Der «Anti-Trump» verhebt sich
Die «New York Times» hat den Immobilienunternehmer Jerry Speyer einmal den «Anti-Trump» genannt. Das bezog sich nicht nur auf den persönlichen Geschmack von Speyer, der zwar mit sicherer Hand avantgardistische Kunst sammelt, aber ansonsten die perfekten Umgangsformen und die Diskretion eines Grossbürgers alter Schule pflegt. Speyer ist auch als Geschäftsmann der Antipode des schrillen Aufschneiders Trump. Wo «The Donald» seine Hochhäuser krass mit goldenen Fassaden aufputzt, sammelt der 69-jährige Speyer architektonische Perlen wie das Rockefeller Center oder das Chrysler Building in Manhattan. Bis vor wenigen Monaten konnten der Spross einer berühmten Familie aus der Frankfurter Judengasse und seine Firma Tishman Speyer auch der Immobilienkrise trotzen, die verschiedene Unternehmen von Trump entweder in den Konkurs oder nahe daran gebracht hat. Doch inzwischen bringen sinkende Mieten und die selbst in Manhattan stark eingebrochene Nachfrage nach Büroraum auch Speyer in Nöte.
Zum Mühlstein am Hals von Tishman Speyer hat sich ausgerechnet ein Deal entwickelt, der im Herbst 2006 als grösstes Immobiliengeschäft aller Zeiten in die amerikanische Geschichte einging. Damals erwarb Speyer gemeinsam mit dem Immobilienkonzern Black Rock für 5,4 Milliarden Dollar die Wohnanlagen Stuyvesant Town und Peter Cooper Village oberhalb der 14. Strasse in Manhattan. Die 110 Gebäude mit ihren 11 227 Apartments wurden nach dem Zweiten Weltkrieg von dem Versicherungskonzern Metropolitan Life für Veteranen und deren Familien gebaut. Viele dieser Mieter finden sich bis heute unter den rund 20 000 Bewohnern der Anlagen. Diese Kontinuität ist gerade für Manhattan extrem ungewöhnlich, lässt sich aber durch die staatlich «stabilisierten», niedrigen Mieten in Stuyvesant Town erklären. Die Gebäudekomplexe wurden zu Hochburgen eines gutbürgerlichen Milieus, das sich ansonsten kaum noch leisten kann, in Manhattan zu wohnen. Hier ist etwa David Axelrod aufgewachsen, der Chefberater von Barack Obama.
Eben diese niedrigen Mieten boten den Anreiz für das Engagement von Tishman Speyer: Die Anwälte des Konzerns sahen Wege, Tausende von Wohnungen in Stuyvesant Town zu renovieren und dann zu deutlich höheren Preisen neu zu vermieten. Dies hat zunächst grosse Proteste unter den Bewohnern, Lokalpolitikern und Bürgerrechtsorganisationen ausgelöst. Gravierender war jedoch die wenige Monate nach dem Kauf einsetzende Immobilienkrise, die zu einer deutlich sinkenden Nachfrage nach Mietwohnungen, aber auch Büroraum geführt hat. Daher genügten die Mieteinkünfte aus Stuyvesant Town bald nicht mehr, um die Zinsen auf die Kredite zu bedienen, die Tishman Speyer aufgenommen hatte. Vor wenigen Tagen hat die Firma erstmals eine Zahlung in Höhe von 16 Millionen Dollar auf ihre Hypotheken versäumt. Insgesamt sind die Gebäude mit 4,4 Milliarden Dollar an Krediten belastet. Aktuellen Schätzungen zufolge sind Stuyvesant Town und Peter Cooper Village jedoch heute nur noch 1,9 Milliarden Dollar wert. Nun hat Tishman Speyer die Konsequenzen gezogen und den Investmentfonds für die Wohnanlagen in Konkurs gehen lassen.
Vor dem Konkurs
Dies könnte Speyers Ansehen in der Finanzwelt erheblich beschädigen. Dabei geht seine Firma kein Risiko ein, in die Zahlungsunfähigkeit zu geraten – aber die Geschäftsfähigkeit von Tishman Speyer beruht auf ihrem erstklassigen Renomée und ihrer Fähigkeit, hohe Renditen zu erzielen. Nur so kann sie das für ihre Aktivitäten notwendige Fremdkapital finden. Die Firma hat seit der Gründung im Jahr 1978 ein enorm profitables Geschäftsmodell entwickelt, das gleichzeitig Risiken für den Unternehmer minimiert. Dabei legen Speyer und sein Sohn und Partner Robert separate Investment Funds für grosse Vorhaben auf, an denen sich Hedge Funds, Banken, Pensionsfonds, private Investoren, aber etwa auch die Kirche von England beteiligen. Historisch haben diese Vehikel jährlich 20 Prozent Gewinn abgeworfen. Tishman Speyer pflegt sich an den einzelnen Fonds nur mit geringen Einlagen zu beteiligen, profitiert aber von Provisionen, Verwaltungsgebühren und Kaufhandlungen in eigener Regie. Für Stuyvesant Town hat die Firma jährlich 18 Millionen Dollar an Gebühren verlangt, darauf aber unter dem Eindruck der ersten finanziellen Probleme schon im Jahr 2008 verzichtet. Die Speyers haben persönlich je 56 Millionen Dollar zugeschossen, um das Projekt zu retten. Der Konkurs zieht die Versteigerung der Wohnanlagen und darüber hinaus mit einiger Sicherheit erhebliche politische Probleme nach sich: Auch in New York hat sich die Stimmung der Öffentlichkeit längst gegen die Wall Street und die Finanzindustrie insgesamt gedreht. Für Tishman Speyer könnte dies ganz konkrete, negative Folgen haben: Die Firma steht aufgrund einer weiteren massiven Fehlinvestition in Chicago derzeit in Kreditverhandlungen mit dem New Yorker Zweig der US-Notenbank und ist daher der politischen Grosswetterlage ausgeliefert.
