Rückkehr nach Helmand
Strategie. Im Pentagon haben sich hochrangige Offizielle aus den USA und Grossbritannien getroffen, um eine Woche lang über die Lage im Nahen und Mittleren Osten sowie die gemeinsamen Interessen dort zu sprechen. Die Militärs, Diplomaten und Wirtschaftsexperten zerbrachen sich ihre Köpfe vor allem über ein Problem: «Wie können wir unsere strategischen Ziele wie die Sicherung der Ölquellen in der Region erreichen, ohne Bevölkerungen und Staatsführer gegen uns aufzubringen?» Daneben diskutierte die Runde zahlreiche Einzelfragen, immer wieder aber über das Helmand-Tal in Südafghanistan: Der Fluss versprach beträchtliches Potenzial für die Entwicklung der armen, abgeschiedenen Region.
Gespräche. Das Geheimtreffen fand im November 1947 auf Einladung von George Kennan statt, dem Vater der «Containment»-Doktrin des Kalten Krieges. Die Veranstaltung ging als «Pentagon-Gespräche von 1947» in die Geschichte ein und wurde schnell von den Ereignissen in Palästina sowie den antibritischen Revolutionen in Ägypten und Irak überholt: Zumindest die Briten konnten die zentrale Frage der Gespräche nicht beantworten und mussten das Feld den Amerikanern und den Sowjets überlassen. So haben die USA das Helmand-Tal einige Jahre später tatsächlich – nach dem Vorbild der Infrastrukturmassnahmen der Roosevelt-Regierung etwa in Tennessee – mit Bewässerungskanälen bestückt. Diese haben stark unter den Kämpfen der Afghanen gegen die Sowjets und untereinander während der letzten drei Jahrzehnte gelitten.
Vertreibung. Seit einigen Tagen unternehmen junge Soldaten aus Tennessee und anderen US-Gliedstaaten im Helmand-Tal den entscheidenden Versuch, die strategischen Ziele Washingtons zu realisieren. Experten zweifeln nicht daran, dass die Marines die Taliban aus ihrer Hochburg Marja vertreiben werden. Sollten die westlichen Truppen und die afghanische Armee jedoch die Rückkehr der Taliban nicht vereiteln, droht das gesamte Afghanistan-Konzept der Obama-Regierung zu scheitern. Dabei liegt bereits heute auf der Hand, dass die Eigeninteressen Amerikas immer weniger mit denen der Bevölkerungen und Staatsführer zwischen dem Mittelmeer und dem Indus übereinstimmen.
Gewaltsame Ordnung. Amerikas Ziele in der Region sind längst nicht mehr konstruktiv, wie einst das Entwicklungsvorhaben in Helmand. Washington setzt zunehmend auf brutale Gewalt, um Entwicklungen aufzuhalten, die durch amerikanische Interventionen überhaupt erst ausgelöst worden sind: Dronen-Attacken und zusätzliche Truppen sollen die aus dem Chaos Afghanistans nach dem sowjetischen Abzug geborenen Taliban nicht besiegen, sondern bestenfalls stoppen. In Irak hinterlässt Washington eine Million Todesopfer und eine fragile Demokratie, die sich eher nach Teheran orientiert als nach Westen. Von US-Truppen eingekreist und von Sanktionen bedroht, spekuliert Iran mit seinen Atomplänen gleichwohl auf das Ende des amerikanischen Imperiums und die Sympathien Chinas und zahlreicher Entwicklungsländer: 62 Jahre nach den Gesprächen im Pentagon haben grosse Teile der Welt den Glauben an die Weisheit der amerikanischen Ordnungspolitik verloren. Dazu hat nicht nur die Enttäuschung über die rückhaltlose Unterstützung Obamas für Israel in Jordanien und Libanon beigetragen. Ob die USA in der Region das Handtuch werfen, wie einst die Briten, ist freilich ungewiss. Doch womöglich finden heute geheime «Pekinger Gespräche» statt, in denen sich chinesische Experten an der von George Kennan aufgeworfenen Frage versuchen.


