreien: Berdichev ist gekommen.» Berdichev ist ein früher vorwiegend von Juden bewohnter Ort in der Ukraine. Von 1919 bis 1922 unterrichtete Marc Chagall hier in einer jüdischen Waisensiedlung, und in den späten zwanziger Jahren verbrachte der sechste Lubavitcher Rebbe drei Wochen in Malachova.

Zwei Bandanschläge
1932 wurde in der Nähe des Hauses des jüdischen Aktivisten Noah Alterman eine Synagoge erbaut. Um die Beschränkungen zu umgehen, die die Sowjets religiösen Organisationen auferlegt hatten, wurde das Gebäude als «Schuppen für Haushaltsgeräte» registriert. Fünf Jahre später wurde der Eigentümer des Hauses verhaftet und wegen «antisowjetischer Aktivität» hingerichtet. Die Synagoge wurde verstaatlicht, und die Juden von Malachova beteten weiterhin im Geheimen. «Mein Vater war ein Bäcker», erinnert sich Serafima Gorinova an der Eröffnungszeremonie der neuen Synagoge. «Um uns herum befinden sich einige Dutzend Juden und angeblich kein einziger KGB-Agent – aber natürlich weiss man das nie so genau.» Instinktiv senkte Gorinova ihre Stimme und flüsterte einem Reporter ins Ohr: «Die Hälfte der Moskauer Juden kamen hierher, um ihre Mazzen zu kaufen.» 1959 wurde die Synagoge zum ersten Male in Brand gesetzt. In den siebziger Jahren errichtete die Gemeinde das Haus von Neuem, das 2005 in deren Besitz überging. Nur zwei Monate danach brannte das Gebäude wieder nieder, die Tat eines Drogenabhängigen.

Gemeindevorsteher Aaron Kogan meinte an der Eröffnungszeremonie, er hoffe, man werde jeden Schabbat so viele Menschen in der Synagoge sehen wie bei der Eröffnungsfeier. Das dürfte allerdings unwahrscheinlich sein, zählte man in der alten Synagoge in der Regel doch 20 bis 30 Gottesdienstbesucher, die fast alle über 60 Jahre alt waren.





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