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März 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 03 Ausgabe: Nr. 3 » March 18, 2010

Wiederaufleben der jüdischen Kultur

March 18, 2010
In der Autonomen Republik Krim ist das jüdische Leben wie in den jungen Demokratien der Nachfolgestaaten der UdSSR ziemlich gespalten.
SPUREN JÜDISCHEN LEBENS Die Höhlenstadt Tschufut-Kale auf der Krim

Von Andrea Dunai

Die 26 100 Quadratkilometer grosse Autonome Republik Krim wird in der statistischen Nationalitätenkarte der Ukraine in 20 verschiedenen Farben dargestellt. Diese Vielfalt umfasst unter anderen drei Nationalitäten, die jüdischer Herkunft sind. Die Zahl der Krimtschaken (Krimjuden), Karäer und Aschkenasim übersteigt keinesfalls die 4500, und doch kann man nicht behaupten, dass ihre architektonischen Denkmäler sowie ihre Präsenz auf der Zweimillionenhalbinsel untergehen würden. Die Aufarbeitung der Vergangenheit und der Fremdenverkehr sorgen für das Wiederaufleben der jüdischen Kultur auf der Krim.

Die spürbare Vergangenheit

Als die Halbinsel im Schwarzen Meer 1783 von Katharina II. dem Zarenreich einverleibt wurde, zählten die Karäer zur Urbevölkerung. Die Mehrheit von ihnen bewohnte die Siedlung Tschufut-Kale in der unmittelbaren Nähe von Bachtschisaraj, wo die tatarischen Khane ihre prachtvollen Palais besassen. In der jüdischen Burg (die Übersetzung von Tschufut-Kale) lebten die Karäer als Händler und Gewerbebetreibende im Schatten des Prunks der Tataren. Gleichzeitig rühmten sie sich einer geistigen Überlegenheit. Ihre Gelehrten beschäftigten sich mit dem Text und der Überlieferungsgeschichte der hebräischen Bibel. Diese Religionsgemeinschaft, die ursprünglich aus Babylonien stammte, lebte strikt nach der geschriebenen Thora, das heisst nach den Gesetzen der Fünf Bücher Mose. Den Talmud lehnten sie ab und distanzierten sich von dem Kalender des übrigen Judentums. Die «Lesenden» oder «Auf die Schrift Ausgerichteten» richteten die erste Druckerei auf der Krim ein. Die karäischen Männer trugen Tatarenmützen, die Frauen lange Kleider. Mit ihren Nachbarn unterhielten sie sich in der Turksprache. Sie lebten seit Jahrhunderten mit den muselmanischen Tataren zusammen und diese Nähe brachte automatisch eine Reihe ähnlicher Gepflogenheiten mit sich. An der Spitze der karäischen Gemeinde stand der Hassan, der von dem Schammasch unterstützt wurde. Gebetet wurde in einem Gotteshaus, der Chenasa, die teils einer Synagoge, teils einer Moschee ähnelte. Auf dem Altar standen die Thora und eine Menora mit sieben Kerzen. Nach dem Eintritt in den Saal zogen die Betenden ihre Schuhe aus. Die Karäer betrachteten sich als Juden, in den Augen der Mehrheitsbevölkerung galten sie allerdings als eine Sekte, die mit der talmudischen Tradition wenig Gemeinsames aufwies. So waren die Karäer von den Ansiedlungsbeschränkungen und restriktiven antijüdischen Gesetzen des Zarenreichs nicht betroffen. Seit 1863 genossen sie den Status der prawoslawisch-orthodoxen Mehrheitsbevölkerung. Der Einfluss dieser Freiheit und Identitätsfindung machte sich auch auf der Krim bemerkbar. Der berühmteste Erforscher der Karäer, Avram Firkowitsch, verlegte in dieser Periode seinen Hauptsitz nach Tschufut-Kale, nachdem er in der Türkei, Ägypten, im Nahen Osten, Litauen und Polen die Manuskripte karäischer Gelehrter gesammelt hatte.

