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April 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 04 Ausgabe: Nr. 4 » April 1, 2010

Heimkehr

April 1, 2010
Der Begriff Familie kann dem Selbstverständnis des Judentums dienen – nicht nur im biologischen oder soziologischen, sondern auch im theologischen Sinn.
JUDENTUM ALS FAMILIENKONZEPT Sich von der Familie entfernen und dann doch wieder in ihren Schoss zurückkehren

Von Rabbiner Adin Steinsaltz


DIe meisten Juden sind so weit über die Welt verstreut und so weit voneinander entfernt, dass sie kaum jemals zu einer gemeinsamen Sprache oder auch nur zu Worten finden, die ihnen das gemeinschaftliche Bewusstsein geben, dem jüdischen Volk anzugehören. Dieses Phänomen wird Assimilation genannt und bezeichnet im Wesentlichen den Verlust des gemeinsamen Erbes. Damit wir wieder miteinander sprechen können, müssen wir auf tiefere Schichten der Seele zurückgreifen, womöglich auf solche nahe am Unbewussten. Sonst können wir keine gemeinsame Sprache mehr finden.

Obwohl wir die Entwicklung einer israelischen Nation erleben können, lassen sich Juden kaum als Nation kategorisieren. Wir können sie auch kaum als Religionsgemeinschaft im üblichen Sinne bezeichnen, da uns eine Botschaft fehlt, die wir anderen verkaufen wollen. Wir sind einfach eine ganz eigentümliche Gemeinschaft. Aber womöglich kann der Begriff Familie unserem Selbstverständnis dienen. Wir könnten uns als grosse Familie betrachten, nicht im rein biologischen, sondern in einem grundsätzlicheren Sinn. Für den Soziologen sind Familienbande sehr viel elementarer als nationale oder religiöse. Natürlich stellt die Familienbeziehung die primitivste zwischenmenschliche Verbindung dar. Aber sie ist die vermutlich stabilste und widersteht äusseren Einflüssen am meisten.

Das Konzept, Juden als Familie zu betrachten, definiert uns nicht nur im soziologischen Sinn, sondern sozusagen auch theologisch. Wir verhalten uns tatsächlich nicht nur wie eine Familie – wir fühlen auch so, streiten miteinander und hassen uns so, wie dies nur Verwandte tun. Für Aussenstehende kann es gefährlich werden, wenn sie sich da einmischen. Denn äusserer Druck bringt die Einigkeit und das jüdische Familiengefühl nur stärker zum Ausdruck. Es ist mitunter einfach, uns auseinanderzu- bringen und uns voneinander zu entfremden. Aber auf einer bestimmten Ebene finden wir dann auch wieder als Familie zusammen: Wir fühlen unsere Gemeinschaft in der Art und Weise, wie wir miteinander umgehen. Und selbst wenn wir über unsere Gemeinsamkeiten im Irrtum sind, so haben wir doch bezüglich unseres Verhaltens eine gemeinsame Basis.

Wie bei jeder Familie kann es geschehen, dass wir gar keine Gemeinsamkeiten erkennen können. Und doch existieren alle möglichen Verbindungen, die wir manchmal nur mit grösster Anstrengung identifizieren können. Darüber hinaus fühlen wir uns gelegentlich sogar im Streit behaglich miteinander, wie das nur im Familienkreis möglich ist. Verständlicherweise empfinden wir ein gewisses Mass an Sicherheit, wenn wir zusammen sind und es fällt uns leichter, innerhalb der Familie Verbindungen miteinander zu knüpfen. Aber selbst Brüder und Schwestern können
einander fremd werden. Sie ziehen in verschiedene Länder, legen sich verschiedene Akzente, Lebens- und Verhaltensweisen zu. Und doch existiert ein verbindendes Element, das sehr primitiv ist, sich kaum beschreiben lässt und doch unzweifelhaft existiert.

Das «Haus Jakob»

Man könnte die Behauptung wagen, dass das Judentum als Religion schlicht das Wesen unserer eigenartigen Familie widerspiegelt. Damit meine ich nur, wie wir bestimmte Dinge angehen. Wir gehen und reden mit Gott und Mensch wie andere auch, aber wir tun das auf unsere Weise. Wie in jeder Familie versuchen wir in unserer Jugend mitunter wegzulaufen oder mit unseren Eltern zu streiten. Später erkennen wir, dass wir ihnen immer ähnlicher werden. Als eigentümliche Lebensweise besteht das Judentum in vielerlei Hinsicht in der Art und Weise, in der wir uns als Familie bewegen, in der wir beten, uns kleiden, essen und alle möglichen sonstigen Dinge tun. Wir gehen jede denkbare Sache in unserer eigenen Manier an. So essen wir in unserer Familie bestimmte Dinge nicht. Das bedeutet aber nicht, dass wir darum irgendeinen besonderen Anspruch erheben und etwa sagen, wir seien «die beste Familie, die es gibt». Und doch kann dieses Gefühl wie in jeder Gruppe von Menschen auch bei uns aufkommen. Dafür kann uns niemand Vorwürfe machen.

