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12. März 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 10 Ausgabe: Nr. 10 » March 11, 2010

Neues Jugendzentrum, neues Judentum

Von Ruth Ellen Gruber, March 11, 2010
In Ungarns Hauptstadt Budapest gibt es ein sogenanntes Moishe House. So nennt sich die Einrichtung, die junge jüdische Menschen im Bestreben gegründet haben, ihrem Judentum neue Inhalte zu vermitteln, ohne dabei ganz mit althergebrachten Traditionen zu brechen.
NEUES KONZEPT FÜR JUNGE JUDEN Eszter Susan, Anna Balint und Zsofia Simon (v.l.n.r.) skypen mit Kevin Sherman, Verantwortlicher für internationale Programme bei Moishe House


Als die 29-jährige Eszter Susan vergangenen September über Facebook verkündete, sie sei in Budapest in ein «Moishe House» gezogen, konnten nur wenige ihre Freunde sich etwas Konkretes darunter vorstellen. Sechs Monate später aber ist die Wohnung, die sie mit zwei Freundinnen teilt, für Dutzende von Budapester Juden um die 20 zu einem Zentrum für ihr jüdisches Engagement geworden. An jüdischen Feiertagen werden hier Partys gefeiert, es werden Filmabende, Vorlesungen zu jüdischen Themen und Treffen von Aktionsgruppen organisiert sowie Kabbalat-Schabbat-Gottesdienste mit Nachtessen, die immer Dutzende von Menschen anziehen. «Es geht darum, informell, jung und jüdisch zu sein», sagt Eszter, während sie am Küchentisch mit ihren Freundinnen Anna Balint und Zsofia Simon Tee trinkt. «Unser Modell ist neu; wir wollen mit ihm neue Arten der jüdischen Identität ausforschen, und auf diese Art wird es funktionieren.»

Doch was ist ein Moishe House? Was 2006 in Kalifornien mit einem Experiment begann, hat sich zu einer preisgekrönten Bewegung mit 29 Häusern auf fünf Kontinenten entwickelt. Im Zentrum steht das Bestreben, Juden im Alter gewissermassen nach dem Studium und vor Heirat und Familiengründung für jüdisches Leben zu gewinnen und ihr Zugehörigkeitsgefühl zur jüdischen Gemeinschaft zu festigen. «Alle Menschen wollen Teil einer Gemeinschaft sein», sagt David Cygielman, Mitbegründer und Exekutivdirektor von Moishe House in Kalifornien. «Für mich ist die jüdische Gemeinde stets da gewesen, und mit Moishe House können wir Menschen in einer Phase in ihrem Leben etwas bieten, in der sie Halt suchen.»

Für jedes Moishe House sind drei bis fünf junge Leute verantwortlich. Sie verpflichten sich, jeden Monat eine bestimmte Anzahl an Programmen mit jüdischer Thematik durchzuführen. Anschliessend vermitteln sie ihre Erfahrungen per Online-Blogs weiter und führen regelmässig Skype-Sitzungen mit anderen Verantwortlichen von Moishe House durch.

Mitten im jüdischen Budapest

Die Stiftung Moishe House, die Gelder von der Familienstiftung Charles und Lynn Schusterman und anderen Quellen erhält, deckt einen Teil der Miete eines jeden Hauses und stellt Mittel für Aktivitäten zur Verfügung. Darüber hinaus ist jedes Haus für sich selber verantwortlich. «Jedes Moishe House», sagt Cygielman, «nimmt die Identität der in ihm lebenden Personen an. Die Menschen in jedem Haus sind letztlich verantwortlich für den Erfolg ihrer Aktivitäten.»

Ausserhalb der USA gibt es ausser in Budapest «Moishe-Häuser» in London, Wien, Warschau, Mexiko-Stadt, Peking, Kapstadt, Johannesburg und Buenos Aires. Das Budapester Haus befindet sich in einem stattlichen, rund 100 Jahre alten Gebäude im alten jüdischen Viertel der Stadt und liegt nur wenige Minuten von Synagogen, koscheren Restaurants, dem jüdischen Gemeindezentrum und einer Handvoll von Clubs und Cafés entfernt, die in den letzten Jahren zum Zentrum
einer dynamischen Alternativszene der jüdischen Jugend geworden sind.

In dieser Szene kam Eszter in Kontakt mit Moishe House, und es weckte ihr Interesse am Aufbau eines lokalen Zweiges. Sie erinnert sich, wie vor zwei Jahren die Jugendgruppe Marom der konservativen Masorti-Bewegung die britische jüdisch-muslimische Band Emunah für ein Konzert nach Budapest brachte.

«Das Konzert war inspirierend», erzählt sie. «Daniel Silverstein, ein Mitglied des Ensembles, lebte damals in einem Moishe House. Er berichtete mir davon und ich war begeistert, doch es dauerte anderthalb Jahre, bevor wir tatsächlich eine Wohnung beziehen konnten.» Eszter war damals schon im jüdischen Leben aktiv. Sie leistete Freiwilligenarbeit bei Marom, das im beliebten Café Siraly Kultur- und andere Programme anbietet. Daneben arbeitet sie im Budapester Büro des American Jewish Joint Distribution Committee. Zudem waren Eszter und ihre Mitbewohnerinnen auch Mitglieder von Dor Hadash («Neue Generation»), einem egalitären Alternativ-Minjan, der sich jede Woche an Schabbat in privaten Wohnungen trifft. «Eines unserer Ziele», sagt Anna, Eszters Freundin, «war die Suche nach einem Platz für unseren Minjan, und Moishe House bietet uns dies. 30 bis 40 von uns kommen jeden Freitagabend zu Kabbalat Schabbat zusammen; wir haben sogar eine Sefer Thora. Wer dabei sein will, ist willkommen.» Manchmal leiten auf Besuch weilende Rabbiner den Gottesdienst, dem ein Abendessen oder eine Vorlesung oder eine andere Präsentation folgt. Am Freitag vor Purim führte Rabbi David Lazar (Masorti) aus Israel durch den Gottesdienst und sprach anschliessend über die sexuellen Aspekte in der Megilat Esther. «Am wichtigsten ist», sagt Anna, «dass wir uns alle nach den Gebeten, dem Essen und den Diskussionen gut fühlen».

Eine Art Zuhause

Anna arbeitet im Budapester Jüdischen Museum und Zsofia studiert Medizin. Beide hörten von Eszter von Moishe House. «Ich arbeite gerne mit Menschen», sagt Zsofia. «Mir gefällt die Gemeinde, ich habe viele Freunde – und wollte von Zuhause ausziehen. Das hier erschien mir eine gute Idee.»

Die Wohnung ist so geräumig, dass jede der drei Frauen über ein eigenes Zimmer verfügt. Hinzu kommt ein grosses Wohnzimmer, in dem die meisten Anlässe stattfinden. Bori Takacs, Tochter eines jüdischen Vaters und Studentin an der Budapester Central European University, hat schon viele Veranstaltungen im Moishe House besucht. Für sie ist die Institution
eine «gute Sache». Für ihre Doktorarbeit studiert sie die jüdische Gemeinde von Budapest und deren Jugendszene. Die extrem offenen Hausbewohnerinnen versuchten ihrer Meinung nach irgendwie, die Tradi­tion «neu zu interpretieren». An Schabbat beispielsweise finden sich auf dem Balkon der Wohnung rauchende junge Leute und gleichzeitig im Zimmer nebenan Frauen in langen Röcken mit dem Gebetbuch in der Hand. Eszter sagt: «Moishe House ist für ganz verschiedene Menschen zu einer Art Zuhause geworden.»





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