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12. März 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 10 Ausgabe: Nr. 10 » March 11, 2010

Helmut Newtons Lehrerin

von Katja Behling, March 11, 2010
Die Fotografin Else Neuländer war um 1930 unter dem Namen Yva eine Lichtbildnerin von Weltrang. Nach ihrem Tod im KZ Majdanek geriet sie in Vergessenheit. Ein Bildband erinnert an die stilprägende Berliner Künstlerin.
Yvas Foto «Charleston»: Motive fliessen effektvoll ineinander

Im Jahre 1936 tauchte ein junger Mann namens Helmut Neustädter im Atelier der Fotografin Else Neuländer in der Berliner Schlüterstrasse auf. Der 16-Jährige wollte bei ihr und von ihr das Fotohandwerk lernen. Neustädter blieb zwei Jahre bei seiner Lehrmeisterin, die sich unter dem Künstlernamen Yva in die erste Reihe der Modefotografinnen ihrer Zeit emporgearbeitet hatte. 1938 musste der jüdische Lehrling vor den Nazis fliehen. Die erzwungene Emigration aber bedeutete zum Glück nicht das Ende seiner eigenen aussichtsreichen Laufbahn als Fotograf. Neustädter wurde einer der berühmtesten Fotokünstler des 20. Jahrhunderts – als Helmut Newton. Den Namen Yva kennen die meisten, wenn überhaupt, nur dank ihres berühmten Schülers.

Else Ernestine Neuländer wurde 1900 in Berlin geboren. 1925 eröffnete die gelernte Fotografin ihr erstes Atelier. Und machte in Berlin rasch Furore. Die Mittzwanzigerin widmete sich der expressionistisch inspirierten Mode-, Akt- und Sachfotografie und experimentierte mit ungewohnten Darstellungsformen. Um 1930 eroberte sie sich einen festen Platz unter den in Berlin für die Illustrierten der grossen Verlage tätigen Fotografinnen und Fotografen. Durch die expandierende Entwicklung der illustrierten Presse war die Lichtbildnerei zu einem integralen Bestandteil des modernen Lebens geworden und das Fotografen-Handwerk galt in der Weimarer Republik bereits als angesehener und begehrter Frauenberuf.

Beruf: Lichtbildnerin

1927 erschienen erste Arbeiten von Else Neuländer in den Zeitschriften «Weltspiegel» und «Die schöne Frau». Die Berliner Galerie Neumann-Nierendorf widmete der Jungfotografin zudem eine Ausstellung – die, trotz des grossen künstlerischen Erfolges, Else Neuländers einzige Einzelpräsentation zu Lebzeiten bleiben sollte. 1930 zog Else in ein grösseres Atelier. Nach rund fünf Jahren Berufstätigkeit war Else Neuländer in Berlin eine bekannte Modefotografin. Die knapp 30-Jährige publizierte in den renommiertesten Zeitungen und Illustrierten und porträtierte bedeutende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Ab 1929 arbeitete sie verstärkt für die Zeitschriften des Ullstein-Verlags, dem grössten Verlag für Printmedien in Berlin mit Renommierblättern wie «Die Dame», «Querschnitt» und «Uhu». «Uhu», ein neues und speziell für Frauen entwickelte Magazin, machte durch seine Bildgeschichten und seine Auswahl an zeitgenössischen Themen wie «Frauen und Karriere» von sich reden. In allen wichtigen Blättern – auch anderer Verlage – erschienen Else Neuländers Arbeiten: «Das Illustrierte Blatt», «Wiener Magazin», «Moden-Spiegel», «Berliner Illustrierte Zeitung», «Münchner Illustrierte Presse». In Heften wie «Das Magazin», «Elegante Welt» und «Scherl’s Magazin» begeisterten mondäne Modefotos.

Else Neuländer war nicht nur gut im Brot-und-Butter-Geschäft und damit selbst eine Vorzeige-Karrierefrau ihrer Zeit. Sie setzte auch als Künstlerin nachhaltig Massstäbe. Das renommierte Fachblatt «Der Photofreund» brachte 1926 den ersten Artikel über Elses kreative Arbeit: «… seit einiger Zeit … findet sich auch in Deutschland eine junge Lichtbildnerin, die, des trockenen Tones satt, es unternommen hat, ihre eigenen und … auch recht eigenartigen Wege zu gehen», so der Rezensent über die Neuentdeckung. 1932 beteiligte Else Neuländer sich an der 1. Biennale Internazionale d Arte Fotografica Roma, im Jahr darauf an der Ausstellung The Modern Spirit in Photography, Royal Photographic Society of Great Britain in London sowie an der Veranstaltung La Beauté de la femme – dem ersten internationalen Salon der Akt-Fotografie in Paris. Else Neuländer hatte nun den Höhepunkt ihrer Karriere erreicht.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten verschlechterte sich 1933 ihre Arbeitssituation zunehmend. Noch im selben Jahr wurde ein Berufsverbot für Pressefotografen jüdischer Herkunft erlassen, das auch die Jüdin Else Neuländer betraf. Viele in der Weimarer Republik erfolgreichen jüdischen Kollegen Yvas verliessen daraufhin Deutschland. Ellen Auerbach, Grete Stern, Lucia Moholy und Gisèle Freund sowie Lotte Jacobi und Elli Marcus emigrierten umgehend. Andere wie Germaine Krull lebten bereits in Paris und hatten sich etabliert. Und wiederum andere entschieden sich auch nach 1933 dafür, in Deutschland zu bleiben. Wer trotz jüdischer Herkunft oder unerwünschter politischer Auffassungen blieb, musste massive Einschränkungen seiner Arbeits- und Lebensmöglichkeiten hinnehmen – zu ihnen gehörte Yva.

