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19. Februar 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 07 Ausgabe: Nr. 7 » February 18, 2010

Ventil und Zeitspiegel

von Daniel Zuber, February 18, 2010
Die Narrenfreiheit an der Fasnacht in Basel hatte lange Zeit für Minderheiten eine Ventilfunktion. Heute stellt sie eher einen kritischen Zeitspiegel dar, welcher nicht immer Rücksicht auf Minderheiten nimmt.
«UNTER DENE GLATZE HETTS HIRN VON SPATZE» Eine Laterne aus dem Jahr 2006 zum Thema Rechtsradikale bei der Bundesfeier auf dem Rütli

Mit Versen wie «Dr Ahmed sait zem Soon: Nid zwänge, morn dörfsch au du go Jude spränge. Dr Aaron maint mit lychtem Gnuss: Worum lauft au das Kind in Schuss?» stiess die Clique Alti Stainlemer 2003 auf Unverständnis und Kritik von verschiedenen Seiten. Die Clique thematisierte damals den Nahostkonflikt. Noch zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts wurden an der Fasnacht vornehmlich lokale Angelegenheiten verarbeitet. Dienstboten, Arbeiter, Angestellte und Zugezogene – meist Katholiken – waren die Träger der Fasnacht, und sie nutzten diese dazu, politische, wirtschaftliche und konfessionelle Gegensätze öffentlich auszutragen. Mittlerweile rekrutieren sich die Fasnächtler aus den verschiedensten Bevölkerungsschichten und die Ventilfunktion ist sekundär geworden.

Brisante Themen

An der Basler Fasnacht wurden bereits in der Vergangenenheit brisante Themen des vergangenen Jahres künstlerisch verarbeitet. So spiegelte sich im Jahr 1933 der aufkommende Nationalsozialismus in Sujets wie «Der helvetische Hakenkreuzzug» oder «Heil Adolf» wieder. Kritisch wurde das bedrohliche Nazitum auf die Schippe genommen. Die Plakette aus dem Jahr 1936 zeigt beispielsweise eine Laterne, die von einem überdimensionierten Kopf mit Basler Hut und herausgestreckter, baslerstabförmiger Zunge geziert wird. Eine Geste, welche die Haltung gegenüber dem aufkeimenden Nationalsozialismus zum Ausdruck bringen sollte. Die Sorge um die jüngsten politischen Entwicklungen in Deutschland fand auch in Sujets und Schnitzelbänken ihren Niederschlag. Zudem lehnten von 100 Tambouren, welche an die Olympischen Spiele 1936 in Berlin eingeladen wurden, 46 dankend ab. Ein Schnitzelbank der «Perversarelins» aus dem Jahr 1938, der mit einem Bild einer Radachse, auf welcher rittlings hintereinander Hitler und Mussolini sassen, illustriert wurde, lautete wie folgt: «Dr Duce sait zuem Dölfi: Rutsch wiiter fire Schatz, denn hett do hinde no dr Motta Platz.» Die Schweiz hatte damals mit Giuseppe Motta einen Aussenminister mit Sympathien für das faschistische Italien. In den zwei Jahrzehnten vor dem Zweiten Weltkrieg und erst recht danach erlebte die Fasnacht einen enormen Aufschwung. Auch die internationale Presse interessierte sich bald für das Thema.

Politisch korrekt?

Medien machen auch in diesem Jahr von sich reden: Wie einem Regionaljournal von Radio DRS zu entnehmen war, wird dieses Jahr das arabische Medienunternehmen al-Jazirah sehr wahrscheinlich über die Basler Fasnacht berichten. Führt diese Tatsache, die auch als eine Art «Drohung» aufgefasst werden kann, nun zur Selbstzensur? Felix Rudolf von Rohr, Obmann des Fasnachts-Comités, entschärft die Situation: «Die Basler Fasnacht kann gut mit heiklen Themen umgehen. Genau dadurch zeichnet sie sich aus. Sie weiss, wo die Grenzen liegen», zitiert ihn die «Basellandschaftliche Zeitung». Laut dem kürzlich vorgestellten Fasnachtsführer «Rädäbäng» befassen sich dieses Jahr gleich 35 Gruppierungen mit der Gaddhafi-Affäre. Wie der libysche Präsident auf diese Parodierung reagieren wird, wird sich zeigen. Das Thema Islam wird allerdings nur einmal direkt angesprochen. Die Lälli-Clique hat den Sujettitel «Ach-Mann-isch-das-schad» gewählt und will mit diesem vom Namen des iranischen Präsidenten, Mamoud Ahmadinejad, abgeleiteten Wortspiel das Spannungsfeld zwischen Christentum und Islam thematisieren. Dass das Minarett-Verbot nicht angesprochen wird, ist wohl auf Zeitknappheit zurückzuführen. Bleibt abzuwarten, wie die Schnitzelbänke das Thema behandeln.

Narrenfreiheit und Rassismus

Zensur wäre in manchen Fällen allerdings sehr wohl angebracht. Allein in der seit 1992 von der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus geführten Chronologie rassistischer Vorfälle in der Schweiz findet man fünf Vermerke zur Basler Fasnacht, drei betreffen Antisemitismus. Am 3. März 1998 etwa verteilten Unbekannte, versteckt hinter der Bezeichnung «Zyschtigzigler-Basel», an der Fasnacht einen Zettel, auf dem unter anderem stand: «Erbrässe, liege, drohe, beschysse, / iber alli s’Muul verrisse. / Mer wisse scho worum me eich so schmollt, / denn do derbi sin mir ‹das auserwählte Volk›.» Nachdem der Gratisanzeiger «Basler Beppi» Zitate vom anonymen «Zeedel» abdruckte, erhielt die Zeitung zahlreiche Rückmeldungen. Tenor der Lesermeinungen: Der Zeedeldichter habe lediglich eine in der Basler Bevölkerung weit verbreitete Meinung wiedergegeben. Ein Leser aus Basel schrieb beispielsweise: «Machen sie keinen Aufstand, dieses Gesocks ist nun mal unbeliebt.»

Inoffizielle Zensur

Das Fasnachts-Comité übte in den letzten 100 Jahren durch die Vergabe von Subventionen so etwas wie inoffizielle Zensur. Comité-Obmann von Rohr betont jedoch, dass das Comité keine Zensurbehörde sei. Während seiner 23 Jahre im
Comité erinnert er sich an drei Fälle, bei denen Subventionen aufgrund der Sujetwahl gekürzt wurden. Jedes Mal ging es um verletzte religiöse Gefühle. Im Jahr 2003 etwa kürzte das Comité der zu Beginn erwähnten Clique Alti Stainlemer mit der Begründung, einzelne Laternenverse hätten die Grenze des ethisch Vertretbaren deutlich überschritten, die Subventionen. Bleibt abzuwarten, inwiefern die Rolle der Zensurbehörde in den kommenden Jahren der multimedial vernetzten Gesellschaft zufallen wird.



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