Brennpunkt «Mischehe»
Wer über Mischehen sprechen will, betritt heikles Terrain, stösst sogar eventuell auf ein Tabu. Dennoch, oder gerade deswegen, luden Ofek und die Gesellschaft Schweiz-Israel am Montag zu einer Podiumsdiskussion in die Israelitische Gemeinde Basel (IGB) ein. Unter dem Titel «Mischehen – am Rand der jüdischen Gesellschaft?» stand der dritte und letzte Abend eines Zyklus zum Thema Fremdsein. Bedeutet Mischehe also Fremdsein? Rabbiner Bea Wyler bejahte, stellte aber klar, dass nicht nur Fremde, sondern auch Fremdmacher in der Verantwortung stünden, Lösungen zu finden. Guy Rueff, Präsident der IGB, betonte, dass Fremdsein bei einem selbst beginne, man darum selber aktiv werden müsse, und dass die IGB die Möglichkeit biete, das Judentum und die Gemeinde kennenzulernen. Psychoanalytikerin Madeleine Dreyfus arbeitet im Rahmen eines Nationalen Forschungsprogramms (NFP 58) zum Thema Mischehen und stellte fest: «Jede Gruppe definiert sich über Grenzen. Denn ohne Grenze gibt es keine Identität.» Handelt es sich demnach um kein theologisches Problem? Migwan-Präsident Benjamin Rosenbaum macht darauf aufmerksam, dass Judentum aus dem Glauben und der Gemeinschaft bestehe: Den Glauben des Partners zu respektieren, sei eine Sache, wer aber auch zum «Stamm» gehören wolle, müsse hohen Ansprüchen gerecht werden. Gerade darin, dass Jüdischsein nicht nur eine religiöse, sondern auch eine soziale und ethnische Komponente hat, sieht Dreyfus das Konfliktpotenzial einer Mischehe, im Speziellen bei der Weitergabe der jüdischen Tradition an die Kinder. Für die Psychoanalytikerin ist die Mischehe primär eine soziale und keine theologische Frage, eine Ansicht, die Rabbiner Wyler indirekt bekräftigt, wenn sie sagt: «Es gibt verschiedene Wege zu Gott.»
Die Rolle der jüdischen Gemeinde
In der IGB, so Guy Rueff, stünden die Türen offen. So dürften Kinder aus Mischehen in den jüdischen Kindergarten, die Schule und den Jugendbund gehen. «Wir sind klein, wir müssen offen sein», so der Präsident weiter. Doch in der Einheitsgemeinde IGB kann ein allfälliger Übertritt nur nach orthodoxen Regeln erfolgen. Rabbiner Wyler verglich die Gemeinde mit einem Fussballclub, dem man auch nicht beitreten könne, wenn man mit Würfeln Fussball spielen wolle: «Der Club macht die Regeln». Diese Regeln hingen massgeblich vom Gemeinderabbiner ab, betonte Rueff. So müsse IGB-Rabbiner Yaron Niesenholz entscheiden, ob jemand Gemeindemitglied werden kann, dessen Übertritt beispielsweise bei einer Rabbinerin gemacht wurde. Bei der Integration vom Partner und den Kindern in die Gemeinde sei die Anerkennungsfrage (Gilt der Übertritt? Wie kann der Übertritt erfolgen?) zentral, wie Dreyfus feststellte.
Lösungsansätze
Die IGB wolle, so Rueff, dass sich der nicht jüdische Partner in der Gemeinde wohl fühlt und dass die Möglichkeit besteht, durch eine Schnupper-Mitgliedschaft das Judentum kennenzulernen. Für Rabbiner Wyler reicht diese Offenheit alleine nicht, die Gemeinden müssten den Bedürfnissen entsprechend Programme zum Übertritt anbieten. Sie konfrontierte Guy Rueff mit zwei Beispielen, bei denen sie selbst für IGB-Mitglieder den Übertritt beziehungsweise die Bar Mizwa betreut hatte, da dies innerhalb der IGB offenbar nicht organisiert wurde. Rabbiner Wyler fragte: «Wie kann es dazu kommen?» Der IGB-Präsident stellte diesbezüglich klar, dass die Gemeinde einen orthodoxen Rabbiner gewählt habe, der mit den einzelnen Fällen betraut werde. Dass IGB-Rabbiner Niesenholz selbst nicht anwesend war, hat sicherlich nachvollziehbare Gründe, dennoch wird er öffentlich Stellung zu nehmen müssen – früher oder später.