Auf einer sehr tiefen Ebene nennt die Bibel diesen Gedanken, dass unser Volk tatsächlich unsere Familie ist, dass wir einander als Brüder und Schwestern nicht nur durch Verwandtschaft verbunden sind, sondern auch durch unsere Lebensweise, das «Haus Jakob» oder das «Haus Israel». Daraus spricht Familiensinn oder Stammessinn – ein weit gedehnter Stammessinn, aber wir bleiben doch ein Stamm mit gemeinsamen Zielen, ein Stamm, der irgendwie eins ist, auch wenn diese Einigkeit aufgrund einer Vielzahl individueller Ausdrucksformen nicht immer klar ist. Die Verbindungen liegen so tief, dass wir ihrer gemeinhin nicht bewusst sind. Aber mitunter werden sie wach und dann fühlen wir den Ruf des Clans. Und zu unserer eigenen Überraschung folgen wir dann diesem Ruf.

Dieses Familiengefühl erklärt womöglich, warum das Judentum als Religion nie wirklich ernsthaft versucht hat, Anhänger zu finden. Eine Familie denkt ja auch nicht daran, Leute auf der Strasse aufzugreifen, damit sie der Familie beitreten. Das heisst nicht, dass sich Juden über- oder unterlegen fühlen. Die Tatsache spricht schlicht dafür, dass das Judentum von Anfang an seinen eigenen Mustern und seiner eigenen Lebensweise gefolgt ist. Selbst wenn die Mitglieder einer solchen Familie das Heim der Vorfahren verlassen und in ferne Lande ziehen, so bleiben sie doch dem gemeinsamen Lebensstil treu – in theologischer und soziologischer Hinsicht sowie hinsichtlich ihres Verhaltens. Natürlich kann es vorkommen, dass Familienangehörige scharf zurechtgewiesen werden und Brüche zwischen Einzelnen auftreten. Aber wirklich verlassen kann man die Familie letztlich nicht. Man mag die Sippe hassen, aber trennen kann man sich nicht von ihr. Und nach einer bestimmten Zeit sehen das jüngere oder ältere Juden dann auch ein. Deshalb ist es viel besser, wenn sie nach ihren jeweiligen Verbindungen zum Judentum suchen. Die Wahl, die Verbindung zu bestreiten, steht ihnen nicht offen. Man wird damit geboren. Und da man nun einmal mit dieser Verwandtschaftsbeziehung zur Welt gekommen ist, ist es sehr viel besser herauszufinden, woher man kommt und wer man ist.

Die Suche nach der Familie

Für manche unserer Leute ist das fast wie die Geschichte vom Entenküken, das von einer Henne ausgebrütet worden ist. Unsere Entenküken wachsen häufig genug in einer fremden Umgebung auf. Dort werden ihnen Denk- und Lebensweisen beigebracht, die ihnen völlig fremd sind. Juden haben viele andere Kulturen, Nationalitäten und mitunter sogar Religionen angenommen. Gelegentlich kommt es dann zu einer ganz wunderbaren Erkenntnis und einer Rückkehr. Aber häufig entdeckt man dann auch: Ich bin anders. Und findet man dann tatsächlich Wasser, dann schwimmt man ganz selbstverständlich darin, auch wenn die Zieheltern und Lehrer dies nicht tun. Aber die Suche nach Familienzugehörigkeit ist ohnehin ein aus der Literatur vertrautes Thema und im Alltag macht jeder von uns diese Erfahrung – ob er sich dessen nun bewusst ist oder nicht. Wer seine Familie rasch findet, der kann nicht nur Zufriedenheit darüber empfinden (und zumindest sicher sein, dass er einmal auf dem richtigen Friedhof seine letzte Ruhe findet), sondern ihm steht auch ein erfüllteres Leben offen. Es ist paradox, aber Freiheit erwächst tatsächlich aus der Akzeptanz eines festen Lebensrahmens, an den man sich auf Dauer bindet.

Natürlich ist eine Familie in der Regel eine biologische Einheit. Die jüdische Familie ist eine derartige Einheit – aber nicht immer. Wir nennen uns die Kinder Abrahams oder die Kinder Jakobs. Rein biologisch trifft das aber für viele von uns nicht zu. Aber unser tatsächliches Erbe ist alles andere als biologisch. Unser Stamm ist kein Stamm wie andere. Um ein alte Quelle zu zitieren: Wenn wir vom Vater und von der Mutter unserer Familie sprechen, dann meinen wir Gott und den Israel gemeinsamen Geist. Das ist mehr als eine mystische, theologische Feststellung. Dies sind die Fundamente, auf der unsere Familie errichtet wurde, dies bestimmt, wie wir als Familie handeln und empfinden.

