Mit Muslimen über den Holocaust sprechen
Beseelt von der Überzeugung, dass Wissen nach wie vor eine starke Waffe im Kampf gegen Intoleranz und Unrecht sei, hat die Stiftung zur Erinnerung an die Schoah das Projekt Aladin initiiert. Das Projekt wird von führenden Akademikern, Politikern und Intellektuellen aus aller Welt getragen und sucht den aufklärenden Dialog zwischen Juden und Muslimen. Ziel ist die Bekämpfung des Antisemitismus in der muslimischen Welt, die Aufarbeitung des Holocaust und die allgemeine Förderung des interkulturellen Dialogs und das Wirken gegen Rassismus (vgl. tachles 5/09). Erreicht werden sollen diese Ziele durch das Verbreiten von Wissen in den Sprachen der betroffenen Gesellschaften. Bildung, Informationskampagnen, Netzwerkbildung und die gezielte Nutzung des Internets, um die Geschichte des Holocaust und interkulturellen Dialog und Verständnis zu verbreiten, sind die Werkzeuge, mit denen gearbeitet wird.
Mutige Projekte
Anlässlich des diesjährigen Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus hat das Projekt Aladin zusammen mit dem französischen Ministerium für ausländische Angelegenheiten eine Serie von Anlässen in zehn Städten veranstaltet, welche es in dieser Form noch nie gegeben hat: Ende Januar und Anfang Februar wurden in Rabat, Casablanca, Tunis, Istanbul, Kairo, Bagdad, Erbil, Amman, Jerusalem und Nazareth literarische Abende organisiert, an welchen arabische und türkische Übersetzungen von Primo Levis Buch «Ist das ein Mensch?» vorgestellt wurden. Laut Anne-Marie Revcolevschi, Präsidentin des Projekts, wurde Primo Levis Werk gewählt, weil es auf zwei Ebenen ein exzeptionelles Dokument sei: Auf der einen Seite diene es als Zeugenaussage für Deportation und Holocaust und auf der anderen hinterfrage es die Menschen, indem es auch den Leser selbst hinterfrage. Das Lesen von Primo Levi sei daher sehr dazu geeignet, der Leugnung des Holocaust ein Ende zu setzen und zu erklären was geschehen ist.
Gut besuchte Veranstaltungen
Laut Revcolevschi setzte sich das Publikum mehrheitlich aus türkischen, arabischen oder kurdischen Intellektuellen, Akademikern, Aktivisten und Studenten zusammen. Die Teilnehmerzahlen variierten stark in den einzelnen Städten, die Veranstaltungen wurden aber grösstenteils sehr gut besucht. Unter dem Publikum waren auch verschiedene Minister, Parlamentarier, Botschafter oder Präsidenten jüdischer Gemeinden aus Tunesien, Marokko oder Ägypten. Die Tatsache, dass prominente muslimische Persönlichkeiten das Projekt unterstützen – etwa Marokkos König Mohammed VI., Prinz Hassan von Jordanien, Senegals Präsident Abdoulaye Wade, Prinzessin Haya Al Khalifa aus Bahrain oder der kürzlich verstorbene Abdurrahman Wahid, ehemaliger Präsident Indonesiens –, habe die Offenheit und Erreichbarkeit des muslimischen Publikums wesentlich erhöht.
Die Idee des Projekts, Wissen und Bildung durch das Verbreiten von Übersetzungen zentraler Schriften zu vermitteln, wurde von den Teilnehmenden hoch geschätzt. Das Projekt stösst auf grosses Interesse in der arabischen Welt. Andererseits wird auch von verschiedenen Seiten gewünscht, ein ähnliches Projekt in Europa und der westlichen Welt zu lancieren, bei welchem die Geschichte des Islam und Hauptwerke muslimischer Denker propagiert werden sollten. Das Projekt Aladin will sich auch dieser Aufgabe annehmen und arbeitet an entsprechenden Vorstössen. Auch in Politik und Medien der jeweiligen Länder findet das Projekt ein sehr positives Echo. Von über 500 Artikeln, welche zu den genannten Anlässen publiziert wurden, äusserten sich laut Abraham Radkin, welcher das Projekt Aladin ins Leben gerufen hat, 75 Prozent positiv. Einzig einige Medien, die islamistischen oder radikalen Kreisen nahestehen, kritisierten das Projekt als «zionistische Initiative», welche darauf abziele, die Anschuldigungen des Goldstone-Berichts zu kaschieren.
Kommende Projekte
Eine Vertiefung der Beziehungen mit den Fürsprechern des Projekts in den verschiedenen Ländern sei unabdingbar für den Erfolg des Projekts, meint Abraham Radkin. Indem durch die Übersetzung von Büchern zunächst vornehmlich die gebildete Elite angesprochen wird, zielt das Projekt auf die Unterstützung durch sogenannte Meinungsmacher, wie Politiker, Universitätsprofessoren oder Journalisten, die wichtige Stimmen innerhalb der jeweiligen Gesellschaften sind. Wie Radkin betont, bleiben die Verbreitung jüdischer Geschichte, die Übersetzung von Werken zum Holocaust und die Propagierung bereits übersetzter Schriften sowie deren Aufnahme in das schulische Programm Hauptziele des Projekts. Dazu sind verschiedenste Aktivitäten in Planung. So wird etwa 2011 in Zusammenarbeit mit dem Institut de hautes études internationales et du développement in Genf ein Sommerprogramm veranstaltet, bei welchem die Teilnehmer in Bereichen wie Konfliktforschung, Entwicklungsstudien und jüdische Geschichte geschult werden sollen.
«Shoah» im iranischen Fernsehen
Ein anderes Vorhaben ist die Übersetzung des Films «Shoah» von Claude Lanzmann ins Türkische, ins Persische und ins Arabische. Geplant wird, den mehrstündigen Dokumentarfilm in verschiedenen arabischen Staaten und in der Türkei im öffentlichen Fernsehen auszustrahlen. In Iran soll dies über einen Sender geschehen, der von den USA aus operiert und sich grosser Zuschauerzahlen in Iran erfreut. Mit diesem Vorhaben wird nicht mehr lediglich die gebildete Elite angesprochen, sondern auch gezielt die breite Bevölkerung. Das überaus wertvolle Projekt Aladin leistet Pionierarbeit in einem Feld, in welchem es noch sehr viel zu tun gibt. Wie Radkin betont, ist das Projekt nach wie vor froh um jegliche Form von Unterstützung.
www.projetaladin.org


