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26. Februar 2010, Architektur Beilage 08 Ausgabe: Nr. 8 » February 25, 2010

Ein vergessener jüdischer Baumeister

von Valerie Wendenburg, February 25, 2010
Das Werk des deutsch-jüdischen Architekten Wilhelm Zeev Haller ist nahezu in Vergessenheit geraten,obgleich er in den zwanziger Jahren bedeutende Bauten für jüdische Gemeinden geschaffen hat, bevor er im Jahr 1933 nach Palästina auswanderte.
ZUM GEDENKEN Der gut erhaltene Leipziger Ehrenfriedhof im Jahr 2009

In Anbetracht des umfangreichen und vielseitigen Wirkens von Wilhelm Zeev Haller scheint es erstaunlich, wie wenig Beachtung der Architekt in den vergangenen Jahrzehnten erfahren hat – zumal sein Werdegang aufgrund seiner Arbeiten und seiner Lebensstationen als exemplarisch für deutsch-jüdische Architekten seiner Generation gesehen werden kann. Haller begann seine Karriere als Architekt in Deutschland zu Zeiten der Weimarer Republik, nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten emigrierte er nach Palästina und arbeitete dort weiter in seinem Beruf. Geboren am 11. Juni 1884 im heutigen Gliwice in Polen, ist unklar, wo sein Leben im Jahr 1956 zu Ende ging. Einige Forscher gehen davon aus, dass er am 10. Mai verwitwet in Tel Aviv starb, laut anderen Angaben soll er seinen Lebensabend in Arizona in den USA mit seinem Sohn Hans verbracht haben. 

Frühes Schaffen

Wirtschaftlich schien Haller als Kind mit acht Geschwistern in keiner einfachen Situation gewesen zu sein. Unterstützung erhielt er während seiner Ausbildung vom Mendelsohn-Verein in Dresden, der ihm ein Stipendium bewilligte. Auf die Gewerbeschule 1898 folgten drei Sommer, die Haller als Maurerlehrling am Bau verbrachte, im Jahr 1902 verlor er dabei eine Kniescheibe. Aufgrund der bleibenden Gehbehinderung wurde er im Ersten Weltkrieg vom Wehrdienst befreit. Seine Ausbildung absolvierte er an verschiedenen Schulen und Hochschulen, seine Prüfung als Baumeister absolvierte er in Darmstadt. In den darauffolgenden Jahren widmete sich Haller vor allem drei Bereichen: Ehrenmale für jüdische Gefallene des Ersten Weltkriegs, Friedhofsbauten sowie Synagogen. Durch Entwürfe für die jüdische Gemeinde in Leipzig wurde er ihr angesehenes Mitglied. Neben Aufträgen von jüdischer Seite erhielt Haller zu dieser Zeit aber auch Aufträge für Wohn-, Siedlungs-, Geschäfts- und Industriebauten.

Jüdische Bauten

Hallers wahrscheinlich erstes, noch erhaltenes Werk für eine jüdische Gemeinde ist ein Mahnmal für die jüdischen Gefallenen Dresdens, das 1916 eingeweiht wurde. Es handelt sich vermutlich um das erste von einer jüdischen Gemeinde für seine Gefallenen errichtete Mahnmal. Auch in Leipzig findet sich noch heute das von Haller realisierte Ehrenmal aus dem Jahr 1926. Für Eisenach schuf Haller eine Gedenktafel, ferner war er für private Auftraggeber tätig, indem er Grabmäler schuf. Für die jüdische Gemeinde Leipzig plante er den neuen Friedhof, dessen Friedhofshalle zu den grössten jüdischen Friedhofsarchitekturen der zwanziger Jahre gehört. Ein weiteres Friedhofsgebäude verwirklichte Haller auf dem neu angelegten Friedhof der jüdischen Gemeinde in Halle, das der Gemeinde zum Teil auch heute noch als Trauerhalle dient. Auch beteiligte sich der Architekt 1929 am Wettbewerb für eine Synagoge in Hamburg und er plante eine neue Synagoge für Leipzig, die – wäre Hallers Entwurf realisiert worden – eine der grössten Synagogenneubauten ihrer Zeit dargestellt hätte.

Wirken in Palästina

Nachdem die Nationalsozialisten im Jahr 1933 an die Macht kamen, emigrierte Wilhelm Haller nach Palästina und gab sich den neuen Vornamen Zeev. Bereits 1925 hatte er sich mit seinem Entwurf für eine Mädchenfarm in Nahalal mit seinem neuen Heimatland beschäftigt. Haller siedelte sich in Tel Aviv an und realisierte bereits im Jahr seiner Ankunft mehrere Wohnhäuser im Stil des sogenannten «Neuen Bauens», die heute noch erhalten sind. In Palästina beschäftigte sich Haller auch mit städtebaulichen Planungen, ein Beitrag für einen Wettbewerb zur Gestaltung der Uferpromenade in Tel Aviv aus dem Jahr 1934 ist überliefert.

Auf der Höhe seiner Zeit

In allen Phasen seines Lebens scheint Wilhelm Zeev Haller «auf der Höhe seiner Zeit» und auch flexibel gewesen zu sein, wie es der Architekturhistoriker Ulrich Knufinke beschreibt, der sich eingehend mit Hallers Werk beschäftigt hat. Die jüdische Kultur und deren Auswirkungen und Besonderheiten im Hinblick auf zu entstehende Bauten im Blick, war Haller weder konservativ noch prinzipiell modern – wichtig schien ihm stets eine funktional angemessene, Auftraggebern, Betrachtern und Nutzern gefällige «Architektursprache». Aktuell läuft ein Ausstellungsprojekt über Wilhelm Zeev Haller, das in Kooperation der Kulturstiftung Leipzig, dem Bauhaus-Center Tel Aviv und der Beth Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa, organisiert wird. Die Ausstellung soll unter anderem im Juni an der Bazalel-School in Jerusalem gezeigt werden.

Katalog zur Ausstellung «Wilhelm Haller – Ein Leipziger Architekt in Tel Aviv» kann unter www.kulturstiftung-leipzig.de/shop bestellt werden.






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