Ein geteilter Ort
Das am Fusse der Golanhöhen, hart an der libanesischen Grenze gelegene Dorf Ghajar ist ein weltweites Unikum. Infolge der Wirren des Nahostkonflikts befindet sich das Gebiet der Ortschaft teilweise auf libanesischem, teilweise auf syrischem, von Israel besetztem Boden. Die periodisch aufflammende Debatte, zu welchem Land das Dorfeigentlich gehöre (Libanon, Syrien oder Israel) und unter wessen Herrschaft es dereinst stehen solle, macht die Dorfbewohner nervös. Zurzeit wird an einem Szenario gearbeitet, laut dem der Nordteil des Dorfes der Obhut der Unifil-Truppe unterstellt und der Südteil weiterhin von Israel kontrolliert werden würde.
Israelisches Bürgerrecht
Als 1916 die nach zwei britischen und französischen Diplomaten benannten Sykes-Picot-Linie gezogen wurde, lag das Dorf südlich dieser Linie, just an der Grenze zwischen dem späteren Syrien und Libanon. Im Sechstagekrieg 1967 wurden die syrischen Golanhöhen von israelischen Truppen erobert und sind seitdem besetztes Gebiet. Das Dorf selber, das bis dahin zu Syrien gehörte, wurde jedoch nicht eingenommen. Plötzlich befand es sich, von allen Nachbarn abgeschnitten, im Niemandsland zwischen Libanon und den von Israel besetzten Golanhöhen. Die Dorfbewohner zogen es trotz der unsicheren Situation vor, in ihren Heimen zu verbleiben. Mit Zustimmung des damaligen syrischen Präsidenten Hafez Assad, Glaubensgenosse der in dem Dorfe lebenden Alawiten, kamen sie mit Israel überein, ihre Ortschaft den besetzten Gebieten zuzuschlagen. Als das israelische Parlament 1981 das von der internationalen Gemeinschaft nicht anerkannten Golan-Gesetz verabschiedete und die besetzten Golanhöhen annektierte, beschlossen die Einwohner von Ghajar, das ihnen nun zustehende israelische Bürgerrecht anzunehmen.
Ein geteiltes Dorf
Nach dem Libanon-Krieg von 1982 stand Südlibanon während 18 Jahren unter israelischer Kontrolle. In dieser Zeit wuchs das Dorf, ohne dass jemand dies bemerkt hätte, über die historische Sykes-Picot-Linie hinaus. Als israelische Truppen im Jahre 2000 Südlibanon evakuierten, stellten Vermessungsingenieure der Uno zum Erstaunen aller Beteiligten fest, dass der Nordteil des vergrösserten Dorfes auf libanesischem Gebiet lag. De facto war Ghajar fortan geteilt: Ein Drittel des Dorfes, der südliche Teil, stand unter israelischer Kontrolle, die nördlichen zwei Drittel gehörten zu Libanon. Da aber Hizbollah-Freischärler von Norden her leicht in das Dorf und von da aus nach Israel infiltrieren könnten, zog sich Israel gänzlich aus dem Dorf zurück. Die Armee begnügte sich damit, südlich von Ghajar eine Grenzkontrolle einzurichten und die Grenzlinie ausserhalb des Dorfes zu patroullieren. Mehrere Versuche der Hizbollah, in das Dorf einzudringen und von dort aus israelische Soldaten zu verschleppen, konnten verhindert werden.
In der Folge machte Libanon geltend, dass Syrien Ghajar mittels einer Schenkung Libanon zugesprochen habe. Eine solche Abmachung war aber nie schriftlich festgehalten worden, und international gelten das Dorf sowie das nahe Gebiet − die etwa 25 Quadratkilometer grossen sogenannten Sheba-Farmen auf den Ausläufern der Golanhöhen − weiterhin als besetztes syrisches Territorium, das dereinst an Syrien zurückgegeben werden soll. Seit dem zweiten Libanon-Krieg im Jahre 2006 hat Israel die Kontrolle über das gesamte Dorf übernommen, eine Situation, die zumindest im Nordteil der Uno-Resolution 1701 widerspricht, mit welcher der Krieg beendet wurde.
Totale Unsicherheit
Im nördlichen Teil des Dorfes leben etwa 1700, im südlichen 500 Einwohner. Auf einem Aussichtsposten an der Nahtstelle, von dem der Blick über das Tal des Flusses Hasbani weit nach Libanon reicht, erläutert Najib Khatib, der Sprecher des Bürgermeisters, die Lage. Da der nördliche Teil des Dorfes ausserhalb israelischen Hoheitsgebiets liegt, dürfen in ihm keine Ambulanzen, Techniker, Feuerwehrwagen oder Polizisten verkehren. Wenn zum Beispiel der Kühlschrank eines Dorfbewohners defekt ist, müsse der Besitzer das Gerät zur Reparatur zur internationalen Grenze transportieren, wo es von einem israelischen Facharbeiter instandgestellt werden kann. Eine Übergabe des nördlichen Teils an die Unifil käme, so behauptet er, einer Teilung der Ortschaft gleich. Schule, Moscheen, Friedhof und die Klinik lägen im Südteil.
Was die Dorfbewohner besonders stört, ist, dass sie in völliger Unsicherheit leben. Israel und die Uno beschlössen über ihr Los, ohne sie auch nur zu konsultieren. Eines hält der Sprecher mit Nachdruck fest: Niemals dürfe das Dorf Libanon überantwortet werden. Idealerweise würde bei einem israelisch-syrischen Frieden das Dorf samt elf Quadratkilometern landwirtschaftlichen Bodens, der den Dorfbewohnern gehöre, zusammen mit den Golanhöhen unter syrische Herrschaft zurückkehren.
Erstaunlicher Wohlstand
Wirtschaftlich scheint es den Dorfbewohnern sehr gut zu gehen. Man sieht durchwegs schöne Villen mit Gärten, saubere Strassen, gute Mittelklassewagen. Wohlgekleidete Kinder sind auf dem Heimweg von der Schule. Mit Recht mag man sich etwas über den Wohlstand des von aller Welt abgeschnittenenen Dorfes wundern. Hinter vorgehaltener Hand wird denn auch allseits gemunkelt, dass die Dorfbewohner ihr Auskommen mit Drogenschmuggel über die libanesisch-israelische Grenze aufbessern.
Abdu Shmeila ist ein jovialer Mann, der in Israel als Taxifahrer arbeitet. Er lädt die Besucher in seine gutgebaute Villa. Der ältere Sohn beendete vor Kurzem das Studium der Zahnmedizin in Damaskus. Jetzt bereitet er sich auf die Prüfungen vor, die ihm das Recht geben werden, in Israel zu praktizieren. Ein jüngerer Sohn studiert zurzeit ebenfalls in Syrien Rechtswissenschaften. Viele junge Leute des Dorfes zögen es vor, in Syrien zu studieren, seit Israel vor acht Jahren die Aus- und Rückreise für Studenten zuliess, da das Studium dort gratis sei.
Fragen, welche politische Situation für ihn ideal wäre, weicht er mit den Worten «Man fragt uns ja sowieso nicht» aus. Der anwesende Sohn Adnan, Vorarbeiter in einer israelischen Plastikfabrik, ist da klarer. Seine Heimat sei Syrien, versichert er mit Nachdruck. Ein gerahmtes Foto von Hafez Assad, dem Vater des heutigen syrischen Präsidenten, hängt neben Familienfotos an der Wand und bestätigt die Gefühle der nationalen Zugehörigkeit.


