Die Stimme der Vernunft
Angesichts des Ausmasses an Gehirnwäsche, Einschüchterungen und Klischees, die uns umgeben, lohnt es sich manchmal, einer Stimme von aussen zuzuhören, einer Stimme, die nicht weniger fachmännisch ist als die israelischer «Experten» zu Sicherheitsfragen und Iran. Einer Stimme der Vernunft. Etwa der eines erfahrenen europäischen Diplomaten, der rund fünf Jahre als Botschafter in Teheran gewirkt hat und der letzte Woche in Israel weilte.
Während eines Nachtessens legte er seine Ansichten über Iran dar, ein Land, mit dem sein Heimatstaat enge Beziehungen unterhält. Der Diplomat, der demnächst Botschafter in Deutschland wird, besucht Iran immer noch regelmässig, obwohl seine Amtszeit dort 2004 zu Ende gegangen ist.
Seine Meinung war klar und deutlich: Israel darf Iran nicht angreifen. Das würde nur schaden. Wenn irgendetwas Iran noch mehr provozieren könnte, an der Bombe zu bauen, dann wäre das eine israelische Offensive, die unmittelbar bevorzustehen scheint. Der europäische Diplomat ist überzeugt, dass Teheran gar nicht beabsichtigt, die Bombe zu bauen, sondern nur die Situation ausreizen und sich auf die Option vorbereiten will, die Bombe zu entwickeln. Das ist für die Iraner inzwischen zu einer Angelegenheit der nationalen Ehre geworden.
Allerdings bestehe, so der Diplomat, auch die Möglichkeit, dass Iran tatsächlich eine Bombe baue, und er betonte auch, dass niemand garantieren könne, dass dies nicht wirklich geschehe. Und doch sei er zutiefst überzeugt, dass Teheran dies nicht tun würde.
Ein israelischer Angriff dagegen, der seiner Meinung nach die Bombe um höchstens zwei Jahre hinauszögern könnte, würde die Iraner nur anspornen, sie auch wirklich zu entwickeln. Teheran weiss, dass die USA es nie gewagt hätten, in Irak und Afghanistan einzumarschieren, wenn diese Staaten Nuklearwaffen besessen hätten, und die Iraner sind sich sicher, dass das auch für sie gilt. Ihre Methode zur Aufrechterhaltung ihres Regimes ist demzufolge die Entwicklung der Bombe.
Nach Ansicht des Diplomaten wird ein israelischer Angriff auf Iran das iranische Volk hinter seinem Regime vereinen. Heute ist Israels Feind nur das Regime, nicht aber das Volk. Dieses ist mit ganz anderen Problemen als mit den Palästinensern oder mit der Frage nach dem Existenzrecht Israels beschäftigt.
Die jüngsten Wahlen in Iran, deren Ergebnisse nach Ansicht des Diplomaten mit Sicherheit gefälscht waren, brachten tiefe Gräben in der öffentlichen Unterstützung für Ahmadinejads Regime zutage. Der Westen dürfe jetzt, so warnt der Diplomat, die Dinge in Iran nicht aufwiegeln, denn dies würde nur die Reihen schliessen und die Opposition von der Landkarte fegen, obwohl diese Opposition ihr letztes Wort noch nicht gesprochen habe. Man müsse den subversiven Prozessen erlauben, sich zu entwickeln, und dürfe sich unter keinen Umständen einmischen.
Ein israelischer Angriff wäre schlimm, würde er doch die iranische Opposition abrupt zerstören und das Volk dazu bringen, sich um seinen Anführer zu scharen. Wie in jedem anderen Staat würde eine militärische Demütigung die Unterstützung für den Herrscher erhöhen, wie wir es in Israel anhand unseres eigenen Verhaltens schon gelernt haben.
Seit Ahmadinejads Machtantritt hat die iranische Führung ihre Interventionen im Alltag ihrer Bürger beträchtlich verstärkt. Ahmadinejad hat die staatlichen Stellen mit eigenen Leuten aus den Provinzen ersetzt. Seine Kontrolle über die Verwaltungen ist grösser denn je, was den Widerstand wahrscheinlich noch weiter anheizt. Die Iraner haben ihre Fähigkeit, Tyrannen zu stürzen, in der Vergangenheit bereits bewiesen. Frauen sind eine wachsende Kraft in der Gesellschaft, und vielleicht wird das entscheidende Signal von ihnen kommen.
Was sollten wir Israeli also tun? In gewissen Situationen sollte man nach Meinung des Diplomaten nichts tun. Alles andere wäre viel zu gefährlich. Die Frage nach dem vernünftigen Weg könnte man folgendermassen beantworten: Mit Syrern und Palästinensern Frieden schliessen, um die iranische Gefahr zu untergraben. Hochrangige iranische Offizielle haben gesagt, jeder Friede zwischen Israel und den Palästinensern sei akzeptabel für sie. Das würde die Grundlage für die iranischen Drohungen, Israel von der Landkarte zu streichen, zerstören.
Kann das schimpfende und rasende Israel, das manchmal überhastet angreift und eine gewalttätige Sprache benutzt, das Israel, das mehr als an irgendetwas anderes an militärische Lösungen glaubt, kann dieses Israel diesen weisen Rat beherzigen? Daran darf gezweifelt werden.
Wir werden keinen Frieden schliessen, denn warum sollten wir und warum eilt es so? Vergessen wir nicht, dass die Kampagne zur Verängstigung des israelischen Volkes und zur Einschüchterung der Welt dem Regime in Israel einen guten Dienst erweist. Sie lenkt die Öffentlichkeit von anderen Problemen ab und befreit Israel von der Notwendigkeit, sich mit Goldstone, der Besatzung und dem ganzen Rest zu befassen.
Also, Bibi, greif an. Und Gott möge Erbarmen haben mit uns.
Gideon Levy ist Redaktor bei «Haaretz».
Bei dem in diesem Kommentar zitierten Diplomaten handelt es sich um Tim Guldimann, der von 1999 bis 2004 die Schweiz als Botschafter in Teheran repräsentierte.


