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März 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 03 Ausgabe: Nr. 3 » March 18, 2010

Ein Atelierbesuch

March 18, 2010
Pavel Feinsteins Figuren spielen mit jüdischen Traditionen und bevölkern eine zwischen Witz und Grauen schwankende Welt. Der Berliner Künstler malt technisch hervorragende Stillleben und Porträts in fast altmeisterlicher Manier, zeichnet Tiere. Das Felix-Nussbaum-Haus zeigt seit dem 21. Februar Arbeiten des gebürtigen Russen. Im Sommer widmet ihm das Kunstmuseum Hagen eine grosse Einzelschau.
PAVEL FEINSTEIN Während des Malprozesses entscheiden, «was bleibt, was kommt»


Von Katja Behling

Den gusseisernen Heizkörper mit dem Rankenmuster gibt es noch, auch das hohe Sprossenfenster. Pavel Feinstein arbeitet in einem historischen Atelier – im lichtdurchfluteten Dachgeschoss eines grossbürgerlichen Altbaus im Berliner Stadtteil Wilmersdorf. Dort malte bis 1933 George Grosz (1893–1959), der das Atelier im Gartenhaus 1918 bezogen hatte. Bis der Provokateur zwei Wochen vor Hitlers Machtergreifung in die USA emigrierte, entstanden dort berühmte Gemälde, so 1926 «Stützen der Gesellschaft», ein aggressiver Kommentar zu den politisch-kulturellen Zuständen in der Weimarer Republik. Seit mehr als fünf Jahren arbeitet nun Pavel Feinstein in Grosz´ ehemaliger Mansarde. «Er wurde schon als Atelier gebaut», sagt Feinstein über den lichtdurchfluteten Raum. Feinsteins eigene Bilder wirken heller, seit er in diesem lichten Atelier arbeitet.

Derzeit bereitet Feinstein zwei Ausstellungen vor. Das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück zeigt bis zum 24. Mai im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts «Der Hund ist auch nur ein Mensch. Beziehungsgeschichten!» Feinsteins Arbeiten. Der Künstler widmet sich in seinen Stillleben und Genreszenen mit viel hintergründigem Humor dem Verhältnis zwischen dem Menschen und seinem vielleicht loyalstem Begleiter. Feinstein, selbst ein Hundefreund, stellt dieses Verhältnis durchaus als ein spannungsreiches dar und bettet es in landschaftliche Szenerien, die dem Alten Testament entlehnt sein könnten. So schaffen Feinsteins Bilder auch eine Verbindung zwischen jüdischer Identität und jüdischem Witz.

Fingerübungen im Zoo

Hunde sind nicht die einzigen Tiere, mit denen der Künstler sich beschäftigt. Die Ziege beispielsweise taucht als Bildelement bei Feinstein wiederholt auf. Und wenn es mal mit der Arbeit im Atelier nicht recht von der Hand gehen will, begebe er sich gern in den Berliner Zoo und zeichne – «zur Fingerübung» – die Tiere dort. Mit wenigen Strichen, skizzenhaft, vermag Feinstein eine Gestalt zu erfassen. Schraffuren vertiefen das Charakteristische etwa eines Eisbären oder Löwen in majestätischer Pose. Die Affen aber spielen miteinander, grimassieren, wirken komisch.