Firkowitsch war jedoch kein einfacher Wissenschaftler, sondern er wollte geradezu Prophet seines Stammes sein, und seine Recherchen stellte er in den Dienst dieser Ambition. So datierte er in seinem Hauptwerk «Dabar al ha Karaim» die Ankunft der Karäer auf der Halbinsel auf das VI. Jahrhundert vor Christus und behauptete sogar, dass die Chasaren die jüdische Religion von den Karäern übernommen hätten. Firkowitsch war eine charismatische und kontroverse Persönlichkeit, der neben wichtigen Neuerkenntnissen Geschichtsfälschung im grossem Stil betrieb, um seinem Volk zu mehr Anerkennung zu verhelfen. Doch seine Entdeckungen blieben nicht lange unaufgedeckt. Kurz vor seinem Tod 1872 wurde vor Ort eine Kommission gebildet, die sich mit den Forschungsergebnissen von Firkowitsch auseinandersetzte. Die belastenden Beweise wurden nach fünf Jahren in einem Bericht in St. Petersburg veröffentlicht. Nebst den massiven Antedatierungen von Epigrafen und Grabsteinen wurden auch andere Vorwürfe gegen Firkowitsch laut: «Während Firkowitsch mit seinem Schwiegersohne Gabriel sich in Wilna aufhielt, wo er von den rabbinischen Juden sehr freundlich und liebevoll aufgenommen wurde und wo er am meisten rabbinisch-freundliche Gesinnungen zur Schau stellte, (…) veranlasste er heimlich einen polnischen Schriftsteller namens Syrokomla Schmähartikel gegen den Rabbinismus und gegen die rabbinischen Juden zur Verherrlichung der Karäer zu veröffentlichen.» Im Jahre 1859 schrieb Firkowitsch eine Promemoria über die Rechte und Privilegien der Karäer in Russland, worin sehr betont wird, dass Letztere mit den rabbinischen ­Juden nichts gemein haben. Und dies geschah zu einer Zeit, als er den rabbinischen Juden zurief: «O, möchten doch die beiden Teile des israelitischen Volkes schnell vereinigt werden! Wie lange werden noch Zwist und Hader zwischen uns herrschen?»

Ghettoisierung der Juden

Die Frage erwies sich keineswegs als unberechtigt. Nach der Oktoberrevolution widmete sich die Sowjetregierung akzentuiert der Frage der Ethnien. Der zur Schau gestellte Internationalismus mündete in einen Wettstreit der Nationalitäten, insbesondere in den Gebieten, die von mehreren Völkern bewohnt wurden. Die Krim galt als Paradebeispiel für derartige Auseinandersetzungen. Jeder politische oder soziale Schritt der Sowjetregierung verschärfte die nationalen Gegensätze. Die Zwangskollektivierung betraf die eher intellektuell geprägten ukrainisch-russischen Juden, die Landwirtschaft betreibenden und religiös eingestellten Krimtschaken, die mit den Tataren eng assimiliert waren, sowie die Karäer, die mehrheitlich Gewerbe trieben, in ganz unterschiedlicher Weise. Der Typus «Homo Sovieticus» durfte nach aussen keine Abweichungen zeigen, und doch konnte von einem Zusammenhalt zwischen den Volksgruppen keine Rede sein. Ausserdem erwog die Sowjetregierung am Ende der zwanziger Jahre, auf der Halbinsel eine Art jüdischen Staat – als kommunistische Konkurrenz zu Palästina – aufzubauen, eine völlig unüberlegte Idee, die übrigens 1935 im fernöstlichen Birobidschan «verwirklicht wurde». Am Schwarzen Meer eröffneten lediglich mit Hilfe der amerikanischen Hilfsorganisation Joint einige Musterkolchosen, die das Beiwort «jüdisch» trugen.

In dieser prekären Situation traf sie die Okkupation des Landes durch die Wehrmacht im November 1941. Nur wenigen Juden gelang es zu fliehen. Die Einsatzgruppe D begann mit einheimischer Unterstützung und mit Hilfe des Judenrates («jevrejskij komitet») bereits Anfang Dezember mit der Ghettoisierung der Juden. Ausgefiltert wurden die jüdischen Einwohner bei der Registrierung in den deutschen Meldestellen durch ihre sowjetischen Pässe, denn der berühmt-berüchtigte fünfte Punkt beinhaltete die Bezeichnung der Nationalität. Demzufolge lebten am Vorabend der deutschen Besatzung auf der Krim 78 000 europäische Juden, 7000 Krimtschaken und 5000 Karäer. 35 000 europäische Juden und 6000 Krimtschaken wurden ermordet. Die in den letzten Jahren erschienenen Werke von Lokalhistorikern sprechen von gewaltigen Massakern, insbesondere in Jalta.

Laut einer Meldung der örtlichen SS wurde die Krim am 16. April 1942 «judenrein». Es entstand eine merkwürdige Situation: Bei der «Klassifizierung» der Karäer hatte sich das Reichssicherheitshauptamt für die Verschonung der Karäer auf der Krim entschieden, da sie, nach den eingeholten Expertisen, genauso wie die Krimtataren als «sowjetfeindliches Turkvolk» galten. Die Tatsache, dass sich die Karäer auf der Krim retten konnten, war wahrscheinlich einmalig, denn in Babij Jar bei Kiew fanden unter den vielen jüdischen Opfern auch 200 Karäer den Tod.