Lehrling Helmut Newton

Unter ihrem Künstler- und Decknamen Yva arbeitete die Jüdin Else weiter und setzte als Atelier-Fotografin ihre Arbeit in Berlin-Charlottenburg fort. Im Jahr 1934 heiratete sie den jüdischen Kaufmann Alfred Simon, der die geschäftliche Leitung des Ateliers seiner Frau übernahm. Das Studio befand sich in der Schlüterstrasse 45, wo Else Neuländer-Simon mit ihrem Mann in einer zweigeschossigen Wohnung nebst Galerie und Dachterrasse auch wohnte. Auf dem Dachgarten jenes Hauses experimentierte Yva erstmals mit der Farbfotografie. Doch die Repressalien auch gegen die in ganz Deutschland bekannte Yva – ein Star ihrer Zunft – nahmen zu. Else sah sich gezwungen, ihr Fotoatelier zu «arisieren». Sie setzte 1936 Charlotte Weidler, eine mit ihr befreundete Kunsthistorikerin, als Leiterin des Ateliers ein. Im selben Jahr begann Helmut Neustädter, der künftige Weltstar Helmut Newton, als Lehrling im Atelier. Jahrzehnte später erzählte Newton in seiner Autobiografie, wie ein Arbeitstag als Auszubildender dort ablief: «Im Atelier arbeitete Yva wie ein Filmregisseur. Wir bauten alles auf, aber die Aufnahmen machte sie selbst. Zu meinen Aufgaben gehörte es, Frau Yva zu rufen, wenn alles vorbereitet war. Alles musste nach genauen Regeln ablaufen. Wenn die Assistenten mir das Stichwort gaben, lief ich den breiten Gang entlang, klopfte an ihre Bürotür und sagte: Frau Yva, es ist alles für sie bereit. Sie ging mit mir ins Atelier, schaute durchs Objektiv und sagte: Ändert das, ändert das und ruft mich, wenn ihr fertig seid», so Helmut Newton über seinen Auftrag. «Dann ging sie wieder in ihr Büro. Wenn wir mit den Korrekturen fertig waren, lief ich wieder los und klopfte bei ihr an. Yva warf noch einen letzten prüfenden Blick auf die Mattscheibe der grossformatigen Studiokamera und drückte dann auf den pneumatischen Auslöser. Dann drehte der erste Assistent die Kassette um, und sie löste noch einmal den Verschluss aus.» Ein routinierter Ablauf. Irgendwann 1938 drückte Yva zum letzten Mal auf den Auslöser.

1938 wurde das gegen Yva verhängte Berufsverbot ausgeweitet. Das Ehepaar Simon sah sich gezwungen, die grosszügigen Wohn- und Geschäftsräume in der Schlüterstrasse 45 aufzugeben — und damit das überregional renommierte Atelier, in dem zeitweise bis zu zehn Mitarbeiter beschäftigt gewesen waren. Else Neuländer schlug einen völlig neuen Weg ein und arbeitete 1938 bis 1942 als Röntgenassistentin im Berliner Jüdischen Krankenhaus. Hartnäckig bemühte sie sich weiterhin, hier und da kleine private Fotoaufträge zu ergattern. Doch die Neuorientierung bot nur Aufschub, keine Rettung. 1942 trafen Else Neuländer und ihr Mann erste Vorbereitungen zur Auswanderung – viel zu spät. Im Juni 1942 wurde das Ehepaar verhaftet und anschliessend in das Konzentrationslager Majdanek deportiert. In Majdanek verliert sich ihre Spur. Else Neuländer-Simon wurde am 13. Juni 1942 deportiert, so die Inschrift auf dem im Jahre 2005 zu ihrem Gedenken in Berlin verlegten «Stolperstein». In Majdanek brachte man die 42-jährige Künstlerin aller Wahrscheinlichkeit nach wenig später um. Am letzten Tag des Jahres 1944 wurde Else Neuländer für tot erklärt.