Nicht nur im Zoo, auch im Atelier widmet sich der 50-jährige Künstler seit ein paar Jahren vermehrt dem Affen als Motiv. So entstand seit 2007 eine ganze Reihe von grossformatigen Ölgemälden mit des Menschen nächstem Verwandten im Tierreich. Diese Gemälde werden – neben vielen anderen Werken – ab August in einer Pavel Feinstein gewidmeten Einzelschau «Drama der Wahrscheinlichkeiten» in Hagen präsentiert werden. Häufig halten Feinsteins Leinwand-Affen Pinsel und Palette in der Hand: Was vordergründig einfach komisch wirkt, erweckt auf den zweiten Blick nicht nur heitere Assoziationen beim Betrachter. Zum einen erinnern malende Schimpansen und Paviane an ein vernichtendes Kritikerurteil, das in den vergangenen knapp 100 Jahren traurige Berühmtheit erlangt hat: Als «Horde farbespritzender Brüllaffen» beschimpfte die lokale Kritik die Künstler und den Galeristen beim Ersten Deutschen Herbstsalon 1913 in Herwarth Waldens Galerie «Der Sturm». Unter den Künstlern, die der Berliner Galerist damals vorstellte, waren die Russen Marc Chagall, Natalia Gontscharowa, Michail Larionow, Wassily Kandinsky, Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky. Zum anderen lässt der Affe als Motiv an Franz Kafkas Verwandlungsgeschichte «Ein Bericht für eine Akademie» denken: Um nicht in einen Zoo gesperrt zu werden, verleugnet ein Affe seine Herkunft, ahmt die Menschen nach und lernt wie besessen, wodurch ihm der Aufstieg gelingt. Kafkas Erzählung wurde erstmals 1917 in der Zeitschrift «Der Jude» veröffentlicht.

Zwischen Witz und Grauen

Pavel Feinstein, der den meisten seiner Arbeiten nicht einmal einen richtungsweisenden Titel gibt, überlässt das Interpretieren und Assoziieren grundsätzlich dem Betrachter. Und will vom Auslegen seiner Werke ohnehin nichts wissen. Hier spielt ein Künstler, der das traditionelle malerische Vokabular beherrscht, alte Motive aber ironisch hinterfragt, mit den Erwartungen des Publikums. Alles Gegenständliche weist über sich hinaus, enthält viele Sinnebenen, und doch spricht Feinstein seinen Bildern jeglichen Symbolismus ab. «Es gibt keinen weiteren Kontext als den malerischen», sagt er. «Keinen literarischen, keinen.» Und doch ergänzt er schmunzelnd: «Jeder kann interpretieren, wie er will – das kann ich übrigens auch.»

Pavel Feinstein wurde 1960 in Moskau geboren. Sein Vater hatte eine Dozentur für Kunstgeschichte, Schwerpunkt Architekturgeschichte, inne, so kam der Sohn früh in Kontakt mit Kunst. Pavel wusste mit 14 Jahren, dass er Maler werden würde. «Das war keine Entscheidung. Ich wusste einfach, dass ich es werden würde, werden musste und auch werden konnte», sagt er. Eine erste künstlerische Ausbildung erhielt er an der Kunstfachschule im tadschikischen Duschanbe. Im Alter von 20 Jahren emigrierte er aus der Sowjetunion und liess sich in West-Berlin nieder. Bis 1985 studierte er an der Berliner Hochschule der Künste, wo er Meisterschüler bei Gerhart Bergmann war. Seit 1986 waren Feinsteins Werke in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen, unter anderem in Berlin, Düsseldorf, Bonn und Göttingen. Sein Durchbruch war die grosse Einzelausstellung im Jüdischen Museum in Berlin im Jahre 2002.

Indem Feinstein sich der Figuration verschrieben hat, positionierte er sich lange ausserhalb des die Kunstszene beherrschenden Mainstreams. Ihn prägte die Malerei von Paul Cézanne. In jungen Jahren inspirierte ihn die Porträtkunst Modiglianis. Doch Feinstein widersetzt sich jeder kunstgeschichtlichen Schublade. Im Zentrum seines Œuvres stehen Stillleben – tiefsinnig, humorvoll und poetisch-melancholisch. Gegenständlich-realistisch gemalt, konfrontiert Feinsteins Bilderwelt den Betrachter mit rätselhaften Zusammenhängen: Da sind mit Mulltüchern verdeckte Kreaturen, bekommen Granatäpfel ein Eigenleben, gibt es vieläugige Fische mit Augen von Opfertieren, die sehen, was auf sie zukommt. Feinstein drapiert die Drohung um die Fische herum: mittels Werkzeugen wie Hammer und Messer. Idylle – oder was Idylle und Reichtum, etwa an Früchten, sein könnte – wird immer wieder gebrochen, und sei es dadurch, dass einem Jungen eine Ratte auf der Schulter sitzt.

