Ungleich unter Gleichen
Von Yves Kugelmann
Juden in der Literatur. Als Aussenseiter stehen sie nicht selten im Zentrum von Dramen und Romanen nicht jüdischer Autoren. Sie werden zum Instrument, ihre Betrachtung soll ganze Gesellschaften verständlich machen. Aussenseiter scheinen zur Erklärung notwendig, damit die Mehrheit funktionieren kann. Aussenseiter, die aber zugleich mit Stereotypen aufgeladen werden, als Projektionsfläche von Autorinnen und Autoren herhalten müssen und so zu Symbolfiguren einer gescheiterten Aufklärung werden.
Shylock (Kaufmann von Venedig), Nathan (Nathan der Weise), die Bech-Geschichten von Updike, Aron (Judenbuche), Leopold Bloom (Ulysses), Hanna Elias (Die Jüdin von Toledo), Andri (Andorra), Moritz Spiegelberg (Die Räuber) – all diese Figuren erfüllen in den jeweiligen Werken vor allem bestimmte Funktionen, werden aber kaum als Personen greifbar.
Die Figuren erfüllen einen dramaturgischen Zweck. Sie sollen die Gesellschaft erklären, aufgerollt am Fremden, am Aussenseitertum, an der Chiffre des Anderen. Der Andere, der trotz Aufklärung fremd bleibt (sein Anderssein ist durch die Verfassung geschützt) und anders gesehen wird (sein Anderssein wird ihm von der Gesellschaft oft zum Vorwurf gemacht), der als Anderer eine feste Rolle in der Gesellschaft einnimmt, die weniger durch sein eigenes Selbstverständnis, sondern durch den gesellschaftlichen Blick auf ihn definiert ist. Jüdische Figuren reflektieren Asymmetrien innerhalb westlicher Gesellschaften und etablieren den Juden als Symbol für das Fremde.
Die gesetzliche und die Gleichheit anstrebende Aufklärung regelt das gesellschaftliche Zusammenleben mit Blick auf das Normale und verkennt die «existenzielle Besonderheit des Aussenseiters», wie der Literaturwissenschaftler und Philosoph Hans Mayer in seinem exzellenten Essayband «Aussenseiter» feststellt. Und genau diese Besonderheit wird zur nicht bewältigbaren Herausforderung, wenn die Ungleichheit unter Gleichen nicht zur Normalität werden kann. Figuren wie Nathan der Weise oder Andri zeigen rasch auf, dass der Autor scheitert, wenn er allgemeine Maximen anwendet, die im Einzelfall nicht greifen.
Die Aufklärung negiert im Gleichheitspostulat den Schutz des Ungleichen. Der bürgerlichen Aufklärung ist es nicht gelungen, die gleichen Rechte und Pflichten der Individuen auf eine Weise zu etablieren, in der Herkunft, Kultur, Ethnie oder Religion zu Farbtupfern unter paritätisch Ungleichen werden. Die Literatur hat dieses Scheitern in vielen Figuren bis ins 20. Jahrhundert vorweggenommen.
Juden manifestieren das Andere. Nicht unbedingt, weil sie anders sind, sondern weil literarische Verdichtungen sie in den Augen der Mehrheitsgesellschaften zu anderen machen. Die Literatur nicht jüdischer Autoren zelebriert in jüdischen Figuren anderes Denken und Handeln in didaktischer Manier und rührt damit an die in einer Gesellschaft virulente Abneigung gegen Fremdes und Fremde.
Jüdische Protagonisten werden zur Funktion, zum Scharnier einer Gesellschaft, die sich nach dem Anderen sehnt, damit jedoch nicht umgehen kann und die Ratio zum Parameter allen Denkens macht. Hans Mayer arbeitete diese Aspekte anhand literarischer Klassiker im Spiegel der Gesellschaftssysteme heraus. Er schliesst, die bürgerliche Aufklärung habe kläglich versagt. Juden werden zum Fetisch für das Fremde schlechthin, zur personifizierten Imagination eines Anderen, den es so gar nicht gibt. Sie werden gleichsam zum Stellvertreter und Symptom des Anderen und als Juden nochmals ausgegrenzt, wenn das imaginierte, literarische Judentum das reale, eigentliche Jüdische überlagert und verdrängt.
Mayer spricht von der Ungleichheit im Gegensatz zum Gleichheitspostulat der Aufklärung. Anstatt dass die Aufklärung das Anderssein der Juden schützt, will sie es negieren. Dies führt zu einer falsch verstandenen Emanzipation, die letztlich nur die Assimilation zur gesellschaftlichen Bedingung der Gleichberechtigung erklärt und eine Emanzipation der Juden als Juden blockiert. Jean-Paul Sartre macht dies in seinen «Überlegungen zur Judenfrage» anschaulich. Er zeigt beispielsweise, dass in der Literatur – wie in der Oper «La Juive» – jüdischen Frauenfiguren allzu oft eine Sinnlichkeit zugeschrieben wird, der selbst Kaiser und Könige in fataler Weise erliegen. Jüdische Protagonisten der Weltklassiker werden als chiffrierte Kunstfiguren zum Symbol der gescheiterten bürgerlichen Aufklärung oft auch in der falschen Deutung.
Denn obendrein können die Deutungsmuster der bürgerlichen Aufklärung an klassischen, jüdischen Protagonisten scheitern: Denn Shylocks Monolog vor Gericht könnte durchaus als Feuerwerk eines emanzipierten Selbstverständnisses gesehen werden.
Jüdischen Figuren werden stigmatisiert: Ent- oder überpersonalisiert, wird ihnen eine kollektive Identität übergestülpt und somit die positiven oder negativen Projektionen der Betrachter, die letztlich immer anti- oder philojüdisch sind und jede Normalität ausschliessen. Wenn Normalität sich nicht durch Gleichberechtigung, sondern nur durch Gleichheit ausdrückt, bleibt die Aufklärung unvollendet. ●
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG und lebt in Basel und Zürich.


