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26. Februar 2010, Architektur Beilage 08 Ausgabe: Nr. 8 » February 25, 2010

Die vergessene Synagoge

von Katarina Holländer, February 25, 2010
Sillein nannte man die tschechoslowakische Stadt damals noch deutsch, aber wer wüsste heute, dass damit die slowakische Stadt Žilina gemeint war? Und dass Peter Behrens dort eine Synagoge gebaut hatte? Das wusste nicht einmal seine Enkelin, selber Architektin, mit Sicherheit. Heute ist die Zukunft dieses Baudenkmals ungewiss.
DIE AUSSENANSICHT Neologsynagoge in Žilina vor dem Jahr 1939

Etwas flussabwärts von der Stadt Žilina, im westslowakischen Trencˇín, haben sich die neologen Juden 1913 eine Spätjugendstil-Synagoge bauen lassen – heute steht sie dekorativ im Städtchen rum. Nördlich davon war die in Považská Bystrica kurz vor 1900 erbaute Synagoge mit ihrer Kuppel das schönste Gebäude der Stadt; erst in ein Kaufhaus verwandelt, ist sie heute verschwunden. In der Nähe hat in Bytcˇa Baron Leopold Popper noch früher eine stattliche Synagoge gestiftet. Sie steht seit Jahren leer, und eben wird versucht, ihre Bausubstanz zu retten. (Der Sache angenommen hat sich ein christlicher Verein, der noch Geld sucht: www.bconline.sk.) Wie die Synagoge schliesslich genutzt werden wird, ist noch nicht klar. Am Fuss der Tatra prangt nicht weit entfernt in Liptovský Mikuláš ein neoklassizistischer Bau aus den 1840er Jahren mit einem Portikus und vier ionischen Säulen, innen ganz im Jugendstil des Architekten Lipót Baumhorn. Repräsentative Bauten einer Bevölkerungsgruppe, die fast ganz ermordet wurde und deren Reste zum grösseren Teil flohen; Bauten, die heute vor allem Ratlosigkeit und viel immer noch schwer Auszusprechendes repräsentieren. Prachtvoll-dekadent und nutzlos, zum Teil kurz vor dem Zusammenbruch, stehen sie in der slowakischen Landschaft und scheinen ihr trauriges Schicksal stoisch hinzunehmen. Und dabei zu verfallen und zu vergehen.

Über 100 Synagogen und Betsäle gibt es in der Slowakei noch. Nur eine Handvoll dient Juden als Bethaus. Žilina im Nordwesten hat eine jüdische Gemeinde von – man muss sagen: noch – 55 Mitgliedern. Sie treffen sich in einer kleinen Synagoge, die seit 1927 der orthodoxen Minderheit diente (Architekt: Marcel Komor, Bauleitung: Armin Windholz). Die neologe Vorkriegsmehrheit der damals über 3000 Juden (so viele, so wenige, schätzt man heute in der ganzen Slowakei) schrieb 1928 einen Wettbewerb für ihren Neubau aus. Drei namhafte Architekten beteiligten sich: der aus Mähren stammende Josef Hoffmann, der Ungar Lipót Baumhorn und der Deutsche Peter Behrens, der am Anfang des 20. Jahrhunderts der Architektur entscheidende Impulse gegeben hatte, en passant das Corporate Design entwickelte und bei dem unter anderem Walter Gropius, Mies van der Rohe und Le Corbusier gearbeitet hatten. Der bis heute vom Berliner Bundestag «Dem deutschen Volke» verkündende Schriftzug trägt auch seine Handschrift – gegossen wurden die Bronzelettern übrigens von der Bronzegiesserei Loevy.

Mitte der Zwanziger hatte Behrens, damals Direktor der Architekturschule an der Wiener Kunstakademie, seine expressionistische Kathedrale in Form des Verwaltungsgebäudes der Farbwerke Hoechst AG fertiggestellt. Dass er danach eine Synagoge gebaut hat, davon erfährt man in der Regel nicht. Oft auch nicht davon, dass der 1868 in Hamburg geborene und 1940 in Berlin gestorbene Architekt, der sich zunehmend mit städtebaulichen Fragen beschäftigte und sich 1929 – als mit dem Bau der Silleiner Synagoge begonnen wurde – am Wettbewerb für den Berliner Alexanderplatz beteiligte, gegen Ende seines Lebens insofern an der Neugestaltung der Reichshauptstadt mitwirken sollte, als er an der von Adolf Hitlers Leibarchitekten Albert Speer geplanten Hauptachse des Reichs-Zentrums für eine der vorgesehenen Hauptverwaltungen, jene der AEG, die Pläne liefern sollte.

Später Neubau

Als die Orthodoxen Žilinas ihr neues Bethaus errichtet hatten, beschlossen die Neologen sogleich, auch zu bauen, und veranstalteten einen Wettbewerb. Eine Kuppel war Bedingung. An der Stelle der älteren Synagoge an einer heute verkehrsreichen Kreuzung wurde das Siegerprojekt von Behrens 1931 fertiggestellt (Bauleitung: Žigo Wertheimer). Der Stahlbetonbau greift auf Grundformen zurück, schliesst sich aber nicht dem Internationalen Stil an. Etwas Morgenländisches, das etwa an Rachels Grab in Hebron erinnern mag, klingt unbestimmt an, ohne dass Ornamentik und Exotik bemüht würden. Das Jüdische des Bauwerks betonten lediglich auf Stangen angebrachte filigrane Sterne an den Ecken und auf der Kuppel, die längst nicht mehr existieren. Während der Innenraum schlicht und nüchtern gestaltet war, zeigen die Fassaden des von Süden nach Norden gestreckten Rechtecks auf ansteigendem Gelände, an das sich ein Anbau für die Wochentagssynagoge anschloss, zwei horizontal unterschiedene Ebenen. Beide geben den Eindruck von Zinnen; die untere ist mit Stein verblendet, die obere, von schmalen hochrechteckigen Fenstern durchbrochen, schlicht
verputzt und an den Ecken jeweils leicht stufenförmig ansteigend. Die kupfergedeckte Kuppel scheint in das Gebäude eingelassen zu sein.

