Ein Journalist als Mossad-Agent
Schon immer hat es Journalisten gegeben, welche das Lager wechselten und zu Sprechern, Beratern oder Rechercheuren von Organisationen wurden, über die sie vorher geschrieben oder kommentiert hatten. Vermutlich gab es auch immer schon Medienschaffende, deren Arbeit ihnen als Cover für ihrer geheime Tätigkeit diente oder dient, doch nur die wenige sind bereit, dies zuzugeben.
Einer, der an die Öffentlichkeit getreten ist, ist Herbert Pundik alias Nahum Pun-dak, ein erfahrener, international bekannter israelisch-dänischer Journalist. In einem Zeitungsinterview enthüllte er, dass er rund zehn Jahre für den Mossad-Geheimdienst arbeitete, während er weiterhin seine journalistische Tätigkeit verfolgte. Die Schlagzeile des Interviews, das in Skandinavien für einiges Aufsehen gesorgt hatte, lautete: «Ja, ich war ein Mossad-Agent». Im Begleittext des Interviews wird Pundik wie folgt vorgestellt: «Über Herbert Pundik wissen wir eine ganze Menge. Er leistete freiwillig Dienst in der israelischen Armee. Hatte er in der Vergangenheit Israel mit Leidenschaft verteidigt, kritisiert er heute das Land im gleichen Ausmass. Er gilt als nachahmenswertes Beispiel für Journalisten, die über den Nahen Osten schreiben. Nicht nur verfügt er über eine enormes Wissen und bewundernswerte analytische Fähigkeiten. Wegen seiner kritischen Ader gilt er auch als moralisch integer. Nur wenige wissen aber, dass Pundik für den Mossad gearbeitet hat, als er unter anderem bei der Zeitung ‹Politiken› angestellt war.»
Wo ist die Grenze?
Pundik gab zu, dass er dem Mossad während seiner Reisen und journalistischen Aufträge in Afrika in den sechziger Jahren Informationen zugespielt hat, Informationen, die er auch für seine Arbeit bei der inzwischen eingegangenen israelischen Zeitung «Davar» und das staatliche dänische Radio nutzte. «Diese Verbindung endete aber, als ich 1970 Chefredaktor von ‹Politiken› wurde», fügte Pundik hinzu. «Unter dem Deckmantel des Journalisten bereiste ich ganz Afrika», sagte er. «Wo ist die Grenze zwischen Spionage und Journalismus? Ich schrieb beispielsweise eine detaillierte Analyse über die Stämme in Somalia und deren Haltung politischen Parteien gegenüber. Ich untersuchte die politische Situation in Nordnigeria, doch an diesen Themen waren die Zeitungen ebenfalls interessiert.»
Ein Doppelagent
Auf die Frage des Interviewers, ob dies geheimdienstliche Arbeit war, antwortete Pundik: «Ja, im Wesentlichen war es Geheimdienstarbeit. Ich machte sie unter der Bedingung, dass meine Berichte auch Dänemark zur Verfügung gestellt wurden, was dann auch geschah.» Gewissermassen sei er ein Doppelagent gewesen, meinte er. «Die Zeitung ‹Dagbladet Information› war ein armes Blatt, und als ich ihnen erklärte, sie sollten die Flugtickets zahlen, während ich für die anderen Ausgaben aufkommen würde, taten sie es.» Pundik sagte es zwar nicht explizit, doch man darf annehmen, dass der Mossad einen Teil seiner Reiseausgaben beglich.
Nie wurde Pundik aufgefordert, gegen Dänemark zu spionieren. «Dänemark war nicht wichtig genug, und der Mossad verfolgte den Grundsatz, Juden in Bezug auf ihr Ursprungsland nicht zu kompromittieren.» Vor dem Hintergrund der Behauptung im Anschluss an den Mordanschlag von Dubai, dass der Mossad (wenn er tatsächlich hinter der Sache gestanden hat) die Identitäten von Israeli mit doppelter Staatszugehörigkeit benutzte, ist diese Erklärung zumindest interessant.
Herbert Pundik kam 1927 in Dänemark zur Welt, wanderte 1948 nach Israel ein und leistete dort freiwillig Militärdienst. Seit 1954 lebt er in Israel, war gleichzeitig aber bis 1993 Redaktor von «Politiken», die er zur auflagestärksten Zeitung Dänemarks machte. In den sechziger Jahren war er zudem Redaktor des Wochenendmagazins von «Davar». Sein Sohn ist Ron Pundak, einer der Architekten des Osloer Abkommens, und heute Generaldirektor des Friedenszentrums Shimon Peres.
Aufträge an Journalisten
Pundiks Enthüllungen lösten eine stürmische Debatte in Dänemark aus. Sie sollten das Gleiche in der journalistischen Gemeinschaft in Israel tun. Es ist kein Geheimnis, dass der Mossad sich der Dienste von in Israel akkreditierten Korrespondenten bedient. Das wohl prominenteste Beispiel der jüngsten Vergangenheit war in den neunziger Jahren die Hilfe ausländischer Journalisten bei den Bemühungen Israels, die restlichen Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft in
Jemen nach Israel zu bringen. Die betreffenden Korrespondenten hatten den Auftrag, den Kontakt sowohl zur örtlichen Gemeinde als auch zu den Behörden in Sanaa zu pflegen. Von ganz wenigen Ausnahmen in den sechziger Jahren abgesehen hat der Mossad aber nie israelische Journalisten eingesetzt. Eine solche Ausnahme war der Auftrag des damaligen Mossad-Chefs Isser Harel in den sechziger Jahren, die Adressen von deutschen Wissenschaftlern ausfindig zu machen, die Ägypten beim Aufbau seines Raketenprogramms geholfen hatten. Dem damaligen Regierungschef David Ben Gurion gefiel diese Benutzung israelischer Journalisten aber nicht, und die Aktion wurde trotz Harels Widerstand eingestellt.