Spiel mit jüdischer Tradition

In seinen szenischen Figurenbildern nimmt Feinstein sich der Themen des Alten Testaments an und bekennt sich so zu seinen jüdischen Wurzeln: Grossformatige Kompositionen, die ein subversives Spiel mit Konventionen der Malerei, Klischees vom Judentum sowie mit jüdischer Tradition treiben, wenn sie etwa «Jakob und Leah» oder den «Tanz um das Goldene Kalb» behandeln. Paradiesisch aber ist es nicht, was sich da auf Bibel und Kabbala bezieht. Seine Figuren bevölkern eine zwischen Witz und Grauen schwankende Welt. Für Feinstein und seine Familie ist die Zugehörigkeit zum Judentum eine identitätsstiftende und kulturelle Konstante. Orthodox aber ist er nicht. Ein Selbstporträt von 1989 zeigt Feinstein vor der Staffelei, er trägt einen verrutschten Hut, aber keine Kippa.

Intuitiv lässt Feinstein seine Bilderwelten auf der Leinwand Form annehmen. Vorzeichnungen oder Skizzen bedarf es keiner, des Künstlers spontane Arbeitsweise macht sie obsolet. Feinstein schichtet verschiedene Improvisationen aufeinander, entscheidet während des Malprozesses, «was bleibt, was kommt». Aus einem Figurenbild kann so durchaus am Ende ein Stillleben werden. Ein Bild nur noch abzumalen, das er bereits fertig vor dem geistigen Auge oder als Skizze vor sich hätte, «wäre langweilig. Ein Bild zu malen, das schon gemalt ist – das würde nur ein schwacher Abklatsch von dem Bild, das man schon im Kopf hat». Zwar lässt er die Komposition eines Bildes sich während des Malens selbst entwickeln, die Messlatte aber, die Feinstein an technisches Können und Präzision legt, hängt hoch. Dass seit dem Expressionismus oftmals nicht mehr die Handwerkskunst im traditionellen Sinn primär entscheidend für die Definition «Künstler» war und ist, sondern das Konzept, die Absicht oder Wirkung eines Bildes, entspricht nicht Feinsteins Auffassung von Kunst. «Wenn jemand tatsächlich Malen und Zeichnen kann, gibt er sich nicht für das Informelle oder Abstrakte her», glaubt Feinstein. Joseph Beuys meinte: «Jeder ist ein Künstler» – in Feinsteins Augen ist dem eben nicht so. Die Kunst von Chagall, Letzterer hierzulande fast ebenso bekannt wie Picasso, hält Feinstein für «kitschig», jedenfalls dessen Spätwerk. Auch Dalí werde überschätzt. Da sei es mehr um Kommerz als um Kunst gegangen. Feinstein nennt Goya und Velasquez als die Grössten. «Es gibt kein einziges schlechtes Bild von Velasquez.» Die Spanier seien ihm Vorbild und Inspiration. Und sein Vorgänger im Berliner Atelier? Auch der, George Grosz, sei «ohne Zweifel ein grosser Kollege», so Feinstein. Aber beider Sujets und Werk könnten unterschiedlicher kaum sein. Grosz provozierte mit neuer Sachlichkeit und sozialkritischem Blick auf die Grossstadt. Feinsteins Arbeiten kommen im Gewand des Altmeisterlichen eher auf den zweiten Blick doppelbödig daher: Affentheater. ●

Katja Behling ist Journalistin und Publizistin. Sie lebt in Hamburg.






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