Die Gegenüberstellung der Völker setzte sich auch nach der Befreiung fort. Die Rote Armee bezichtigte im Frühjahr 1944 die bis dahin bevorzugten Krimtataren kollektiv der Kollaboration mit der Besatzungsmacht, infolgedessen mussten 210 000 von ihnen von der Krim nach Mittelasien umgesiedelt werden – eine Massnahme, die auch die Zerstörung zahlreicher ihrer Kulturdenkmäler nach sich zog. Die Karäer blieben verschont.

Bereits im Sommer 1944 tauchte die «Krim-Frage» in Zusammenhang mit den Juden wieder auf. Diesmal ergriff das Jüdische Antifaschistische Komitee die Initiative. Mit dem Vorschlag, auf der Krim, womöglich mit ausländischer Unterstützung, eine jüdische Republik zu errichten, befasste sich Stalin persönlich. Das Zentralkomitee der KPdSU verwarf Ende 1945 die Idee endgültig, da die «zionistische Gefahr» als Feindbild damals bereits greifbare Konturen annahm.

Der Neuanfang

Im Kreis der auf der Halbinsel gebliebenen Juden drehte sich das Gespräch jahrzehntelang – so erzählen die dortigen Juden – nur um die Auswanderung. Diese Tendenz war besonders sichtbar nach dem 20. Parteitag der KPdSU im Jahre 1956. Israel anerkannte ohne Weiteres auch die Karäer. Gleichzeitig sehnten sich die ausgesiedelten Krimtataren nach ihrer Heimat am Schwarzen Meer. Ihre Rückkehr wurde in Einzelfällen gestattet, eine kollektive Rehabilitierung war bis 1989 nicht in Sicht.

Anfang der neunziger Jahre herrschte bei der jüdischen Bevölkerung Aufbruchstimmung. In mehreren Städten der Halbinsel etablierten sich jüdische Gemeinden – Jalta war relativ spät dran. Am 11. September 1999 versammelten sich im Restaurant «Brigantina» ungefähr 400 Juden, um Rosch Haschana zu feiern. Den Zeitungsberichten zufolge haben die Teilnehmer den ganzen Abend gesungen und getanzt. «In diesem Jahrhundert geboren zu werden und das Jahrhundert zu überleben ist eine Heldentat ohnegleichen» – hiess das Motto der Veranstaltung. Gemeint waren der Holocaust und die Stalinzeit. Seit diesem Datum treffen sie sich regelmässig. In Jalta haben sich in der Gemeinde 1500 Juden registriert. Sehr zahlreich erscheinen sie bei der Gedenkfeier am Tag des Holocaust, dem 6. Dezember, der inzwischen zum offiziellen Trauertag der Autonomen Republik Krim erkoren wurde. Ansonsten ist das jüdische Leben genauso wie in den jungen Demokratien der Nachfolgestaaten der UdSSR ziemlich gespalten: Die zionistische Bewegung im Schatten der Jewish Agency fördert die Alija, die Gemeinden der Lubavitcher versuchen die religiösen Rituale in den Mittelpunkt ihrer Arbeit zu stellen und die Einheitsgemeinden, die entweder auf die Unterstützung aus Kiew oder der Hilfsorganisation Joint angewiesen sind, rechnen mit denjenigen jüdischen Bürgern, die ein jüdisches Leben führen oder eben wieder erlernen möchten.

Heute leben auf der ganzen Welt etwa 30 000 Karäer, etwa 700 von ihnen auf der Krim, wo im Jahre 2005 das Welttreffen der Karäer stattfand. Eingereist waren die Schicksalsgefährten aus den Vereinigten Staaten, Frankreich, Israel, Litauen und Polen. Das ukrainische Kultusministerium trug einen Teil der Kosten und weihte eine karäische Gedenkstätte in Evpatoria ein. Seitdem strömen die Touristen in die sanierte Hochburg der karäischen Kultur. Die Besucher müssen allerdings an weniger prächtigen Gebäuden vorbeilaufen. Die Fassade der Synagoge der Aschkenasim lässt beispielsweise auf einen längst fälligen Umbau schliessen. Eine alte Frau, die am Eingang das Eintrittsgeld kassiert, sagt, dass die Gemeinde bei den Abgeordneten der Stadt eine gezielte Lobbyarbeit betreibt. Zuerst müsse die politische Lage konsolidiert werden, danach werde alles einfacher. ●

Andrea Dunai ist Journalistin und lebt in Berlin.







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