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März 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 03 Ausgabe: Nr. 3 » March 18, 2010

Magnet Moskau

March 18, 2010

«Fahren wir nach Moskau! Es gibt nichts Besseres als Moskau!» Für die vorliegende Ausgabe über das jüdische Leben in der russischen Hauptstadt gibt es kein besseres Motto als das Tschechow-Zitat, mit dem die Zürcher Slawistikerin Regula Heusser-Markun ihren Beitrag zur Geschichte Moskaus eröffnet. Jünger und im Mittelalter schwerer erreichbar für die Mongolen als Kiew, blieb Moskau das Schicksal «der Mutter der russischen Städte» erspart und die Freiheit erhalten. Die Siedlung an der Moskwa wurde zur Keimzelle des Russischen Reiches. In den kommenden Jahrhunderten überstand die Stadt den Ansturm der Krim-Tataren, Napoleons und schliesslich der Wehrmacht Hitlers. Sie blieb auch in den zwei Jahrhunderten Zentrum und Symbol der russischen Kultur, als St. Petersburg Sitz der Zaren war.

Die Liebe der russischen Juden zu Moskau blieb jedoch lange unerwidert. Bis zum Ende der Zarenzeit durften Juden nur ausnahmsweise vom «Ansiedlungsrayon» zwischen Baltikum und Schwarzem Meer in das russische Kernland umziehen. Dort erwies sich Petersburg als offener. Noch 1891 wurden die wenigen Juden dort aus Moskau verbannt. Laut dem Soziologen Robert Brym konnten die Juden ihre Sehnsucht, am russischen Leben teilzunehmen, erst nach dem Sturz der Zaren folgen: Ab 1917 strömten Millionen von Juden in die russischen Städte. Vor allem in Moskau ergriffen sie die von der Revolution präsentierten Chancen und wurden rasch zu einer Funktionselite des bolschewistischen Regimes. Der an der University of Toronto lehrende Brym hat dies als einer der ersten Akademiker in den 1990er Jahren erforscht und damit die Grundlage für epochale Werke wie Yuri Slezkines «Das jüdische Jahrhundert» (2004) geliefert.

Brym macht deutlich, dass die Kommunisten den Ehrgeiz der endlich aus ihren Stetln befreiten Juden zunächst dankbar für ihre Zwecke einspannten. Doch bereits in der frühen Nachkriegszeit kehrte der Staat zu den aus der Zarenzeit vertrauten Restriktionen zurück: An die Stelle von Chancen traten Numerus clausus und «antizionistische» Propaganda. Dieser Wandel mag der im Westen gängigen Vorstellung widersprechen, die Juden seien auch von Stalin stets verfolgt worden. Tatsächlich war die Geschichte jedoch komplexer und der grosse Exodus der sowjetischen Juden nach 1970 sollte ihre zentrale Rolle als bolschewistische ­Elite vor dem Zweiten Weltkrieg nicht verdecken.

Vor diesem komplexen Hintergrund gehen die Autoren dieser Ausgabe ein breites Themenspektrum ab. Der Zürcher Publizist Martin Dreyfus ­erinnert an die dunkelsten Stunden der Stalinzeit im Hotel Lux. Als langjähriger Korrespondent der «tageszeitung» und der «NZZ am Sonntag» einer der besten Russlandkenner in den deutschsprachigen Medien, schildert Klaus-Helge Donath das dynamische Gemeindeleben der ­Moskauer Juden. Katja Behling geht auf die russische Kulturszene ein, in der Juden wieder und immer noch eine so bedeutsame Rolle spielen. Dass Moskau auch jenseits der russischen Grenzen geliebt wird, zeigt unsere New Yorker Kollegin Monica Strauss mit ihrer Geschichte über das Magazin «Russia!». Die Gründung russisch-jüdischer Auswanderer feiert das moderne Leben der alten Metropole. Dass die alte Vielfalt der jüdischen Kultur in Russland selbst auch ausserhalb Moskaus wieder erblüht, wird schliesslich aus Andrea Dunais Bericht über die Krim deutlich. ●





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