Lust zur Inszenierung

Geblieben sind ihre Bilder. Auch rund 70 Jahre nach ihrer Entstehung haben sie nichts von ihrer Faszination verloren. Mit spielerischer Leidenschaft und Gespür für Inszenierung nutzte Yva Treppenläufe, Bogengänge, Holzvertäfelungen, Kamine, neogotische Erker und ihre Dachterrasse in Charlottenburg als Kulisse. Sie lotete die technischen und gestalterischen Möglichkeiten der Kamera aus und ihre stilbildenden Arbeiten wirken teilweise verblüffend modern. Yva arbeitete mit filmischen Lichteffekten und phantasievollen Belichtungsmontagen, bediente sich der Perspektive des «Neuen Sehens» und verfolgte innovative Werbestrategien. Und war so immer auf der Höhe des Zeitgeistes. Zu Yvas Models gehörten Schauspielerinnen und Revue-Girls. So setzte sie Mitte der zwanziger Jahre Charleston-Tänzerinnen mit frechem Bubikopf erotisch in Szene: Die Mädchen tragen, dem Bild der von alten Zwängen befreiten «Neuen Frau» entsprechend, Seidenstrümpfe, hochhackige Schuhe und enge Trikots am Körper, und Yva gruppierte die ausgelassenen Tanzenden lasziv um einen schwarzen Saxophon-Spieler. Dafür bediente sie sich einer besonderen Technik. Das Foto «Charleston» ist ein Beispiel für eine Spezialität der Lichtbildkünstlerin Yva: die «synoptischen Fotografien». Das sind Bilder, die nicht wie gewohnt einen einzigen Moment aus einer bestimmten Perspektive festhalten, sondern durch Mehrfachbelichtungen unterschiedliche Motive effektvoll ineinander fliessen lassen. Auf diese Weise liess Yva in ihren Lichtbildern grafische und fotografische Elemente verschmelzen. Andererseits schuf sie mit Werken wie «Amor shin» stimmungsvolle und sehr ausdrucksstarke Portraits, die verträumt, zart und wie gemalt wirken und an Stillleben erinnern. Bekannt war sie auch für ihre vielsagenden Foto-Bildgeschichten, die in Zeitschriften erschienen: So zeigte sie einmal Männer, die sich auf Partys mit Kleidern statt mit Frauen unterhalten – Kopf und Körper der Damen sind einfach wegretuschiert.

Yvas künstlerische Experimente wurden in einem Atemzug mit denen ihrer Kollegen Man Ray und Francis Bruguière genannt. Während der kurzen Zeit ihrer professionellen Tätigkeit von 1925 bis 1938 brachte sie es zu hohem internationalem Ansehen. Heute finden sich Yvas Arbeiten, abgesehen von den Archiven der Zeitschriften-Verlage, etwa in der Photographischen Sammlung der Berlinischen Galerie. Mit vergleichsweise wenigen bekannt gewordenen Bildern gelang Yva der Aufstieg zur Fotografin von Weltrang. Gleichwohl gerieten die Künstlerin und ihr Werk nach ihrem tragischen Tod sehr lange in Vergessenheit. Gegenwärtig wird Yva wiederentdeckt, erfreuen sich ihre Arbeiten eines wachsenden Interesses unter Sammlern. Die erste Yva gewidmete Monografie mit dem Titel «Photografien 1925—1938: Photographies 1925—1938» erschien anlässlich einer 2001 in «Das Verborgene Museum» in Berlin gezeigten Ausstellung. Es ist das Verdienst dieses Museums in der Schlüterstrasse, nahe Yvas letzten Ateliers gelegen, deren Werk erstmals umfassend präsentiert zu haben. Nun erinnern die Autorinnen Marion Beckers und Elisabeth Moorgat mit einem Bildband an die mondäne Modefotografin «Else Neuländer – Yva» (Edition A. B. Fischer, Berlin). Und damit an deren legendäres Atelier: Die von Yva genutzten Räumlichkeiten in der Schlüterstrasse gehören heute zum Hotel Bogota. Noch immer sind dort Teile ihres einstigen Studios zu sehen. Fotos von Yva zieren die Wände der Halle. Der Star-Fotograf Helmut Newton kam einige Zeit vor seinem Tod mit seiner Frau ins Hotel Bogota, um ihr zu zeigen, wo seine Laufbahn begann. Newton, der in seiner Geburtsstadt, ganz in der Nähe der West-Berliner Schlüterstrasse, seit 2004 mit einem eigenen Museum für Fotografie geehrt wird, sagte über seine Lehrmeisterin: «Die Jahre bei Yva wahren wahrscheinlich die glücklichsten meines Lebens.» 




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