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26. Februar 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 08 Ausgabe: Nr. 8 » February 25, 2010

Von «Mauscheln» und «Mischlingen»

Valerie Wendenburg, February 25, 2010
Die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus hat ein Glossar auf ihrer Website aufgeschaltet, in dem Begriffe erklärt werden, die immer wieder – auch missverständlich – in Journalismus und Wissenschaft verwendet werden.
WAS STEHT HINTER DEN WORTEN? Das GRA-Glossar erklärt Herkunft und Bedeutung von historisch belasteten oder vermeintlich belasteten Begriffen

Die rund 80 Begriffe, die im Glossar auf der Website der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) zu finden sind, haben wohl alle Lesenden schon oft gehört – ihre genaue Herkunft und Verwendung ist aber vielfach unbekannt. Kurz, prägnant und doch umfassend werden auf der Site www.gra.ch Worte erklärt, deren Bedeutung sich zu wissen lohnt – nicht nur im Sinne der eigenen korrekten und adäquaten Ausdrucksweise, sondern auch im Wissen um den Kontext und die Geschichte, der manche der betreffenden Wörter entsprungen sind. So wird beispielsweise gerade in der aktuellen Debatte der Begriff Islamismus oftmals gebraucht, auch wenn über die genaue Bedeutung des Wortes teilweise Unklarheit herrscht. Journalisten, Lehrkräfte, Schüler, Studierende, Politiker und politisch Interessierte können nun neu im GRA-Glossar Herkunft und aktuelle Bedeutung von historisch belasteten oder vermeintlich belasteten Wörtern schnell und einfach abfragen.

Prägnante Informationen

GRA-Geschäftsführer Michael Chiller-Glaus betont gegenüber tachles: «Das GRA-Glossar soll Journalisten und allen Interessierten als Unterstützung dienen. Es ist wichtig, dass die betreffenden Begriffe mit Sorgfalt und im richtigen Kontext verwendet werden.» Daniel Suter, ehemals langjähriger Redaktor beim «Tages-Anzeiger» und mit journalistischem Schreiben daher vertraut, hat die meisten Beiträge zu den Begriffe in Zusammenarbeit mit der Historikerin Shelley Berlowitz verfasst. Suter ist seit einigen Jahren Vorstandsmitglied der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz – in dieser Funktion wurde er von Ronnie Bernheim, den Präsident der GRA, angefragt, am Glossar zu arbeiten. Suter erklärt: «Wir haben im vergangenen November mit der Arbeit begonnen und seither jeder rund 40 Begriffe beschrieben.» Ziel ist es, keinen Begriff ausführlicher als auf einer Din-A4-Seite zu erklären, da die Informationen prägnant sein sollen. Daher werde innerhalb der Erklärungen bewusst auch auf Fussnoten und meistens auch auf Quellenangaben verzichtet, auch wenn diese den Autoren selbstverständlich alle vorliegen.

Teilweise ist die Recherche aufwändig – am Längsten habe er, so Suter, an der Recherche des Begriffs «gestampfter Jude» gesessen. Er hat sich sogar an das Schweizerische Idiotikon und an die Bibliothek des Schweizerischen Verteidigungsdepartements gewandt. Das Ergebnis der Recherche ist nun online im GRA-Glossar zu lesen: «Gestampfter Jude» war in der Soldatensprache eine der gängigen Bezeichnungen für die Fleischkonserven der Schweizer Armee. Der Begriff kam im Zweiten Weltkrieg auf und war bis in die neunziger Jahre gebräuchlich. Sein antisemitischer Gehalt wurde meist übersehen oder verharmlost.

«Semiten» und «mauscheln»

Shelley Berlowitz betont gegenüber tachles, was sie an dem Auftrag, das GRA-Glossar zu erstellen, besonders reizvoll findet: «Spannend ist, nicht nur die Herkunft der Begriffe, sondern auch ihre Verwendung zu erklären.» So sei es zum Beispiel wichtig zu wissen, wie der Begriff Semiten (und somit auch der Begriff Antisemiten) verwendet werde. So werde in der Öffentlichkeit teilweise der Einwand laut, Antisemiten würden sich auch gegen Araber wenden – oder Araber könnten keine Antisemiten sein, weil sie selber zu den Semiten gehörten. Im GRA-Glossar aber wird aber erklärt, dass sich die Menschen, die die Wortschöpfung Antisemitismus und die damit verbundene Ideologie gebrauchten, immer konkret gegen Juden und Jüdinnen gerichtet haben.

Interessant zu lesen ist unter anderem auch die Herkunft des Verbs mauscheln: So war «Mauschel» vom 17. Jahrhundert an der antijüdische Spottname für einen Juden (abgeleitet vom Namen Moische). Mauscheln bedeutete zuerst abfällig die undeutliche Art, wie ein «Mauschel» spricht, womit die jiddische Sprache gemeint war. Daraus entwickelte sich als zweite Bedeutung für mauscheln «wie ein Schacherjude handeln», also betrügen. Dieses unsaubere Geschäft «nach Judenart» nannte man dann Mauschelei. Somit ist das Wort mauscheln nicht – wie oftmals angenommen – jiddischer Herkunft, sondern eine Wortprägung der Antisemiten.

Missverständliche Verwendungen

Heikel ist besonders auch die Verwendung des Wortes «Sonderbehandlung», von dem – erstaunlicherweise – in Deutschland immer wieder gerne Gebrauch gemacht wird. So war im vergangenen Jahr zum Beispiel im «Fokus» der Titel zu lesen: «Keine Sonderbehandlung für Opel». Dem verantwortlichen Journalisten war offenbar nicht ausreichend bewusst, dass «Sonderbehandlung» ein nationalsozialistischer Tarnbegriff für Mord war. Der Begriff wurde zunächst von der SS, später auch von zivilen Behörden verwendet.

Die rund 80 Wörter, die bislang von Suter und Berlowitz beschrieben worden sind, werden weiter ergänzt. So haben die beiden bereits Vorschläge mit weiteren Begriffen aus Judentum und Islam vorgeschlagen, die sie im März mit Michael Chiller-Glaus diskutieren. Der GRA-Geschäftsführer weist auch darauf hin, dass das GRA-Glossar ständig erweitert wird – auf der Liste stünden unter anderem auch die Begriffe Beschneidung und Genitalverstümmelung. Bereits online, aber noch nicht bearbeitet sind Begriffe wie Terrorist, Übermensch, Ungeziefer, Mischling, Nazi oder «auserwähltes Volk». Mitmachen kann jeder, der das Projekt unterstützen möchte: Auf der Homepage befindet sich ein Formular, auf dem Kommentare und Vorschläge für weitere Begriffe eingereicht werden können – mit dem Ziel, das GRA-Glossar beständig zu erweitern und es zu einem nicht mehr wegzudenkenden Werkzeug vor allem für Medienschaffende zu machen.






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