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26. Februar 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 08 Ausgabe: Nr. 8 » February 25, 2010

Späte Reaktionen auf Antisemitismus

von Jean Cohen, February 25, 2010
Bis vor Kurzem konnte das zurzeit von der Finanzkrise gebeutelte Griechenland auf eine lange Geschichte ohne gewalttätige antisemitische Handlungen zurückblicken. Die wenigen Manifestationen antijüdischer Gefühle zeigten sich vor allem anhand von Graffiti, in rassistischen Artikeln in neofaschistischen Publikationen oder in gelegentlichen verbalen Äusserungen.
ZÖGERLICHE REAKTION Premierminister Giorgos Papandreou verurteilte den Anschlag auf die Synagoge auf Kreta nicht sofort

Die Zeiten, in denen der Antisemitismus in Griechenland eine eher geringe Rolle spielte, scheinen vorbei zu sein. Denn der Gaza-Krieg vor einem Jahr änderte die Atmosphäre zwischen Juden und Nichtjuden in Griechenland von Grund auf, und es kam zu einer Reihe antisemitischer Zwischenfälle. Der vorläufig letzte war der Brandanschlag im Januar gegen die Synagoge Etz Hayim auf Kreta. Dank zwei auf der anderen Strassenseite lebenden Albanern und einem palästinensischen Immigranten wurde die Zerstörung des Gotteshauses verhindert.

Späte Reaktion

Mehr noch als die Attacke selber hat die Juden beunruhigt, dass der Staat diese Tat zuerst in keiner Weise verurteilte. Nicht nur die Regierung, auch die Presse, die politischen Parteien und die griechisch-orthodoxe Kirche schwiegen zunächst. Erst eine Woche nach einem zweiten Anschlag gegen die Synagoge und einer darauffolgenden Verurteilung durch die Anti-Defamation League (ADL) reagierte die griechische Regierung. «Die Attacke gegen die Synagoge Etz Hayim», erklärte Premierminister Giorgos Papandreou in einem Brief an die ADL, «ist nicht nur eine Attacke gegen eines der verbleibenden jüdischen Monumente auf Kreta, sondern auch eine Attacke gegen die Geschichte und das kulturelle Erbe unserer griechischen Heimat. Die Regierung, ich persönlich wie auch die ganze griechische Nation verurteilen diesen abscheulichen Akt, so stark es nur geht.» Eine Woche zuvor hatte ADL-Direktor Abe Foxman Papandreou schriftlich ersucht, den Brandanschlag «öffentlich und unmissverständlich» zu verurteilen. Es sei enttäuschend, schrieb Foxman am 14. Januar, dass die griechische Regierung bis dahin nicht auf den schockierenden Anschlag gegen die Synagoge auf Kreta reagiert habe: «Die vorherige Regierung blieb still, als Synagogen angegriffen und Friedhöfe geschändet wurden. Das verunsicherte die jüdische Gemeinde und verlieh den Tätern ein Gefühl der Straflosigkeit. Wir hoffen, Ihre Regierung wird diese Politik ändern und erklären, dass der Antisemitismus keinen Platz hat in Griechenland.» Am Tag nach der Publikation des Briefs wurde die gleiche Synagoge ein weiteres Mal attackiert, wobei schwerer Sachschaden entstand.

Eine neue Dimension

Abgesehen von der neuesten antisemitischen Welle muss man schon bis 1982
zurückblicken, will man von einer gewalttätigen Attacke gegen eine jüdische Einrichtung in Griechenland berichten. Während des Libanon-Kriegs wurde vor einem Reisebüro in jüdischem Besitz eine Bombe entdeckt, die von Polizisten entschärft werden konnte. Damals wurde jeder grössere antisemitische Zwischenfall unverzüglich von der Regierung verurteilt und entsprechend behandelt. Für die Juden Griechenlands war das Jahr 2008 der eigentliche Wendepunkt, als der Prozess gegen den Anwalt und Antisemiten Kostas Plevris stattfand. Plevris war unter anderem von einer Menschenrechtsorganisation wegen seines 1400 Seiten starken Buchs «Juden: Die ganze Wahrheit» der Aufhetzung zur Gewalt gegen Juden beschuldigt worden. Nach anderthalb Jahren und zwei Prozessen wurde Plevris von einem fünfköpfigen Berufungsgericht einstimmig von allen Verfehlungen freigesprochen. In einem Prozess nannte der Staatswanwalt das antisemitische Machwerk eine «wissenschaftliche Arbeit».

Im Jahr 2009 nahmen die antisemitischen Zwischenfälle zu; neun Städte berichteten von Attacken. Der jüdische Friedhof von Ioannina wurde vier Mal geschändet. Griechische Juden bemängeln, dass die Behörden wenig getan hätten, um die Täter zu finden. Die jüdische Empörung wuchs, als ein hochrangiger Polizeioffizier, der unmittelbar nach einem der Zwischenfälle auf dem Friedhof gesehen worden war, von den zuständigen Stellen nicht befragt wurde. Weder der Bürgermeister noch der Gouverneur noch der Metropolit Theoklitos – der höchste Priester in jeder griechischen Stadt – verurteilten den Zwischenfall.

«Keine guten Juden»

Als Israel die Operation gegen die Hamas im Gazastreifen lancierte, erreichte der Antisemitismus neue Dimensionen. In seiner Wochenzeitung «A1» nannte Giorgos Karatzaferis, Anführer der rechtsextremen Partei Laos (15 Sitze im Parlament), die Juden «Christusmörder» und verstieg sich zur Behauptung, Blut von Juden «stinke». Niemand reagierte, als der Zentralverband der jüdischen Gemeinden in Griechenland den Parlamentssprecher sowie politische Führer ersuchte, den Artikel zu verurteilen. Und mit Ausnahme des bekannten Kolumnisten Pashos Mandraveli, der sich in der Tageszeitung «Kathimerini» zu Worte meldete, blieben auch die griechischen Medien stumm. Linksgerichtete Persönlichkeiten, die Israel wegen seines Vorgehens in Gaza hart verurteilten, weigerten sich, die antisemitischen Zwischenfälle zu kritisieren oder sich Ende Januar an den Zeremonien zum Holocaust-Gedenktag zu beteiligen. «Es gibt keine guten Juden», sagte der bekannte liberale Radio-Komödiant Jimmy Panousis in seiner Show. «Juden sind Schweine und Mörder, doch zum Glück sind ihre Tage gezählt.» Die Zeitung «Avriani», welche die amerikanischen Juden für die Weltwirtschaftskrise verantwortlich machte, warnte davor, dass US-Juden den Dritten Weltkrieg planten.

Piraeus Serafim von der griechisch-orthodoxen Kirche warnte vor «zionistischen Ungeheuern mit scharfen Klauen». Seit den Brandstiftungen auf Kreta werden die griechischen Juden zusehends nervöser, denn Griechenland steht mit seiner zögernden Haltung bei der Verurteilung von Angriffen gegen jüdische Interessen weitgehend alleine da.





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