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26. Februar 2010, Architektur Beilage 08 Ausgabe: Nr. 8 » February 25, 2010

Heimatgefühl in Kisten

von Gisela Blau, February 25, 2010
Vor 80 Jahren flüchteten deutsche Juden nach Palästina, einige mit Fertighäusern aus Kupfer im Gepäck. Vier deutsche Kupferhäuser haben in Israel überdauert.
KUPFERHÄUSER AUS DEUTSCHLAND Ein Heimat-Traum der Auswanderer

Als der Jurist Hermann Tuchler aus Breslau 1933 mit seiner Familie Deutschland verliess und nach Haifa auswanderte, nahm er wie eine Schnecke sein eigenes Haus mit, Modell «Jerusalem», mit fünf Zimmern und einer Veranda, verpackt in ein paar Dutzend Kisten. Es war ein Fertighaus aus rostfreien, isolierenden Kupferplatten, von deutschen Juden erfunden, vom Bauhaus-Architekten Walter Gropius verbessert und verschönt.

Die Stadtverwaltung von Haifa verordnete wegen Brandgefahr eine Platzierung auf Stelzen. Nicht alle Kisten des Tuchler-Hauses kamen gleichzeitig an. So dauerte es sehr lange, bis das Haus stand, und der Bauherr sollte später gestehen, dass er sich für den Preis zwei bis drei Steinhäuser hätte bauen können.

Allein im Jahr 1933, nach der Machtergreifung der NS-Partei und dem Berufsverbot für jüdische Beamte, Ärzte, Anwälte, flüchteten 6000 Juden aus Deutschland nach Palästina. Bis 1938 sollten es 200 000 sein.

Vermutlich brachten nur 14 Familien ein Kupferhaus mit, denn bald war es gar nicht mehr möglich, die Träume und Pläne der Herstellerfirma Hirsch und ihrer Deutschen Kupferhausgesellschaft zu verwirklichen. Die Nazis verboten 1934 die Verarbeitung von Kupfer für zivile Zwecke; dieser rare Rohstoff diente nur noch der militärischen Aufrüstung. Daraufhin stieg der Weltmarktpreis für Kupfer so rasant, dass das letzte Fertighaus, das in Palästina ankam, gar nicht erst ausgepackt, sondern gleich verkauft wurde.

Was bedeutet Heimat?

Vier dieser Häuser finden sich noch im heutigen Israel, drei auf dem Berg Carmel oberhalb von Haifa und eines bei Safed in Galiläa. Zwei junge deutsche Wissenschafter haben sie aufgespürt und mit den heutigen Bewohnern gesprochen. Friedrich von Borries, geboren 1974 in Berlin, ist Architekt und Professor für Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Jens-Uwe Fischer, geboren 1977 in Thüringen, ist Historiker und Politologe. Ihr erstes gemeinsames Werk handelte von der Westernszene in der ehemaligen DDR. Und weil von Borries schon seit seinem ersten Besuch in Israel von den Kupferhäusern schwärmte, über die er in den Papieren des Bauhaus-Gründers Walter Gropius eine bis anhin unbeachtete Notiz gefunden hatte, recherchierten und schrieben die beiden den Band «Heimtcontainer. Deutsche Fertighäuser in Israel» für die Edition Suhrkamp. Sie kuratierten auch eine gleichnamige Ausstellung im Meisterhaus Schlemmer in Dessau, die bis zum 7. März zu sehen ist.

Von Borries und Fischer näherten sich dem Thema mit dem frischen und erfrischenden Blick der jungen Wissenschafter. «Wir wollten reflektieren, was Heimat bedeutet», sagt Jens-Uwe Fischer. «Unsere Gesprächspartner in Israel, die Nachkommen der deutschen Kupferhausbesitzer, haben beeindruckend viel erlebt, vom Experiment Weimar bis zur Schoah und der Geburt des Staates Israel, von der bürgerlichen Kultur, die sie im Container mitnahmen, bis zum Idealismus, den es heute gar nicht mehr gibt. Ihre Schicksale ermöglichten uns einen ganz neuen Einblick in die Geschichte, auch für mich als Historiker. Dazu kommen der Aspekt des Antisemitismus, der uns sehr wichtig ist, und das Thema Verlust, denn die geliebte deutsche Heimat ist für diese alten Leute auch das Land der Mörder.»

Kupferhäuser in Palästina

Angefangen hatte alles mit einem Altmetallhandel in Halberstadt, den der Rabbinersohn Aron Hirsch im 18. Jahrhundert von seinem Schwiegervater übernahm und dank Investitionen in die Gewinnung und Verarbeitung von Metall zu einem internationalen Unternehmen ausbaute. 50 Kilometer von Berlin entfernt produzierten die Hirsch Kupfer und Messingwerke (HKM) Platten und Röhren aus Kupfer, Messing und Blei, aber auch Patronenhülsen.

Die Hirschs blieben inmitten der deutsch-jüdischen Reformbewegung orthodox. Die Familie unterstützte die neo-orthodoxe Berliner Austrittsgemeinde Adass Jisroel eines Schwagers, des Rabbiners Ezriel Hildesheimer, und kaufte den berühmten Friedhof Weissensee. Für die eigenen Arbeiter gab es grosszügige soziale Einrichtungen, und bald wurde der Zionismus ein Leitmotiv. 1929 wagten sich die HKM an die Produktion von verschieden grossen Fertighäusern aus Kupferplatten, in denen Leitungen bereits verlegt waren und die sie etwa «Kupfercastell» oder «Frühlingstraum» nannten. 1931 wurde der Bauhaus-Gründer Walter Gropius mit der Verbesserung der Entwürfe beauftragt, und es gab Auszeichnungen an interna-
tionalen Messen.

Die Weltwirtschaftskrise ruinierte beinahe die Hirsch-Werke. Für die Kupferhäuser wurde die Deutsche Kupferhausgesellschaft (DKH) gegründet. Nach der Machtübernahme Hitlers hofften die Hirschs auf einen neuen Markt in Palästina, und sie warben in der «Jüdischen Rundschau» für ihre Häuser, die nun «Jerusalem» oder «Haifa» hiessen: «Sie wohnen bei grösster Hitze in kühlen Räumen.» Sie brachten es sogar fertig, dass Kupferhäuser als Umzugsgut galten. Doch schon 1934 war Schluss, Kupfer wurde Rüstungsgut.

Der Heimat-Traum der Auswanderer hat sich teilweise erfüllt: Einige Fassaden der immer wieder um- und ausgebauten noch existierenden Kupferhäuser in Israel haben sich so grün verfärbt wie die heimatlichen Dächer, nach denen sich die «Jeckes» in Palästina sehnten.


Friedrich von Borries, Jens-Uwe Fischer:
Heimatcontainer. Deutsche Fertighäuser in Israel. Edition Suhrkamp 2009.







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