Eine Reise in die Geschichte
Sie reisten im vergangenen Mai als fröhliche Gruppe von Chorsängern und Ehefrauen nach Osteuropa, um den letzten der einst blühenden jüdischen Gemeinden ein wunderbares musikalisches Geschenk zu bringen. Doch durch die unmittelbare Konfrontation mit den Mahnmalen eines besonders schwarzen Kapitels der jüdischen Geschichte in ihren Epizentren wandelten sie sich zu einer homogeneren Gruppe als je zuvor. Diese allmähliche Veränderung wird subtil und einfühlsam im Film «Mojschele, majn Frajnd» gezeigt, der am 21. März in Zürich Premiere feiert.
Dem profilierten Zürcher Filmer Walo Deuber («Klassezämekunft», «Ricordare Anna») war das Thema sehr vertraut. Vor mehr als zehn Jahren schuf er mit «Spuren verschwinden» ein grossartiges Denk- und Mahnmal für die Juden der Ukraine, zu der heute Galizien gehört. In jenem Film bestand das gesprochene Wort fast ausschliesslich aus Literatur von Joseph Roth bis Paul Celan. «Mojschele, majn Frajnd» feiert die Musik, von der jiddischen Tradition bis zur synagogalen Chasanut. Durch ihre Bekanntschaft mit dem Reise-Unternehmer Raymond Guggenheim (Jewish Culture Tours) lernten sich Deuber und der Architekt Ron Epstein kennen, Mitglied des Synagogenchors der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ).
Ein unvergessliches Erlebnis
Epstein lancierte die Idee einer Chor-Reise nach Osteuropa, nachdem er durch Guggenheim von den Nöten der letzten jüdischen Gemeinden erfahren hatte. Das Geschenk der Musik sollte ihnen Freude bereiten. Der Architekt und Synagogen-Chronist bemühte sich dann auch um die Finanzierung eines Films über die Reise, der dank des grosszügigen Entgegenkommens von Walo Deuber und durch zahlreiche Spenden zustande kam. Joram Holtz, Sohn eines Chormitglieds und Kameramann, sorgte für die Aufnahmen. Die Einnahmen der Filmpremiere und aller weiteren Aufführungen kommen dem Verein Lifeline zugute, der von Raymond Guggenheim gegründet wurde und tatkräftig jüdische Gemeinden in Osteuropa unterstützt. Guggenheim begleitete die Reise und gestaltete sie dank seiner Verbindungen zum unvergesslichen Erlebnis.
Ein Ehrenmal
«Bewegen, Begegnen, Bewegen» lautete Deubers Konzept. «Ich behielt die Chronologie bei, um die Veränderung der Teilnehmenden durch ihr emotionales Gemeinschaftserlebnis zu zeigen», sagt Deuber. Als Untertitel wählte er die programmatische Erläuterung «Von einer Reise in die Gegenwart vieler Vergangenheiten». Ron Epstein fügt hinzu, diese Reise habe sein Leben verändert, er habe einen neuen Zugang zu seiner Identität und zur Geschichte des jüdischen Volkes gefunden. Zudem stammt die Familie seiner Frau Ruty aus Kolomea, früher zur Hälfte jüdisch, und so wurde das Konzert des Chors, wie immer unter Leitung seines Dirigenten Robert Braunschweig und begleitet von der Pianistin Noemi Rueff, in jener Stadt zum besonderen Erlebnis. Insgesamt sind zehn Lieder vollständig zu hören, im Originalton, der nachher professionell abgemischt wurde.
Der Film trägt die Widmung «Für Marcel Lang». Der Kantor der ICZ war bereits zu krank, um seinen Chor auf der Reise zu begleiten. Für ihn sprang der frühere ICZ-Chasan Bernard San ein, sodass der Film unversehens auch zum Ehrenmal für dessen 40 Jahre im Dienst der ICZ-Chasanut wurde. Statt Langs strahlendem Tenor ist nun Sans mächtiger Bariton mit dem wunderbar warmen Timbre zu hören. «Moijschele, majn Frajnd» ist ein Lied, das Bernard San einst vom Vater des Arztes Isidor Pugatsch lernte. Er trägt es im Duett mit dem beeindruckenden Tenor von Ron Epstein vor, und Walo Deubers Film im Auftrag des ICZ-Synagogenchors verewigt das Lied in seinem Titel.
Filmpremiere: Sonntag, 21. März, 11.00 Uhr, Filmpodium, Nüschelerstrasse 11, Zürich. Tickets (60 Franken): Tel. 044 251 23 64 oder peter@oppenheim.net.


