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26. März 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 12 Ausgabe: Nr. 12 » March 25, 2010

Enthüllungen über die Flucht

Ofer Aderet, March 25, 2010
Immer stärker wird der Ruf nach einer Veröffentlichung von über 4500 Seiten geheimer Dokumente über die Flucht des Nationalsozialisten Adolf Eichmann nach Argentinien. Haben deutsche Offizielle und der Vatikan Eichmann bei der Flucht geholfen?
NEUER PASS Wer war Adolf Eichmann bei der Beschaffung der Dokumente behilflich?


Das deutsche Verwaltungsgericht in Leipzig wird demnächst darüber befinden müssen, ob und wann rund 4500 Seiten klassifizierter Dokumente über die Flucht Adolf Eichmanns nach Argentinien und seine spätere Gefangennahme und Entführung durch israelische Geheimagenten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen sind. Gemäss einem zu Beginn der Woche im britischen «Daily Mail» erschienenen Artikel hat sich die deutsche Journalistin Gabriele Weber mit der Bitte an die Gerichte gewandt, der Bundesnachrichtendienst (BND) solle die Unterlagen freigeben. Nach Angaben des BND hingegen werden die Dokumente aus Gründen der Staatssicherheit weiter als vertraulich behandelt. Die Publikation einiger der Unterlagen könnten einerseits ausländische Geheimdienste veranlassen, künftig von einer Zusammenarbeit mit Deutschland abzusehen, und andererseits eine Verwicklung des Vatikans und vielleicht sogar Italiens in die Flucht des prominenten Nazis offenlegen.

Geheime Dokumente

Adolf Eichmann, einer der zentral Mitverantwortlichen der «Endlösung», mit welcher die Nazis das europäische Judentum ermorden wollten, wurde 1946 von der
US-Armee gefangengenommen und als Kriegsgefangener per Schiff über den Atlantik transportiert. Noch im gleichen Jahr gelang ihm die Flucht. Er versteckte sich in Deutschland, Italien und der Schweiz, bis er einen neuen Pass und ein argentinisches Visum erhielt. 1950 floh er als Ricardo Klement nach Argentinien. Eichmann von dem in Rom tätigen deutschen Bischof Alois Hudal unterstützt, der bekannt für die Hilfe war, die er Nazis angedeihen liess, die sich dem Zugriff der Justiz durch die Flucht entziehen wollten. Zehn Jahre lang lebte Eichmann-Klement unerkannt in einem Vorort von Buenos Aires, bevor Mossad-Agenten ihn nach Israel entführten, wo er nach einem Aufsehen erregenden Prozess 1962 durch den Strang hingerichtet wurde.

Am meisten würde es israelische Forscher interessieren, Einsicht in Dokumente zu erhalten, welche Auskunft über eine angebliche Kooperation zwischen dem Mossad und dem deutsche Geheimdienst im Vorfeld von Eichmanns Gefangennahme in Südamerika geben. Laut Anwälten des BND müssen die Dokumente geheim bleiben, weil ein Grossteil der in ihnen vorhandenen Informationen von einer «ausländischen Geheimdienstquelle» stammte. Nach Ansicht von deutschen Beobachtern handelt es sich bei der betreffenden Organisation um den israelischen Geheimdienst Mossad. Eine Enthüllung des Namens der Organisation, um die es geht, würde nach Meinung der Beobachter die geheimdienstliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und anderen Staaten ernsthaft gefährden.

Hilfe von deutschen Beamten?

Eine andere potenzielle Quelle von Peinlichkeiten für offizielle deutsche Stellen liegt in der Möglichkeit, dass die Dokumente von Historikern seit Jahren angedeutete Theorien bekräftigen könnten, Eichmann hätte bei seiner Flucht Unterstützung offizieller deutscher Beamter genossen. So gilt es als praktisch erwiesen, dass deutsche Offizielle in Buenos Aires mit Eichmann in Kontakt gestanden und ihn mit Reisepässen und anderen Dokumenten versorgt haben. Diesen Theorien zufolge haben die in Frage kommenden Deutschen auch Eichmanns Familienmitgliedern Pässe und andere Dokumente zur Verfügung gestellt, und zwar unter dem richtigen Namen der Betreffenden. Laut Rainer Geulen, Gabriele Webers Anwalt, gibt es begründete Vermutungen, die dafür sprechen, dass Deutschland Eichmann bei der Flucht geholfen hat. Seiner Meinung nach betreffen die heikelsten Informationen in den Unterlagen Eichmanns Flucht aus Deutschland, die sogar Eichmanns eigene Zeugenaussage über die Offiziellen enthalten könnten, die ihn bei der Flucht unterstützt hatten.

Eichmanns Sohn Ricardo, ein in Berlin lebender Archäologe, sprach sich gegenüber dem Magazin «Der Spiegel» für eine Freigabe der Dokumente aus. Es sei Zeit, so meinte er, die Unterlagen der akademischen Forschung zugänglich zu machen.





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