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16. April 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 15 Ausgabe: Nr. 15 » April 15, 2010

Der jüdische Jules Verne

April 15, 2010
Vor 150 Jahren wurde Theodor Herzl geboren. Er war Schriftsteller, Feuilletonist und Wegbereiter des politischen Zionismus.
Theodor Herzl «In Basel habe ich den Judenstaat gegründet», schrieb der Visionär 1897 in sein Tagebuch
Theodor Herzl

von L. Joseph Heid  

In der Septemberausgabe der Wiener «Jüdischen Presse» war 1896 zu lesen: «Die Bombe ist geplatzt. Man wollte es verhüten – vergebens. Es musste so kommen.» Diese Zeilen stammen von Saul Raphael Landau, einem Zionisten der ersten Stunde. Er verfasste sie, nachdem er das Buch «Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage» eines gewissen Theodor Herzl aus Wien gelesen hatte. An der Schwelle zum 20. Jahrhundert werden einige Juden unter dem Eindruck der Schrift von Herzl mit einem Mal nationaljüdische Empfindungen gespürt haben, von denen sie zuvor noch gar nichts wussten.

Politischer Zionismus

1896 war sein Jahr: In Paris war Theodor Herzl für die Wiener «Neue Freie Presse» Gerichtskorrespondent beim Dreyfus-Prozess, in dem der Generalstabskapitän Alfred Dreyfus wegen vermeintlicher Spionage für Deutschland zu lebenslänglicher Verbannung und Haft verurteilt wurde. Dreyfus war unschuldig, und sein Fall war mehr als ein Justizirrtum. Bei seiner Verurteilung spielte vor allem die Tatsache eine Rolle, dass er Jude war. Den Prozess begleiteten antisemitische Zwischenfälle, die auf ganz Frankreich und dann über die Grenzen hinaus übergriffen. Der dabei zutage tretende offene Judenhass weckte in Herzl, der offenen Antisemitismus in Wien nicht erlebt hatte, ein bislang wenig ausgeprägtes jüdisches Bewusstsein. Angesichts des Prozesses schrieb er seine Programmschrift «Der Judenstaat» in einem Zuge herunter. Und damit hatte Herzl den politischen Zionismus begründet.

Es war ihm ernst – in der «Judensache» verstand er keinen Spass. Er könne zwar Kritik vertragen, liess Herzl verlauten, «nur von den Waschlappen, Scheiss- und Lumpenkerlen mit oder ohne Geld will ich nichts wissen». Trotz der ihm von allen Seiten entgegengebrachten Skepsis liess Herzl sich nicht von seinem Vorhaben abbringen. An Reichskanzler Otto von Bismarck richtete er die grossspurigen Zeilen, er, Herzl, glaube, die Lösung der Judenfrage gefunden zu haben. Nicht eine Lösung, sondern die Lösung – die einzige.

Eine vielschichtige Persönlichkeit

Herzl, 1860 in Budapest in eine assimilierte Familie geboren, hatte in Wien zunächst Jura studiert und in diesem Fach auch promoviert, wandte sich dann der Schriftstellerei zu und reüssierte 1891 als Korrespondent der «Neuen Freien Presse» in Paris. Herzl, Jude der Religion nach, Ungar von Geburt, Österreicher durch seine Staatsbürgerschaft und Deutscher durch Erziehung und Kultur, war ein Musterbeispiel für
eine verwirrende, vielschichtige Persönlichkeit. In seinen Briefen und Tagebuchnotizen kommen seine entwaffnende
Offenheit, in denen er seine grandiosesten wie seine lächerlichen Phantasien eingestand, ebenso zum Ausdruck wie sein narzisstischer Charakter. «Wer in 30 Jahren Recht behalten will», kokettierte er einmal auf der Rückseite seiner Visitenkarte, «muss in den ersten drei Wochen seines Auftretens für verrückt erklärt werden.»

Zionistenkongress in Basel

Herzls Schrift über den Judenstaat, die am 14. Februar 1896 in einer Auflage von 3000 Exemplaren in Wien erschien, verursachte in weitesten Kreisen Aufsehen. Nur seine eigene Zeitung bewahrte eisiges Schweigen. Ganz Wien sprach über das Buch – in einer Mischung aus Verärgerung und Überraschung. Auf das Staunen folgte die Verachtung. «Vielleicht ist niemand so gehöhnt worden wie Theodor Herzl», schrieb Stefan Zweig, «und wie der andere Mann, der gleichzeitig eine entscheidende Weltidee allein und unabhängig aufgestellt, sein grosser Schicksalsgefährte Sigmund Freud.»

