Pionier jüdischer Pressegeschichte
Heinrich Ungar war kein Mann der grossen Worte, sondern der klaren Taten. So führte er Verlag und Zeitung und vermittelte im Unternehmen gelebte Werte. Im Jahre 1920 in Wien geboren und aufgewachsen, musste der 18-jährige Heinrich Ungar im Jahre 1938 unvermittelt Abschied von seinem Elternhaus und seiner Heimat nehmen, er flüchtete vor dem drohenden Inferno in die Schweiz. Obwohl Heinrich Ungar stets dankbar über seine Rettung in der Schweiz war, vergass er niemals auch die bitteren Stunden in den Kriegsjahren. So kam er kurz nach seiner Ankunft in Basel ins Arbeitslager Bad Schauenburg, wo er in die Sektion Strassenbau eingeteilt wurde. Später begann er in seinem angestammten Beruf als Schneider zu arbeiten. Doch bei dem vermeintlichen Neuanfang zeigte sich bald eine bittere Realität: Sein Chef war ein besessener Nazisympathisant. Der junge Heinrich Ungar lernte zu ertragen, auszuhalten. Doch sein Gerechtigkeitssinn liess ihn sich immer wieder für die Mitarbeiter einsetzen. Schliesslich ertrug er die Atmosphäre nicht mehr und ging. Im Jahre 1944 lernte er seine spätere Gattin Claire Abisch kennen. Sie war mit ihrer Familie aus Berlin geflüchtet. Ihr Vater gründete in Basel mit Hilfe der Familie Jakubowitsch einen Bücherverlag. Einige Zeit später kaufte Vater Abisch die Sportpublikation «Maccabi» auf. Um seine Familie ernähren zu können, verkaufte er Inserate. Nach der Heirat seiner Tochter Claire mit Heinrich Ungar bot er diesem eine Stelle als Inserateverkäufer an. Von da begann der Aufstieg der Wochenzeitung «Jüdische Rundschau Maccabi». In einem kleinen Zimmer in der Largitzestrasse begann die Entwicklung vom kleinen Sportblättchen zur professionellen Wochenzeitung.
Der Herausgeber im Hintergrund
Im Februar 1957 – die drei Kinder waren inzwischen geboren – erhielt die Familie das Bürgerrecht der Stadt Basel. Ein Angebot des österreichischen Staates auf Wiedereinbürgerung in den achtziger Jahren wies Heinrich Ungar von sich. Die «Jüdische Rundschau» (JR) entwickelte sich unter Heinrich Ungar zur angesehenen Zeitung. Ganz Kaufmann und besorgt um die kommerzielle Sicherung der Firma noch bis wenige Tage vor seinem Ableben, machte er sich nie viel daraus, den Titel des Herausgebers zu tragen, er war nicht der Mann grosser Worte. Er gab nicht viel aufs Repräsentieren, an Einladungen und Partys sah man ihn ganz selten, viel mehr lag ihm daran, die jüdische Linie der Zeitung zu verfolgen, Inhalt zu liefern. Frühzeitig gab er jungen jüdischen Journalisten die Chance, bei der Zeitung als Mitarbeiter und Redaktor einzusteigen. Viele begannen bei der JR ihre journalistische Laufbahn, nicht wenige machten später Karriere. Den Anfang einer ganzen Reihe von jungen und dynamischen Redaktorinnen und Redaktoren machte Anfang der siebziger Jahre sein Sohn Jacques, der heute das Nahostbüro von tachles leitet. Seine bescheidene, zurückhaltende Art, abseits der Öffentlichkeit zu helfen, zu fördern, zu unterstützen – vieles gäbe es im Wesen Heinrich Ungars hervorzuheben. Doch eines stach heraus: jungen Menschen, Angestellten, Zuwanderern eine Chance zu geben. Er, der sich seine Chance erkämpfen musste, wusste nur allzu gut, was es heisst, vor dem Nichts zu stehen. Die Jugend, die Förderung junger jüdischer Menschen im Berufsleben, das war, was die JR über 40 Jahre prägte. Und es sprach für ihn, so sehr im hektischen Zeitungsbetrieb auch die Fetzen fliegen mochten, dass er die junge Generation gewähren liess, die kreative Freiheit und die Möglichkeit zur Entwicklung nicht einschränkte, wenngleich ihm, dem Herausgeber, nicht immer alle Veränderungen, die rasanten technischen und verlegerischen, gefielen.
Humor bis zum Tod
Die Familie und die jüdische Gemeinde waren für Heinrich Ungar Lebensmittelpunkt. Er war einer der grossen Förderer der Israelitischen Religionsgesellschaft (IRG), täglich beim Gebet in der Synagoge und einer, der vielen Menschen über die Jahrzehnte im Hintergrund geholfen hat. Sets gut gekleidet, war es sein entwaffnendes Lächeln, das so manche Diskussion besänftigte. Sein ausgeprägter Humor gab ihm oft die Überlegenheit, die Dinge
mit Distanz zu betrachten. Mit dem stetsliebenswürdigen Lächeln begegnete er Vielem mit einer spitzbübischen Ironie. Heinrich Ungars Zurückhaltung und Bescheidenheit waren seine Grösse. Er schmückte sich nicht mit Namen und Geschichten in der Zeitung, das Jüdische war ihm wichtiger als die JR, das war sein tägliches Anliegen, in und ausserhalb der Redaktions- und Verlagsbüros, die er alleine schon durch seine Präsenz prägte. Nach kurzer Krankheit verstarb Heinrich Ungar im Februar 2000.
Am Mittwoch, 17. Februar, findet in der IRG
Basel zwischen Mincha (17.40 Uhr) und Maariw ein Gedenkschiur statt.