Wenn wir über Gott, unseren Vater, sprechen, dann geht es nicht um ein Bild, sondern um ein Gefühl der integralen Teilhabe an der Quelle unserer Familie. Daraus erwächst eine stärkere Familie. Aber dennoch verhalten wir uns wie eine ganz normale Familie. Wie alle Kinder durchleben wir Phasen, in denen wir Vater bewundern und solche, in denen wir mit Vater kämpfen oder ihn sogar hassen. Aber niemals können wir den Punkt erreichen, an dem wir die Existenz eines Vaters, unseres Vaters, verneinen. Natürlich gibt es Kinder, die eine solche Verweigerung als Ausdruck von Rebellion sehen, und verschiedene Familienmitglieder werden darauf auf ihre Weise reagieren. Mitunter kann eine solche Blasphemie Familienmitglieder sehr zornig machen. Aber manchmal warten sie auch nur, bis das junge Blut abkühlt.

Aber, ob man nun hasst oder liebt, glühend glaubt oder leidenschaftlich in seiner Häresie ist – man bleibt doch stets das Kind seines Vaters. Diese grundlegende Verbindung wird die jüdische Religion genannt: Man gehört dieser Familie an. Wir haben unsere eigene Geschichte, aber das ist nicht der wesentliche Teil dieser Familienzugehörigkeit. Ganz wesentlich ist dagegen unsere Beziehung zum Vater und der Mutter dieser Stammesgemeinschaft, der wir alle auf die eine oder andere Weise angehören. Die von diesem Stamm noch Verbliebenen verstehen das.

Heterogene Familie

Unsere ziemlich grosse, bedrängte und mitunter gar nicht so glorreiche Familie besteht aus vielen Teilen, die gar nicht zueinander passen zu scheinen. Wie weit sind wir dieser Beziehungen bewusst und wie deutlich nehmen wir jeweils die Existenz der anderen Familienmitglieder wahr? Wir versuchen oft – und manche von uns geben sich darin grosse Mühe – jede Verbindung zu dieser Familie zu ignorieren, zu verneinen oder sie gar aus unserem Wesen zu verbannen. Andererseits versuchen viele ganz bewusst, wieder in den Schoss der Familie zurückzukehren. Und dabei treibt sie nicht unbedingt nur die Suche nach «Gott». Häufig ist dies das Ergebnis einer langen Wanderschaft und einer weit schweifenden Suche und der Sehnsucht nach einem Gefühl, das nicht immer beschrieben werden kann: das der Heimkehr.

Es gibt schönere Anwesen und aufregendere Orte, aber sie können doch kaum dem Zuhause gleichkommen. Denn für jeden Wanderer und für alle jene, die von ihrer Familie getrennt sind, gilt doch, dass das verzweifelte Streben nach Unabhängigkeit nur zu der Erkenntnis führt, dass man doch versuchen muss heimzukehren und die Wahrheit der heimischen Geborgenheit erkennt.

Wesentlich für einen Juden ist daher die Einsicht: «Ich gehöre dazu» – ob man will oder nicht. Dies ist der tiefste und bedeutsamste Teil meiner Existenz und darüber kann ich nicht mit irgendwelchen Ansichten über Sprache, Kultur, Nation oder Religion hinwegtäuschen. Am Ende gehöre ich doch der Familie an. Und je tiefer ich mich in mir versenke, desto bedeutsamer wird die Vergangenheit. Ich kann diese Vergangenheit ablehnen oder sie gänzlich von mir abtrennen und in fremde Rollen schlüpfen. Aber dies ändert nichts an meinem Wesen. Aber wenn ich dann darüber mehr erfahren will, mache ich mich auf den langen Heimweg. Dies ist kein leichter Gang. Aber er lohnt sich und schenkt uns seine eigene Wahrheit.

Wenn im Zoo aufgezogene Tiere freigelassen werden, dann wissen sie mitunter nicht, ob sie Wölfe oder Rehwild sind. Sie müssen herausfinden, wer und was sie sind. Es ist eine grosse Entdeckung, wenn man erfährt: «Das bin ich», und wenn man nach der dem eigenen Wesen angemessenen Verhaltensweise sucht. Dies ist die Bestimmung eines Juden, der seiner Familie fremd geworden ist. Er mag dabei Helfer finden oder auch nicht. Er mag sich fast instinktiv in sein natürliches Habitat bewegen oder er kann auf alle möglichen merkwürdigen Widerstände stossen, die seinem normalen Verhalten für immer in die Quere kommen. Dann kann es sein, dass dieser Irrweg erst in einer zukünftigen Generation beendet wird.

Dieser Prozess wird sehr häufig von tragischen Missgeschicken begleitet – man findet, verliert und findet wieder. Aber im Wesentlichen sprechen wir hier über einen Menschen, der irgendwann aufwacht und feststellt, dass er zu dieser sehr alten Familie mit diesen merkwürdigen Eltern und den mitunter hässlichen Brüdern und Schwestern gehört – obwohl er etwa im Mittleren Westen der USA aufgewachsen ist. An diesen Gedanken muss er sich gewöhnen. Und dann muss er herausfinden, was er daraus macht. ●

Geboren 1937 in Jerusalem und auch als Naturwissenschaftler ausgebildet, ist Rabbiner Steinsaltz einer der prominentesten Vertreter des orthodoxen Judentums. Er lebt und arbeitet in Jerusalem.





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