Eine neue Ära
Eli Hurvitz, der bisherige Vorsitzende des israelischen Chemiegiganten Teva, hatte im Februar um einen dreiwöchigen Krankenurlaub nachgesucht. Nun wird er, wie die Firmenleitung mitteilte, ohne zeitliche Begrenzung beurlaubt. In einem Brief gab Hurvitz seinen Rücktritt aus dem Direktorium des Konzerns bekannt. Als Grund nannte er seinen Wunsch, sich voll auf seine gesundheitliche Wiederherstellung zu konzentrieren. Der Vorstand beschloss einstimmig, den 73-jährigen Phillip Frost, den bisherigen Stellvertreter von Hurvitz, zu dessen Nachfolger zu ernennen. Frost, der nun für die globale Verwaltung des Medikamenten-Konzerns verantwortlich zeichnet, gab unmittelbar nach seiner Ernennung bekannt, dass er sich voll hinter den Anfang Februar präsentierten Geschäftsplan von Teva für die Jahre 2010 bis 2015 stelle.
Ein legendärer Chef
Während Eli Hurvitz mehr als 30 Jahre lang mit Teva assoziiert war, stiess Frost von der Ivax Corp. zum israelischen Konzern. Teva hatte Ivax im Januar 2006 erworben, basierend auf einer Gesellschaftsbewertung von 7,4 Milliarden Dollar, was den Deal zur bis heute grössten Firmenübernahme in der Geschichte Israels gemacht hat. Frost, der Ivax von 1987 bis 2006 geleitet hatte, ist mit einem Aktienanteil von 1,6 Prozent der grösste individuelle Aktionär von Teva. Dieser Anteil stellt einen Wert von rund 900 Millionen Dollar dar, was nicht zuletzt auf das Wirken von Eli Hurvitz zurückzuführen ist: Dem
bisherigen legendären Chef des Unternehmens wird der Grossteil der Verantwortung dafür gegeben, Teva von einer unbedeutenden Distributionsgesellschaft zu einer multinationalen Machtbasis mit einer Marktkapitalisierung von 57 Milliarden Dollar gewandelt zu haben.
Die Wachtablösung macht mit Phillip Frost den ersten Nicht-Israeli zum Chef von Teva. «Die Umstände, die zur dieser Entwicklung geführt haben», erklärte Frost in einem Statement, «stimmen uns alle traurig. Wir sind uns nur allzu klar der einzigartigen Rolle bewusst, die Eli Hurvitz während einer so langen Zeit für die Entwicklung von Teva gespielt hat.»
Eli «Mr. Teva» Hurvitz war nicht nur über drei Jahrzehnten lang engstens mit Teva verbunden gewesen – davon 25 Jahre als Verwaltungsratspräsident und acht Jahre als Vorsitzender –, sondern er hatte die ganze Zeit auch darauf bestanden, dass der Hauptsitz des Konzerns in Israel bleibe. Frost sitzt zwar in den USA, doch versicherte er nach seiner Ernennung, dass das Domizil von Teva Israel bleiben würde. «Was nicht gebrochen ist, muss nicht repariert werden», sagte er und fügte hinzu, Teva sei gewiss nicht gebrochen. Trotzdem könnten einige amerikanische Aktionäre den Moment für gekommen erachten, um sich für eine Verlegung des Hauptquartiers des Konzerns in die USA starkzumachen. Frost hielt diesem Ansinnen entgegen, dass der Standort Israel bestimmte nicht zu verachtende Vorteile für die Gesellschaft bringe, wie den Zugang zu akademischem Knowhow und zu qualitativ hochstehendem Personal. Nicht zu sprechen von den Steuervergünstigungen, fügte Frost hinzu.
Keine neuen Visionen
Analysten sehen einen reibungslosen Übergang von der alten zur neuen Führung voraus. «Frost ist ein sehr intelligenter und erfolgreicher Veteran der Industrie», sagte Gilad Alper von der Brokerfirma Excellence Nassuah, «und zudem ist Teva zu gross, um von einer einzigen Person abzuhängen, auch wenn sie Hurvitz heisst. Wenn alles andere gleich bleibt, dürfte die Wachtablösung keinen Einfluss haben.» Auch Limor Gruber vom Brokerhaus Psagot betonte, Teva sei keine Ein-Mann-Show. «Teva ist eine hochentwickelte Maschinerie. Ungeachtet der Person ihres Vorsitzenden kann sie aktiv bleiben und ihre Strategien und Ziele verfolgen.»
Frost unterstrich, dass er trotz seiner grossen Erfahrung in der Industrie für Teva keine neuen Visionen mitbringe, sondern vielmehr die von Hurvitz vertretenen An- und Aussichten teile. Auch er strebe danach, den Status von Teva als weltweit grösster Produzent von Generika zu bewahren. Daneben will er aber auch expandieren, möglicherweise nach Brasilien und China. Diese beiden gigantischen Märkte hat Teva bis jetzt noch nicht bearbeitet.
Eine Herausforderung
Zu den vielseitigen Aktivitäten des gelernten Arztes gehören der Vorsitz von Opko Health, einer Firma für spezielle Medikamente, und der Vorsitz von Prolor Biotech, die in biomedizinische Firmen in Israel investiert. Hinzu kommen enge Verbindungen zu Ladenburg Thalman, einer Firma des finanziellen Dienstleistungssektors, sowie die Mitgliedschaft in den Vorständen verschiedener Start-up-Gesellschaften. Trotz dieser mannigfaltigen Verpflichtungen sieht Frost keine Probleme, Teva nicht die nötige Zeit zu widmen. Vielmehr sei ihm dieser Konzern, wie er betont, wichtiger als alle anderen genannten Firmen. Das habe mit seinen persönlichen Investitionen in Teva zu tun, aber auch damit, dass er schlicht stolz auf das Unternehmen und entschlossen sei, zu seiner persönlichen Verpflichtung zu Teva zu stehen. Die zentrale Herausforderung für Teva in den kommenden Jahren werde es sein, das Wachstum zu bewahren. Je grösser eine Gesellschaft sei, umso grösser werde diese Herausforderung.


