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26. März 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 12 Ausgabe: Nr. 12 » March 25, 2010

Was braucht Israel?

March 25, 2010
Doron Rosenblum über Binyamin Netanyahu

Es ist kaum anzunehmen, dass jemand in der heutigen Administration im Weissen Haus oder sonstwo auf der Welt die Geduld oder den Wunsch verspürt, den Motiven der Regierung Netanyahu auf den Grund zu gehen. Wer aber trotzdem besser verstehen will, was den israelischen Premier antreibt, der sollte sich die Fotos des eindeutig unpolitischen Anlasses anschauen, an dem die Familie Netanyahu letzte Woche teilnahm: An der Siegerehrung des nationalen Bibelquiz, das Avner Netanyahu, der Sohn von Sara und Binyamin Netanyahu, gewonnen hat.

Die glückliche Familie machte ganz den Eindruck, einem alten, vergilbten Bild entsprungen zu sein: Stolze und strahlende Eltern, von beiden Seiten von patriarchalischen Grossvätern umgeben, die einen autoritären Schatten über die ganze Szenerie warfen. Die Familie strahlte eine Verpflichtung gegenüber der hebräischen Bibel und der Geschichte. Das Bild löste ein Gefühl des tiefen Bewusstseins für das «jüdische Schicksal» aus.

Es reicht, sich diese Familie vor Augen zu halten, um zu verstehen, wo der Premierminister herkommt und wie er sich in seinen Motiven, seiner Abstammung und den Absichten seiner Handlungen nicht nur von seinen Vorgängern unterscheidet, sondern auch von der Mehrzahl der heutigen politischen Persönlichkeiten in aller Welt.

Die Wurzeln der gegenwärtigen Krise mit den USA sowie des unterschwelligen, aber permanenten Gefühls des Missverständnisses, das Netanyahu auf der internationalen Bühne begleitet, liegen also in
seiner Herkunft und Weltanschauung. Das war in Netanyahus erster Kadenz ebenso ein Problem wie in der jetzigen.

Auf den ersten Blick macht Netanyahu den Eindruck eines modernen Politikers eines normalen Landes. Ein umständlicher, im wesentlichen aber pragmatischer Staatsmann, mit dem man in letzter Konsequenz politische Abkommen über alles, einschliesslich Jerusalem, wird treffen können.

Doch das ist eine Illusion. Gemessen an seinen grundlegenden
Ansichten und an seiner Weltanschauung ist Netanyahu tatsächlich einer der anachronistischsten und archaischsten Regierungschefs, die Israel je hatte. Er ist sogar «älter» als die meisten seiner Vorgänger, die während ihrer Kadenzen älter an Jahren gewesen sind als er. Einige von ihnen erlaubten sich, flexibel zu sein und einen den Umständen entsprechenden Richtungswechsel einzuleiten, wobei sie selber als Vaterfiguren auftraten. Netanyahu dagegen war und bleibt eingebunden in die Rolle des ewig guten Sohnes. Sein primäres Interesse sieht er darin, den Werten zu genügen, die er von seinem Vater mitbekommen hat, auch wenn das die ganze Welt gegen ihn in Aufruhr bringen sollte.

Es verwundert daher nicht, dass er, wenn die Amerikaner und andere internationale Diplomaten mit ihm über Äpfel sprechen, von Birnen redet (zumindest wenn es um Jerusalem und die Siedlungen geht). Sie sprechen von der Realpolitik, Demografie und Geografie, während er ihnen im Namen von Grundsätzen antwortet. Zwar taten einige seiner Vorgänger dasselbe, aber es geschah nie mit den gleichen umständlichen, trügerischen
Effekten.

Zweifellos ist Netanyahu durch Koalitionsvereinbarungen eingeschränkt, doch dürfen wir nicht vergessen, dass er selber auch Bestandteil des gleichen Täuschungsmanövers ist. Schliesslich hat Netanyahu sich diese Einschränkungen, wie die unglücklichen Ernennungen von Kabinettsmitgliedern, von Anfang an aufgebürdet, in eklatantem Widerspruch zu jeder realpolitischen Logik. Es war, als
ob er alles unternommen hätte, um nicht «Gott behüte zu scheitern», indem er sich in einen echten pragmatischen Prozess hätte einbinden lassen. Wenn es ihm wirklich ernst gewesen ist in seiner Rede über die Idee von zwei Staaten, warum weigerte er sich dann, diese Worte vor einem Jahr zu formulieren, als er sich mit Kadima in Koalitionsverhandlungen befand?

In Wahrheit funktioniert Netanyahu mehr als Premierminister von
Jerusalem denn als Premier des ganzen Landes. Zutreffender wäre es, ihn als Premier von «Jerusalem» in Anführungszeichen zu sehen: Nicht der Stadt an sich mit ihren geopolitischen und demografischen Problemen und den praktischen Lösungen, die sich im Rahmen eines umfassenden Abkommens aufdrängen. Vielmehr ist Netanyahu Regierungschef des «himmlischen Jerusalem», Premier des Jerusalems der Grundsätze, der Metaphern, der Gelübde und Deklarationen, des Jerusalem der Bibel, der Liebe Zions und unserer Vorväter, der Klagemauer und des Bibelquiz, eines mystischen Jerusalem, das sich nicht vereinbaren mit Abkommen, Kompromissen und Lösungen lässt.

All das läuft den Prinzipien des praktischen Zionismus diametral entgegen. Der praktische Zionismus hat bei all seiner Begeisterung für Jerusalem auch die Wiederbelebung des Hebräischen und des israelischen Ethos gefördert, und zwar in jedem Teil des Landes, in dem er mit weiser Voraussicht mit internationaler diplomatischer Unterstützung institutionalisiert werden konnte.

Es ist gut, Jerusalem an die vorderste Stelle unserer Freude zu platzieren, wie die jüdische Redewendung es besagt. Wenn aber Expansion und Judaisierung zu blinder Obsession werden, die mit den klaren und unmittelbaren Interessen des gesamten Staates Israel kollidiert, dann müssen wir uns fragen, welche Art von politischer Führung wir zurzeit brauchen. Brauchen wir einen guten Jerusalemer, der als internationales Enfant terrible gilt oder brauchen wir einen
israelischen Premierminister?

Doron Rosenblum ist Redaktor bei «Haaretz».








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