Jüdische «Ehrenbürger»
Es gibt, so der Volksmund, zwei Arten von religiösen Menschen in der argentinischen Ortschaft Miramar: Die Surfer, die für die fantastischen Wellen beten, für welche Miramar berühmt ist, und die Juden, die im Sommer hier eintreffen und aus Miramar so etwas wie ein Stetl machen. Eine Kombination aus beidem stellen die jüdischen Surfer dar.
Vier seiner ersten Schüler seien traditionelle Juden gewesen, die sich koscher verpflegten und Surf-Pausen einlegten, um beten zu können, erinnert sich Daniel Pezzente, der kürzlich in Miramar eine Bed-and-Breakfast-Surfschule eröffnete. Zwei dieser Schüler waren ortsansässig, die anderen beiden hatten den weiten Weg von Kalifornien nach Miramar zurückgelegt.
In den Monaten Januar und Februar ist Miramar für die Juden von Buenos Aires das, was an Pessach für New Yorker Juden Miami Beach ist. In Argentinien leben rund 40 Millionen Menschen; etwa 200 000 von ihnen sind Juden. Das macht das Phänomen Miramar zu etwas ganz Besonderem. Das knapp 400 Kilometer südlich von Buenos Aires und eine halbe Autostunde vom berühmten Strandort Mar del Plata gelegene Ferienparadies ist für die jüdische Gemeinschaft des Landes zum Favoriten für die Sommerferien geworden. Mesusot an Türen sind kein ungewöhnlicher Anblick, und Restaurants haben auf ihren Menukarten Speisen wie Knishes, Kasha und Ähnliches. Am Strand spielen jüdische Kinder und tragen Halsketten mit einem «Chai»-Anhänger, vereinzelt sieht man auch Kippot. Am Abend finden mitunter israelische Tanzvorstellungen statt. «Juden sind hier mehr als nur Touristen», meint Maria Eugenia Bove, Tourismus-Sekretärin von Miramar. «Sie sind Teil der Geschichte und der Zukunft unserer Stadt. Sie sind Ehrenbürger.»
Die jüdische Verbindung zu Miramar geht auf das 19. Jahrhundert zurück, als 1891 am Strand von Argentinien ein Schiff mit Juden anlegte, die auf der Flucht vor den Verfolgungen in Europa waren. Zuerst machte die von Baron Hirsch finanzierte «Pampa» im Hafen von Buenos Aires Halt; die Flüchtlinge hätten sich in der Provinz Entre Rios niederlassen sollen. Weil ihre Wohnungen aber noch nicht bereit waren, erhielt das Schiff die Anweisung, weiter nach Süden zu segeln. Schliesslich wurden die Passagiere der «Pampa» im Atlantic Hotel bei Miramar untergebracht, einer erst drei Jahre zuvor gegründeten Ortschaft.
Einstige Immigrantenfamilien
«Das erste Zeugnis für die Beziehungen zwischen unserer Stadt und den Juden war geprägt von einer schrecklichen Tragödie», sagt Carlos Pagliardini, Tourismusdirektor von Miramar: Eine grosse Anzahl von Kindern hatten sich an einer von Vögeln übertragenen Krankheit angesteckt und starb hier. Danach liessen sich die meisten Eltern in der Provinz Entre Rios nieder. Viele der Väter und Mütter kehrten danach nach Miramar zurück, um die Grabstätten ihrer Kinder zu sehen.»
Während der Boomzeiten der fünfziger Jahre arbeiteten sich viele dieser Immigrantenfamilien aus der Armut in die Mittelklasse empor. Zum ersten Mal konnten sie es sich leisten, ein Haus zu kaufen, ihre Kinder aufs College zu schicken und einen Lebensstandard zu geniessen, der ihren Vorfahren noch unmöglich erschienen war: Ferien am Meer. Mar del Plata war zwar das beliebteste Urlaubszentrum in Argentinien, doch dort mochte man Juden nicht. «Der Ort war teuer», sagt Anita Weinstein, Leiterin des Dokumentationszentrums der jüdischen Gemeinde. «Er wurde vor allem von der argentinischen Oberklasse besucht, die über die Ankunft der Juden die Nase rümpfte.» Die Juden fingen an, sich ins günstigere Miramar, rund 50 Kilometer südlich von Mar del Plata, zu begeben. Die ersten Gebäude im Ort wurden nach der jüdischen Familie Belmes benannt – Unternehmer und Investoren, die preisgünstige Häuser zum Verlauf errichteten, dabei aber ein paar Wohnungen für den Eigengebrauch behielten.
Koscheres Essen
Die Beliebtheit von Miramar stieg unter den Juden des Landes schnell. Laut Ricardo Gaudini, Besitzer des Hotels Tiburon, sind im Februar 85 Prozent seiner Gäste jüdisch, im Januar liegen die Zahlen nur unwesentlich niedriger. Andere Hotels sprechen von ähnlichen Zahlen. «Schon vor 35 Jahren», so Gaudini, «waren meine ersten Kunden jüdisch. Heute sind die meisten der Familien auch meine Freunde. Ich wurde schon zu vielen Bar-Mizwa-Feiern eingeladen.»
Im Laufe der Zeit ist Miramar wesentlich «jüdischer» geworden. 1998 nahm in der Stadt das erste Koschergeschäft den Betrieb auf. Man kann hier Falafel und die sephardische Spezialität Lahmacun essen. «Ich mache die besten Knishes in Argentinien», brüstet sich die nicht jüdische Köchin Gladys Linares. «In der letzten Saison verkauften wir über 30 000 Mahlzeiten, 1000 Kilogramm Fleisch und über 450 Kilogramm Huhn. Wir offerieren auch aus den USA importierten Wein.»
Geschäftsinhaber Jacobo Simantov ist auch für Beit Yaacov, die Synagoge der Stadt, verantwortlich, die nur während der Sommermonate offen ist: Als einziger Ort am Strand von Argentinien verfügt Miramar über eine eigene Synagoge. Am 15. Januar entdeckte man in einer Strasse in der Nähe des Gotteshauses antisemitische Graffiti, worauf ein Treffen mit dem Bürgermeister der Stadt arrangiert wurde. Die Urheber der Schmierereien wurden nicht gefunden, doch sind solche Zwischenfälle eher die Ausnahme als die Regel in der Stadt. Schon typischer war der Anlass vom 6. Februar: Aus Solidarität mit den Erdbebenopfern von Hai- ti organisierte die jüdische Gemeindschaft ein Strassenfestival mit israelischen Tänzen. Wie schon bei früheren israelischen Tanzfestivals in Miramar stellte die Stadt auch jetzt wieder öffentliches Gelände zur Verfügung und lenkte den Strassenverkehr um. «Die jüdische Gemeinschaft, die sich sehr für den Fortschritt der Stadt einsetzt, liegt uns sehr am Herzen», so Tourismusdekretärin Bove. In der Innenstadt von Miramar erinnert ein Denkmal an die Opfer des Bombenanschlags von 1994 auf das jüdische Gemeindezentrum von Buenos Aires.
In letzter Zeit hat die Präsenz ultrareligiöser Juden in Miramar zugenommen. Um ihren Bedürfnissen gerecht zu werden, offeriert das Wellnessresort Maui zwei voneinander getrennte Reihen von Strandzelten, eine für Frauen und eine für Männer. Im kommenden Jahr wird das Tiburon zudem ein koscheres Grillrestaurant eröffnen. Koexistenz ist in Miramar die Regel und nicht die Ausnahme.