Das Gebäude diente nur wenige Jahre der Gemeinde als Synagoge. Man hatte sich etwas übertan, die Wirtschaftskrise war auch hier zu spüren, und noch 1934 suchte man Mittel, um die Synagogeneinrichtung zu finanzieren. Ein Jahrzehnt später war alles vorbei. Die meisten Juden wurden schon 1942 in den Tod geschickt. In Žilina war ein Sammellager errichtet worden, von dem aus die Züge ins nahe Auschwitz fuhren. Und seit die Synagoge 1944 als Zwischenlager für die gestohlenen Güter der deportierten Juden hinhalten musste, hat dort nie mehr ein Gottesdienst stattgefunden. Heute zeigt darin das Kino Centrum Filme, die immer weniger Menschen anziehen, seit in der Stadt ein Multiplex-Kino in Betrieb ist. Im vergangenen Sommer hiess es, der Vertrag der jüdischen Gemeinde mit dem Kino laufe Ende 2009 ab. Man suchte nach neuen Möglichkeiten, das Gebäude zu nutzen. Ursprünglich für mehrere hundert Menschen geplant, ist seine Grösse heute ein Problem. Im Gespräch waren unter anderem ein koreanisches Kulturzentrum mit zugehörigem Schrein oder eine Kegelbahn. Würden sich keine Interessenten finden, die das Gebäude für kulturelle Zwecke benützen würden, müsste man es für kommerzielle Zwecke vermieten.

Ungewisse Zukunft

Im Gespräch sagt Pavel Frankl, der die jüdische Gemeinde leitet, man müsse nehmen, was sich anbiete, um Leerstand und Verfall zu verhindern. Vorerst konnte das Kino überzeugt werden, nicht auszuziehen. Man nutze die Zeit, um nach Lösungen zu suchen. Im Sommer habe auch Behrens’ Enkelin, selber Architektin, Žilina besucht. Sie sagte mir im Gespräch, sie sei «mit diesem Über-Grossvater» aufgewachsen und hätte bisher selber nicht gewusst, ob dieses Projekt auch tatsächlich ausgeführt worden sei. Als sie die ehemalige Synagoge nun gesehen habe, sei sie hellauf begeistert gewesen von diesem ungewöhnlichen Bau, der – wie Hartmut Frank, der an einem umfassenden Werk über den Architekten arbeitet, bestätigt – möglicherweise Behrens’ letzter ausgeführter Bau ist. Es müsse da unbedingt etwas zur Bewahrung unternommen werden, und sie habe diesbezüglich den Internationalen Rat für Denkmalpflege Icomos kontaktiert, jedoch ist ungewiss, ob aus dieser Richtung Unterstützung kommen kann. Auf die Frage, ob nicht auch das nicht lange danach zu beobachtende Engagement des renommierten Architekten im «Dritten Reich» zum «Vergessen» dieser Synagoge beigetragen haben mochte, meint seine Enkelin, es sei nie bewiesen worden, dass Behrens der NSDAP überhaupt beigetreten sei. Ihre Grosseltern hätten sich «getrennt und Peter Behrens hatte eine Beziehung mit seiner verheirateten (jüdischen) Mitarbeiterin». Sie betont auch die Rolle des Eisernen Vorhangs für den lange unzureichenden Kenntnisstand.

Vorderhand gibt es für diese bemerkenswerte moderne Synagoge aus der Zwischenkriegszeit, wie es ihrer in ganz Europa nur wenige gibt, allerdings keinen einzigen konkreten Plan.

Nach dem Krieg musste eine neue Nutzung gefunden werden, und es gab hier zunächst Musik und Theater. Martin Rodan, in Žilina geboren und nach Jahren als Leiter der Sochnut in Zürich heute slowakischer Honorarkonsul in Israel sowie Dozent, von dem kürzlich das Buch «Notre culture européenne, cette inconnue» erschienen ist (Verlag Peter Lang, Bern), erinnert sich noch gut daran, wie er dort mit seinen Eltern in kommunistischer Zeit Konzerte besuchte. Sein Vater vergass nie, ihm die Plätze zu zeigen, an denen er mit seiner Mutter, seinem Bruder und seiner Schwester (der Grossmutter der Autorin) an den hohen Feiertagen zu sitzen pflegte. Es erstaunt ihn nicht, dass Behrens nahe Stehende nicht von diesem Bau wissen – «er wird sich bestimmt in Nazideutschland nicht damit gebrüstet haben». «Die einzigartige Geschichte und der ausserordentliche künstlerische Wert dieser Synagoge», findet er, «rufen danach, erhalten zu werden. Eine Restaurierung des Gebäudes übersteigt die Möglichkeiten der lokalen Gemeinde und verlangt sachkundige und finanzielle Unterstützung von auswärts. Ohne solche wird der Bau nicht erhalten werden können.»







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