Ein Jahr nach dem Erscheinen seines Buchs, 1897, wollte Herzl auf einem allgemeinen Zionistenkongress in Basel der jüdischen Öffentlichkeit sein Judenstaat-Projekt vorstellen. Während der Kongressvorbereitungen wurde Herzl von Zweifeln gepeinigt. Seine bisherigen politisch-zionistischen Aktivitäten waren nicht gerade berauschend. Sichtbare Erfolge konnte er nicht vorweisen. Erste nörgelnde Kritiker aus den eigenen Reihen hatten sich eingestellt, die den Kongress noch in letzter Minute verhindern wollten. Noch einen Tag vor seiner Abreise stellte Herzl unbarmherzig fest: «Tatsache ist (...), dass ich nur eine Armee von Schnorrern habe. Ich stehe nur an der Spitze von Knaben, Bettlern und Schmöcken.»

Doch Herzls Ziele waren hoch gesteckt: Er wolle, notierte er salopp in sein zionistisches Tagebuch, «aus einem Lappen eine Fahne» und aus einem «gesunkenen Gesindel ein Volk» machen. Vom Selbstwertgefühl und von seiner eigenen geschichtlichen Grösse überzeugt, notierte er einen Tag nach der Kongresseröffnung in sein Tagebuch: «Die Geschichte des gestrigen Tages brauche ich nicht mehr zu schreiben, die schreiben jetzt bereits andere.» Noch am Abend der Kongresseröffnung zog Herzl ein erstes Fazit seiner zionistischen Tätigkeit. Und das fiel nicht gerade bescheiden aus: «Fasse ich den Baseler Congress in ein Wort zusammen – das ich mich hüten werde öffentlich auszusprechen – so ist es dieses: in Basel habe ich den Judenstaat gegründet.»

Eine Art Messias

Überall, wo Herzl auftrat, riss er die Menschen mit, die ihn als eine Art Messias verehrten. Viele glaubten, in ihm einen modernen Moses zu entdecken, der die Juden ins Gelobte Land zurückzuführen bestimmt war. Schon zu seinen Lebzeiten war er ein Mythos. Bald wurden ihm die Tore zu den europäischen Höfen geöffnet, Stationen waren St. Petersburg, London, die Hohe Pforte in Konstantinopel und der Heilige Stuhl. Anlässlich seiner Palästinareise 1898 empfing ihn Kaiser Wilhelm II. im Zeltlager vor Jerusalem. Herzl war ein Bewunderer Wilhelms II. und ganz der deutschen Kultur verhaftet. In Herzls Vorstellungswelt sollte der Judenstaat auf dem historischen Territorium des Nahen Ostens deutsch(-jüdisch) sein, und Deutsch selbstverständlich die Amtssprache. Wilhelm II. fühlte sich angesichts der jüdischen Avancen zunächst geschmeichelt: «Es wäre für Deutschland eine ungeheure Errungenschaft, wenn die Welt der Hebräer mit Dank zu mir aufblickt!»

Wilhelm II. hatte zunächst noch gehofft, sich mit Hilfe des Zionismus der unerwünschten «Mauschels», wie er die in Deutschland lebenden Ostjuden zu nennen beliebte, zu entledigen. «Die Juden sind überall eine Plage, die wir loswerden möchten», räsonierte er. Wenn es um die zionistische Sache ging, konnte Herzl des Kaisers Antisemitismus überhören.

«Träumer und Praktiker»

Humanitäre Aspekte interessierten Wilhelm II. nur wenig. Der Kaiser war bekannt, wenn nicht berüchtigt für seinen politischen Sachverstand und Weitblick und war sich für kein Bonmot zu schade. Angeblich fertigte er Herzl sogar mit den Worten ab: «Der Zionismus ist eine prachtvolle Idee – nur mit den Juden ist sie nicht auszuführen.» Selbst antisemitische Auslassungen aus Politikermund konnten Herzl nicht abschrecken, ja, er zeigte sogar ein gewisses Verständnis, glaubte er doch, dass es auch «anständige» Antisemiten gebe. Herzls Haltung zur Gründung eines Judenstaats, wo immer er liegen mochte, sei es im Sinai, in Uganda, auf Zypern oder in Südamerika, bleibt unschlüssig, wenn nicht rätselhaft: Lange Zeit musste sich seine Vision nicht unbedingt in Palästina, sondern konnte sich durchaus auf irgendeinem «Stück der Erdoberfläche» erfüllen. In seinem Tagebuch finden sich alle Details für die geplante Wanderung in das neue Land.

Herzl war gesundheitlich angeschlagen. Er wusste, wie es um ihn stand: «Es ist mir nach der dritten Glocke.» Da lag er schon auf dem Sterbebett und konnte Bilanz ziehen: «Ich bin kein Feigling und sehe dem Tod sehr ruhig entgegen, um so mehr [...] ich die letzten Jahre meines Lebens nicht nutzlos verbracht habe.» Und schliesslich ganz rhetorisch: «Ich war doch kein allzu schlechter Diener der Bewegung, meinen Sie nicht?» Theodor Herzl starb am
3. Juli 1904 mit nur 44 Jahren an einem Herzleiden. Zuvor hatte der «zu Schanden gearbeitete» Herzl seinen zionistischen Gesinnungsfreunden ins Stammbuch geschrieben: «Machet keine Dummheiten, während ich todt bin.» Dem Armensarg folgten mehr als 10 000 Menschen.

