Die Gemeinden hinken der Gesellschaft hinterher
Die Zahl 18 000 tauchte häufig auf am vergangenen Montag im Zürcher Archiv für Zeitgeschichte, wo die Schweizerische Gesellschaft für Judaistische Forschung zu einer Orientierung über das Nationalfonds-Projekt «Wandel im Judentum in der Schweiz» lud. Projektleiter Daniel Gerson erwähnte sie schon in den ersten Sätzen seines einleitenden Referats und wurde prompt unterbrochen: die Zahl 18 000, die Grössenangabe zur jüdischen Bevölkerung in der Schweiz, eruiert in der letzten Eidgenössischen Volkszählung vor zehn Jahren, sei falsch, weil sie einem zu einseitigen Verständnis des Jüdischseins folge. Damit war die inoffizielle Gretchenfrage des Tages bereits nach wenigen Minuten gefallen: Was ist das eigentlich genau, das sich da wandelt, dieses «Judentum in der Schweiz».
Erste liberale Gemeinden
Die vollständigen Abschlussberichte des Projekts werden erst 2011 publiziert, Gerson steckte in seinem Referat jedoch bereits die grossen gesellschaftlichen Rahmenhandlungen ab, deren Einflüssen auch das Judentum unterliegt: Säkularisierung und Individualisierung. Die antisemitisch geprägte Zwischenkriegszeit und die Schoah verhinderten weitgehend innerjüdische Veränderungen, so dass die erneuernden Impulse in der Nachkriegszeit von deutsch-jüdischen Migranten – zunächst in den Zentren Bern, Genf und St. Gallen – die Schweiz erreichten. In Bern entstand durch die Unterstützung des Kaufhausbesitzers Victor Loeb Mitte der fünfziger Jahre mit der Vereinigung für religiös-liberales Judentum die erste reformorientierte Organisation, in Genf führte die Immigration angelsächsischer Juden zur Gründung der sogenannten English Speaking Group, auf deren Impulse hin schliesslich die heute etablierten liberalen Gemeinden in Genf und Zürich hervorgingen.
Damit wurden die traditionellen Einheitsgemeinden unter orthodox-rabbinischem Monopol, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts das Schweizer Judentum umfassend zu repräsentieren beanspruchten, herausgefordert – die jüngst eröffnete Synagoge der liberalen Genfer Gemeinde ist das aktuellste Resultat dieses Wandels.
Spezifische Bedürfnisse
In der Region Basel, wo der jüdische Bevölkerungsanteil um einiges kleiner ist als in Genf, bildete sich nie eine einigende liberale Gemeinschaft als Gegengewicht zur Israelitischen Gemeinde Basel heraus, dafür verschiedene kleine und strukturell labile Organisationen wie Ofek, Migwan oder Od Mashehu. Deren niedrigen Organisationsgrad taxierte Daniel Gerson durchaus als Vorteil, weil verschiedene Kleingruppen, die spezifische Bedürfnisse innerhalb des Judentums abdecken,
gegenüber den weniger beweglichen traditionellen Gemeinden im Vorteil seien. Dieser Wandel rief übrigens auch auf der anderen Seite des jüdischen Spektrums, in der Orthodoxie, Reaktionen hervor: Dort wurden gesellschaftliche Veränderungen als potenzielle Gefahr betrachtet und führten zur Gründung eigener, religiöser Schulsysteme. Gleichzeitig betrat in den neunziger Jahren die Bewegung Chabad Lubawitsch die nationale Bühne und bemühte sich, auch säkulare Jüdinnen und Juden für eine umfassende Glaubenspraxis zu gewinnen.
Recht auf Selbstbestimmung
So hat sich, schloss Gerson, sowohl in liberaler wie in konservativer Richtung das Schweizer Judentum in den vergangenen Jahrzehnten fragmentiert. Als mögliche Perspektive, gerade für eine derart kleine Minorität, skizzierte er ein Gemeindemodell, wie es beispielsweise schon in Berlin oder Frankfurt existiert: die Bündelung der verschiedenen jüdischen Gruppen von orthodox über konservativ bis liberal unter einem Dach. Die Konsequenz daraus wäre die Aufgabe des Primats des orthodoxen Rabbinats. Denn die halachischen Gesetze dieser «Stammesreligion» namens Judentum seien schwer mit dem Recht auf Selbstbestimmung, einer Errungenschaft der Moderne, vereinbar.
Mischehen als Herausforderung
Am schärfsten kommt diese Konfrontation in gemischten Partnerschaften zum Vorschein. Die Sozialwissenschaftlerin und Psychoanalytikerin Madeleine Dreyfus hat dieses Phänomen unter dem Titel «Mischehen oder Übertritt?» untersucht und im Rahmen des Nationalfondsprojekts Interviews mit drei Paaren geführt, in denen ein jüdischer Mann mit einer ursprünglich nicht jüdischen Frau eine Familie gründete. In einem Fall trat die Frau zum Judentum über, in den anderen beiden entschieden sich die Frauen gegen diesen Schritt – aufgrund eines damit unvereinbaren religiösen Verständnisses. Bemerkenswert an den beiden Fällen sind zwei Dinge: Erstens wird die Zugehörigkeit zum Judentum, ähnlich dem christlichen Religionsbegriff, von diesen Frauen als eine rein religiöse Bekenntnisfrage verstanden, unter Auslassung der kulturellen und gemeinschaftlichen Aspekte, obwohl gerade diese für die betroffenen Väter im Vordergrund stehen. Schwerer zu ertragen dürfte für die Väter hingegen diejenige Folge einer Mischehe sein, die ihren Kindern gemäss den halachischen Gesetzen die Mitgliedschaft in ihrer Stammgemeinde verwehrt – kurz gesagt: ihr Einsatz ist ohne Belang. «Eine schmerzliche Rückweisung für die Väter, die sich in der Gleichberechtigung der Geschlechter benachteiligt fühlen», weiss Dreyfus.
Bewahrung der jüdischen Identität
Ein Blick auf die USA zeigt, dass anderswo auch Kinder in die religiöse Gemeinde aufgenommen werden, die nur väterlicherseits jüdischer Abstimmung sind. In ihren Gesprächen hat Dreyfus jedoch festgestellt, dass in der Schweiz offenbar ein Druck zum Übertritt auf gemischte Paare herrscht. «Die Haltung, dass es Mischehen nicht geben sollte, weil damit die jüdische Identität und das Judentum als Ganzes gefährdet werde, ist weit verbreitet», sagt Dreyfus. Sie plädiert für eine andere Interpretation: Trotz der «Durchlässigkeit der Gesellschaft» und des abnehmenden Interesses an religiösen Fragen sei es erstaunlich, dass noch immer 54 Prozent der Partnerschaften innerjüdisch geschlossen werden. Dies bedeute, dass einer grossen Zahl der Männer die jüdische Sozialisation ihrer Kinder weiterhin wichtig bleibt. Eine Überassimilation, die zur Auflösung der jüdischen Identität führe, sieht anders aus.


