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April 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 04 Ausgabe: Nr. 4 » April 1, 2010

Sieben jüdische Fragen

April 1, 2010
«Judentum war Diskussion» – damit stellt Chefredaktor Yves Kugelmann im Standpunkt das Thema dieser Ausgabe klar: Nicht Antworten, sondern die Suche danach erklärt die Vitalität des Judentums, das bei seinen Fragen auf einen tiefen Fundus von Lehren, Überlieferungen und historischen Erfahrungen zurückgreifen kann. Wenn Kugelmann dann erklärt, nach der Schoah und der Gründung des Staates Israel seien «Dogmen, Programme, rechte und linke Ideologien» an die Stelle der Debatte getreten, mag er pessimistisch klingen. Aber indem er die jüdische Tradition des Disputs anruft, um erneut Diskussionen anzustossen, gibt er womöglich doch der Hoffnung Ausdruck, dass sich die Debattenkultur gegen Dogmen durchsetzen kann.

Wie die weiteren Beiträge zeigen, mag die Debatte zwar vielerorts Dogmen gewichen sein. Aber in den verschiedenen Strömungen des Judentums stellen selbst etablierte Geistesgrössen wie der Jerusalemer Religionsgelehrte Adin Steinsaltz keine apodiktischen Lehrsätze in den Raum: Wenn Steinsaltz das Judentum durch das Prisma des Begriffs «Familie» betrachtet, greift er auf die ältesten Fragen der Bibel zurück. Aber er argumentiert ebenso sorgfältig wie ausgreifend, um den Leser von seinem Standpunkt zu überzeugen. Taucht der in Basel geborene Psychologe Gabriel Strenger dann tiefer in die spirituellen Erlebniswelten des Judentums ein, identifiziert er dessen Vielfältigkeit als Nährboden für neue Antworten auf existenzielle Fragen: «Immer mehr Juden erkennen Gott in ihrer eigenen Seele und durch ihre persönliche, schöpferische Begegnung mit der Thora. Andere vernehmen die göttliche Botschaft in den facettenreichen weiblichen Stimmen, die in der jüdischen Gemeinschaft unserer Zeit immer mehr zu hören sind.»

Unter den drängenden jüdischen Fragen unserer Tage kann die nach dem Selbstverständnis Israels nicht fehlen. So seziert der Schriftsteller
A. B. Yehoshua den viel diskutierten Begriff «jüdischer demokratischer Staat». Yehoshua setzt bei Moses und anderen biblischen «Söhnen Israels» an, die auf die Fragen nach ihrem jüdischen Charakter antworten würden: «Wir verstehen nicht, wovon Sie sprechen.» Am Ende führt ihn seine abwägende Suche nach Antworten zu der Präferenz «demokratischer Staat».

Alle hier vertretenen Autoren kommen bei ihren Überlegungen nicht ohne den Rückgriff auf die Geschichte aus. Die Philosophin Myriam Bienenstock macht dies als «Pflicht der Erinnerung» verständlich und breitet deren moralische und politische Facetten aus. Für Bienenstock ist Erinnerung eine geistige Arbeit, die in der schwierigen Suche nach der «Verbindung eines historischen Inhalts mit einer moralischen oder besser: sittlichen – Dimension» besteht. Dies mag abstrakt klingen. Aber Bienenstock leitet aus dieser «Pflicht der Erinnerung» auch die Notwendigkeit von staatlichen Gedenkveranstaltungen ab, wie sie die französische Regierung für die Verhaftung und anschliessende Deportation jüdischer Bürger am Rande eines Radrennens im Juli 1942 ausgerichtet hat.

Ganz der israelischen Gegenwart zugewandt ist dagegen der junge Philosoph Emanuel Cohn. Er beobachtet als Forscher am Joseph-Carlebach-Institut eine neue Synthese zwischen westlichem Zionismus und jüdischer Tradition: «So lässt sich in den letzten Jahren eine eindrückliche Auseinandersetzung säkularer Israeli mit jüdischen Quellen und dem geistigen Erbe des Judentums konstatieren. Mehr und mehr offene Lehrzentren spriessen aus dem Boden, wo sich junge säkulare Israeli unter sich oder zusammen mit religiösen Studenten unvoreingenommen mit der breiten Palette jüdischer Schriften und Denker befassen und den Talmud neben Achad Haam und Bialik diskutieren.» So kann der Leser mit Cohn hoffen, dass die Dogmen dem jüdischen Drang zur Diskussion nicht lange werden widerstehen können. ●





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