Martin Buber würdigte Herzl so: «Er war hart und innig, masslos und haltungsvoll, vornehm und nachtragend, Stimmungsmensch und Tatmensch, Träumer und Praktiker.» Und vermutlich hatte Buber recht, der einmal erklärte, dass Herzls Irrtümer fruchtbarer als die Erkenntnisse seiner Gegner waren. Herzls Biograf Amos Elon urteilte: «Nur wenige berühmte Männer haben einen so deutlichen Wegweiser zu ihren Neurosen hinterlassen, kaum einer vereinigt, wie Herzl, den Lustspielautor und die charismatische Führergestalt.» Damit ist die Persönlichkeit Herzl in all ihren Schattierungen hinreichend gekennzeichnet, und dennoch blieb für Buber und viele Zeitgenossen Ratlosigkeit: «Das Rätsel seines Wesens ist ungelöst.»

Reale Zielvorstellungen

Herzl war ein Praktiker, ein Mann der Tat. Gesorgt hat für seinen Nachruhm hauptsächlich der Niederschlag, den seine visionären Überlegungen gefunden haben. Seine Propagierung der Idee eines jüdischen Nationalstaats hat einer «Revolution» den Weg gebahnt, die in der Geschichte ohne Beispiel ist. Die durch ihn vermittelte Erkenntnis, dass die räumliche Sammlung, die Befreiung aus dem materiellen und seelischen Druck der Umwelt, die einzige Lösung für die Juden als Gesamtheit bedeuteten, hat fraglos zu einer Stärkung des jüdischen Bewusstseins bei einer nicht geringen Zahl von Juden geführt. Noch zu Herzls Lebzeiten nahmen einige Menschen ihren Weg nach Palästina, begannen, wie es in der zionistischen Terminologie jener Zeit heisst, «das Land mit ihrer Hände Arbeit zu gewinnen».

Ein Kompromiss

Herzl war und blieb der assimilierte österreichische Jude deutscher Kultur, der sich aus persönlichem Stolz und aus sozialem Mitgefühl zum verachteten Judentum bekannte. Vielleicht liegt hier die Erklärung, warum Herzl sich zeitweilig mit einer Lösung wie dem Ostafrika-Projekt anfreunden konnte. Ausschlaggebend für seinen Entschluss, einstweilen auf Palästina als zionistisches Ziel zu verzichten, waren vermutlich die Nachrichten vom furchtbaren Pogrom in Kischinew, die ihn tief erschütterten. Es sei nur eine einzige Antwort möglich, schrieb er damals an Freunde, die planvolle Massenauswanderung in ein rechtlich geschütztes Territorium, denn Kischinew sei noch nicht zu Ende.

Herzl hatte damals um jeden Preis die Bevölkerung der russisch-polnischen Ansiedlungsgebiete retten wollen, in denen sich 40 Jahre später der organisierte Judenmord abspielte. Gelungen ist ihm dies zu seinen Lebzeiten nicht. Erst auf den Gräbern von sechs Millionen ermordeter Juden konnte seine utopische Vision von einem «Judenstaat» verwirklicht werden. Für Herzl, hätte er es erlebt, wäre dies eine späte Genugtuung gewesen.

Auf die Frage, ob Herzl mit seinen Nachfolgern und der zionistisch-politischen Entwicklung der Gegenwart zufrieden wäre, antwortete der israelische Schriftsteller und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels Amos Oz: «Überhaupt nicht. Denn er wollte im Herzen des Nahen Ostens eine österreichisch-ungarische Republik schaffen, wo die Leute deutsch sprechen, sich wohlerzogen verhalten und zwischen zwei und vier Nachmittagsschlaf halten. [...] Zionismus ist kein Vorname, sondern ein Nachname – es handelt sich um eine lose Föderation von einander widersprechenden Träumen und Vorstellungen. Israel ist ein Kompromiss und wird es bleiben.»

Herzl war ein realistischer Träumer – ein jüdischer Jules Verne: 1897 hatte er unter dem Eindruck des ersten Zionistenkongresses in sein Tagebuch notiert, dass er in Basel den Judenstaat gegründet habe, und hinzugefügt: «Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in 50 wird es jeder einsehen.» Genau so ist es eingetroffen. Und auch seine prophetischen Worte, die er als Motto seinem 1902 erschienenen Roman «Altneuland», womit Palästina gemeint war, vorangestellt hatte, «Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen», waren drei Jahre nach dem millionenfachen Judenmord im Jahre 1948 in Erfüllung gegangen. Dennoch: Weder ist der Grossteil des Diasporajudentums dem Ruf Herzls gefolgt und hat sich in der nationaljüdischen Heimstätte niedergelassen, noch hat, angesichts der israelischen Siedlungs  und Besatzungspolitik, der Zionismus, wie es Herzl prophezeit und wohl auch gewünscht hat, seine Erfüllung gefunden





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