Reizwörter
Schlagzeilen. Dubai, al-Mabhuh, Mossad – wer Kommentare oder öffentliche Auftritte in die Schlagzeilen bringen will, der verwende diese Reizwörter. Obwohl bisher weder der Mossad den Mord am Chef-Waffenschmuggler der Hamas zugegeben hat, noch der Polizeichef von Dubai klare Beweise für die Vorwürfe gegen Israel liefern konnte (Videoclips lassen sich notfalls manipulieren …), gibt es ausser notorisch Naiven heute kaum jemanden, der nicht anklagend oder still applaudierend auf das offiziell nicht existierende, effektiv aber jedem Kind bekannten Mossad-Hauptquartier an der Küstenstrasse kurz vor Herzlia weisen würde.
Dumm-dreist. Auch Verteidigungsminister Ehud Barak stimmte in den Chor ein, als er sich im Interview mit CNN-Starreporterin Christiane Amanpour weigerte, Fragen zu Dubai zu beantworten, dabei aber das bekannte d umm-dreiste Grinsen im Stil des «Na ja, ihr wisst ja schon» so penetrant aufsetzte, dass er letzte Zweifel bezüglich der Urheberschaft des Anschlags ausräumte. Zudem profitiert der Mossad sichtlich vom Dubai-Effekt, gehen auf Stellenausschreibungen des Geheimdienstes heute doch weitaus mehr brauchbare Antworten ein, als noch vor wenigen Monaten.
Kurzsichtig. Der Profit dürfte aber eher kurzsichtiger Natur sein. So hat Dubai israelischen Bürgern die Einreise untersagt, egal ob mit israelischem oder mit ausländischem Pass. Betroffen davon sind in erster Linie Geschäftsleute, die bisher still, aber effizient und mit Hilfe der Lokalbehörden ihren Aktivitäten in Bereichen wie Landwirtschaft, Infrastruktur und Kommunikation nachgehen und dabei auch Fühler zu arabischen Drittstaaten ausstrecken konnten, die dies, wenn danach befragt, vehement dementieren würden.
Missbrauch. Dank des tollpatschig-überheblichen Umgangs von Agenten ist Israel drauf und dran, es sich mit Freunden und Arbeitskollegen in Sydney, aber auch in vielen europäischen Hauptstädten gründlich zu verderben. Der Missbrauch von Reisepässen kränkt den Nationalstolz betroffener Drittstaaten. Pässe anderer Staaten zählen für Geheimdienste zu den bevorzugten Arbeitsinstrumenten, doch den Agenten von Dubai wurde in der Grundausbildung offenbar nicht beigebracht, dass auch «Wüstenheinis» inzwischen nicht nur über modernste Kamerasysteme verfügen, sondern auch gelernt haben, diese rasch und effizient einzusetzen.
Dorn im Auge. Machenschaften von Leuten wie al-Mabhuh sind Golfstaaten nicht weniger ein Dorn im Auge wie Israel, und eine Geheimdienst-Kooperation zwischen Dubai und Israel (wenn tatsächlich der Mossad dahintersteckt) lässt sich nicht ausschliessen. Angesichts des grossspurigen Auftretens des Exekutionsteams von Dubai müssen solche Kooperationen aber vorerst ins Reich der Fabeln verbannt werden. Der iranische Druck und die Gefahr von dort sind Dubai nämlich viel näher als Israel.
Intellektueller Verschleiss. Der Waffenschieber ist beseitigt; in Israel wurde ein Dossier geschlossen. Damit aber erschöpft sich die Erfolgsliste der Aktion Dubai (egal, wer sie effektiv ausgeführt hat) bereits. Ein Verschleiss intellektuellen Potenzials, den Israel sich gar nicht leisten kann. Einst stand beim Mossad der Einsatz für die Heimschaffung von Juden aus konfliktreichen Ländern weit oben auf der Prioritätenliste. Wie wär’s, wenn man die vorhandene «brain power» auf die Schaffung eines israelischen Friedens- und Koexistenzkonzepts verwenden würde? Dann würden sich Probleme wie al-Mabhuh vielleicht von selbst lösen.


