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16. April 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 15 Ausgabe: Nr. 15 » April 15, 2010

Der Herr, der Wissen schafft

April 15, 2010
Der Basler S. Karger Verlag zählt weltweit zu den bedeutendsten Verlagen für medizin-wissenschaftliche Publikationen. Nun feiern Verlag, Zeitschriftenagentur und Verleger ein 250-Jahre-Jubiläum.
Verleger Thomas Karger - Visionen verwirklichen

Er ist kein Mann grosser Worte, sondern klarer Taten.

So führt Thomas Karger den S. Karger Verlag seit 50 Jahren erfolgreich und trotz allen Krisen in der Branche. Während die Verlagsbranche sich im Zeitalter digitaler Medien neu erfindet, blickt der hemdsärmlige Unternehmer aus dem fünften Stock seines Verlags aus dem Fenster und meint: «Internet, online und digitale Medien sind keine Bedrohung, sondern eine Chance.» Was daherkommt wie Dialektik, ist die Strategie des Unternehmens, das den Fortschritt nicht als Hindernis betrachtet, sondern wie der Surfer die vorantreibende Welle.

Von Berlin nach Basel

Karger, der seit einem Jahr auch im Verwaltungsrat der tachles-Herausgeberin JM Jüdischen Medien AG sitzt, hat sein Geschäft schon vor Jahren in die Zukunft geführt. Expansion mit Vernunft ist die rote Linie einer umgesetzten Strategie. Der Verlag ist global, digital und innovativ. Die Produkte von hoher Qualität, was auch die vielen Auszeichnungen bezeugen. Ehrendoktorwürden der Universitäten Hamburg, Basel oder der Julius-Adams-Stratton-Preis für kulturelle Leistungen und eine Auszeichnung für die innovative und soziale Haltung eines Unternehmens stehen dafür, was Verlag und Verleger vereint: eine Kultur, die Menschen und Denken zusammenführt.

Die Tür im Büro des Patrons ist stets offen, Gespräche kann jeder mithören. Transparenz, Offenheit, Klarheit und Witz machen die Unterhaltungen mit Mitarbeitenden im Fünfminutentakt aus: Es geht um Projekte, Korrespondenzen, Updates, Entscheide und Reiseplanungen rund um die Welt. In den nächsten Wochen stehen die USA, Jordanien, Indien, Kuwait und Dubai an. Auf den Reisen trifft Karger Autoren, Herausgeber, Bibliothekare, besucht Wissenschaftskongresse, Buchmessen und pflegt so die wichtigen Netzwerke in der Welt der Wissenschaft und Forschung.

Die Familie Karger emigrierte in den dreissiger Jahren aus Berlin nach Basel. 1949 trat Thomas Karger in den Familienbetrieb ein. Zehn Jahre später übernahm er nach dem unerwarteten Tod des Vaters Heinz die Leitung des Verlags mit zwölf Zeitschriften und 30 Mitarbeitenden. Heute hat der Karger-Verlag über 300 Mitarbeiter, er gibt 78 wissenschaftliche Zeitschriften und jährlich 150 Bücher heraus. Die Zeitschriftenagentur Karger Libri beliefert Bibliotheken weltweit. Mit Filialen im Freiburg, Paris, New York, Neu-Delhi, Schanghai, Kuala Lumpur und Tokio ist der Verlag heute global tätig.

Die verwirklichte Vision

1999 folgte der Quantensprung. Mit seinem arabischen Partner gründete Karger in Jordanien das erste Bücherverteilzentrum für den Nahen Osten. Inzwischen ist «Kasha» ein veritabler Umsatzträger und eine verwirklichte Vision des Verlegers. Beim Besuch in Amman verweist Thomas Karger nach der Ankunft auf dem Kasha-Gelände zuerst auf jene Olivenbäume rund um das Zentrum, die er hat anpflanzen lassen. Symbol für Frieden, für Wachstum, für die Verbundenheit mit Land und Leuten. «Das ist mir wichtig. Denn im Vordergrund steht die Vision und nicht das nackte Unternehmertum.» Wissenschafts-, Bildungs- und Erziehungsliteratur machen denn auch das Hauptsortiment des Verteilers aus. In der jordanischen Wüste blickt Karger in die Abendsonne gegen Jerusalem: «Mit Toleranz, Respekt und Bildung sollten wir diese Grenzen doch abschaffen können.» Doch die Zeit ist noch nicht reif. Zumindest ist der freie Handel zwischen den beiden Ländern möglich, und so will Kasha bald auch in Israel vollständig präsent sein.

Vor drei Jahren erfolgte ein Schicksalsschlag für die Familie und das Fami­lienunternehmen. Sohn Steven Karger, der das Unternehmen inzwischen übernommen hatte, verstarb nach schwerer Krankheit. Thomas Karger leitete nun erneut das Unternehmen, das nun langsam in die Verantwortung von Tochter Gabriella und von Ralph Weil übergeht.

Jubiläum mit Zukunft

Nun feiert Karger am kommenden Wochenende drei Jubiläen: 120 Jahre Karger-Verlag, 50 Jahre Karger Libri und den 80. Geburtstag des Verlegers. Es gibt keine Gala, sondern ein Fest für Mitarbeitende und Freunde mit Kargers vier Lieblingsfilmen und ein paar Überraschungen im Rahmen einer Filmmatinee. Derweil sitzt Thomas Karger im Basler Büro, brütet über Korrespondenzen und meint: «Ein Verleger soll nicht in erster Linie und nur an den Profit, sondern vor allem an die Vermittlung von Wissen und an die Menschen denken.» Ein Satz, der die heutige Zeit kontrastiert. Ging doch der Karger-Verlag nie mit der Zeit, er war ihr voraus. Yves Kugelmann

www.karger.com


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