Tishman Speyer kontrolliert insgesamt ein Portfolio im Wert von 33 Milliarden Dollar und einer Fläche von 650 000 Quadratmetern weltweit. Die Firma ging aus dem New Yorker Traditionshaus Tishman Realty hervor, das um 1900 von der gleichnamigen jüdischen Familie gegründet wurde. Speyer hatte sich schon als Student durch eine ernsthafte, abwägende Art hervorgetan, die durchaus mit seinen Frankfurter Wurzeln zu tun haben könnte. Die Familie Speyer hat sich dort 1644 angesiedelt und ausserordentlich erfolgreiche Unternehmer und Bankiers hervorgebracht, die sich auch durch Bürgersinn ausgezeichnet haben. Der letzte bedeutende Vertreter der Familie war der Bankier Georg Speyer (1835–1902), der sein grosses Vermögen zahlreichen sozialen und wissenschaftlichen Stiftungen hinterlassen hat, etwa dem Georg Speyer Haus für die medizinische Forschung. Jerry Speyer folgt diesen Vorgängern und ist in New York im Vorstand des Museum of Modern Art ebenso engagiert wie an der Columbia University, dem Council on Foreign Relations oder der Wirtschaftsinitiative Partnership for New York. Eine besonders enge Beziehung verbindet ihn mit dem unbestrittenen Patriarchen der New Yorker Gesellschaft David Rockefeller, von dem Speyer einmal gesagt hat, es wäre «anmassend, ihn ein Vorbild zu nennen».
Kreative Verhandlungslösungen
Speyers Vater konnte den Nazis 1939 entkommen, seine Mutter stammt aus der Schweiz. Der Junge wuchs in gediegenen Umständen am Riverside Drive in Manhattan auf und war anscheinend schon in jungen Jahren so beeindruckend, dass ihn Lynne Tishman noch während seines Studiums heiratete. Speyer trat danach als Assistent seines Schwiegervaters Robert Tishman in die Firma ein und wurde bereits mit 30 Vizepräsident. Sein Gespür für den Markt, seine Leistungsfähigkeit und sein Talent für kreative Verhandlungslösungen haben Tishman so beeindruckt, dass er die Partnerschaft mit Speyer auch dann nicht auflöste, als dieser sich 1988 – anscheinend sehr harmonisch – von Lynne trennte.
Zu dieser Zeit hatte Tishman Speyer nicht nur nach Europa expandiert und beispielsweise in Frankfurt den Messeturm gebaut, sondern auch Projekte in Lateinamerika und Asien angeschoben. Derzeit baut die Firma 17 Wohnanlagen in Brasilien und zwei Grossvorhaben in China. Doch obwohl Speyer gerade in der Endphase des Immobilienbooms 2004 bis 2007 etwa beim Verkauf des ehemaligen Hauptquartiers der «New York Times» phantastische Renditen erzielt hat, hat er sich auf dem amerikanischen Markt nicht nur mit Stuyvesant Town verhoben. Im Juni 2007 übernahm Tishman Speyer in Chicago ein Paket von sechs Gebäuden im Herzen von Chicago, darunter die 1898 erbaute Börse Chicago Mercantile Exchange. Die Firma hatte dazu Kredite in Höhe von 1,4 Milliarden Dollar aufgenommen und geplant, einige der Liegenschaften baldigst weiterzuverkaufen. Doch während Verhandlungen dazu liefen, platzte die Immobilienblase und die Preise für Büroräume und -Mieten brachen blitzartig ein. Seit Ende 2007 hat Büroraum in den USA durchschnittlich 40 Prozent an Wert verloren. Die Speyers konnten sich nun zwar die grössten Eigentümer von Büroräumen in Chicago nennen, aber bald standen 15 Prozent davon leer und warfen keine Einkünfte mehr ab. Sie fanden bislang keine Käufer und stecken in schwierigen Verhandlungen mit ihren Kreditgebern. Ähnliche Probleme sind aus der Übernahme von 26 Bürohäusern in Washington für 2,8 Milliarden Dollar entstanden. Die amerikanische Hauptstadt verzeichnet derzeit die höchste Vakanzrate an kommerziellen Immobilien landesweit.
Zu diesen Verpflichtungen waren kurz vor dem Stuyvesant-Konkurs mindestens 200 Millionen Dollar hinzugekommen. In Stuyvesant Town und Peter Cooper Village haben sich die Mieter zusammengetan und sind vor Gericht gezogen, um eine Rücknahme der seit 2006 vorgenommenen Wohnzinserhöhungen zu erzwingen. Sie konnten sich damit nun vor dem höchsten New Yorker Gericht durchsetzen und haben Verhandlungen mit den Speyers über die Rückerstattung von Mieten für 4400 Wohnungen aufgenommen. Derzeit ist nicht abzusehen, ob die Mieter jemals zu ihrem Geld kommen werden. Bislang hat sich der Unternehmer durch diese Zusammenballung von Problemen noch nicht aus der Fassung bringen lassen. So gab er nun zu Protokoll: «Wir haben eine Menge Geschäfte gemacht. Dabei hatten wir fantastische Erfolge und wir mussten Verluste einstecken. Aber ich behaupte, dass es in unserer ganzen Branche niemanden gibt, der eine bessere Gesamtbilanz vorlegen kann als wir.»


