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Dezember 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 12 Ausgabe: Nr. 12 » February 8, 2010

«Schönberg wird mir die Freundschaft kündigen»

December 7, 2009
Jüngst hat der in Los Angeles praktizierende Anwalt E. Randol Schoenberg mit «Apropos Doktor Faustus» ein Buch vorgelegt, das den Streit zwischen seinem Grossvater, dem Komponisten Arnold Schönberg, und Thomas Mann über die Figur des Adrian Leverkühn dokumentiert und analysiert. Darin ist ein Essay des namhaften Musikhistorikers Bernhold Schmid enthalten, der den Streit im Folgenden untersucht.
KOMPONIST ARNOLD SCHÖNBERG Thomas Mann hat ihm gegenüber das Vorkommen der Zwölftonmethode im Roman nicht erwähnt

Von Bernhold Schmid

«Es scheint nicht überflüssig, den Leser zu verständigen, daß die im 22. Kapitel dargestellte Kompositionsart, Zwölfton- oder Reihentechnik genannt, in Wahrheit das geistige Eigentum eines zeitgenössischen Komponisten und Theoretikers, Arnold Schoenbergs, ist und von mir in bestimmtem ideellem Zusammenhang auf eine frei erfundene Musikerpersönlichkeit, den tragischen Helden meines Romans, übertragen wurde. Überhaupt sind die musiktheoretischen Teile des Buches in manchen Einzelheiten der Schoenberg'schen Harmonielehre verpflichtet.» Thomas Mann

Diese Nachbemerkung ging als Zeugnis eines langen und heftigen Streits zwischen Arnold Schönberg und Thomas Mann in dessen Roman «Doktor Faustus» ein. Der Streit zog weite Kreise: Freunde und Bekannte beider Kontrahenten ergriffen Partei, zeitgenössische Presseveröffentlichungen schildern teils informierend den Hergang der Sache, teils greifen sie kommentierend in den Streit ein. Schönberg und Mann selbst traten durch offene Briefe und Artikel in der Presse hervor. Übrigens hatte Mann den Streit offensichtlich schon vorausgesehen, als er am «Doktor Faustus» arbeitete: «Schoenberg wird mir die Freundschaft kündigen», schrieb er schon am 28. November 1944 an Agnes E. Meyer. Der Streit zeigt durch seine Heftigkeit und die breite Reaktion der Presse die Brisanz von Manns Roman, der die Situation der Musik dieser Zeit offenbar präzise getroffen hatte. Zugleich wird das gereizte geistige Klima der Emigration, die aus Menschen der verschiedensten geistigen Richtungen zusammengewürfelt war, sichtbar.

Im Wesentlichen gliedert sich der Streit in zwei Phasen: in eine private, die mit der oben zitierten Nachbemerkung Thomas Manns und einem Dankbrief Schönbergs beendet war, und in eine öffentliche Phase, die Schönberg mit einem Brief an die Saturday Review of Literature (SRL) einleitete, in dessen Folge sich die Presse einschaltete. Bevor nun der Hergang des Streits näher dargestellt werden soll, sei kurz auf die Rolle Schönbergs als Erfinder und Theodor W. Adornos als Übermittler der Zwölftonmethode an Thomas Mann eingegangen, da Adornos Beratertätigkeit während Manns Arbeit an «Doktor Faustus» auf das Ende des Streits Einfluss genommen haben dürfte.

«Wenn er ein Buch schrieb, so vertiefte er sich ungeheuerlich in seinen jeweiligen Gegenstand und studierte viel und stets noch, während er daran saß. Er verschaffte sich alles Wissenswerte, beschaffte sich eine Menge Material […].» So umschreibt Katia Mann die Arbeitsweise Thomas Manns auch für den «Doktor Faustus». Bei diesem Roman scheint ihm insbesondere an der wirklichkeitsnahen Beschreibung der fingierten Musik Leverkühns sehr gelegen gewesen zu sein, wie ein Brief an Adorno beweist: «[…] der Eindruck, daß die Musik doch da sein muss, ist mir, wie das Überzeugende der biografischen Fiktion überhaupt, besonders wichtig.» Die Notwendigkeit eines Beraters – den er schliesslich in Adorno fand – beschreibt er 1949 in der «Entstehung des Doktor Faustus», seinem «Roman eines Romans». Dem Anspruch authentischer Wirkung, den Mann an sich selbst stellte, kam das Aufgreifen einer existenten Kompositionsmethode, eben Schönbergs Zwölftontechnik, entgegen. Mann billigte Adorno ungeheures Fachwissen zu und berichtet von gemeinsamer Arbeit: «Wiederholt war ich mit Notizbuch und Stift bei ihm und nahm, bei einem guten, häuslich angesetzten Fruchtlikör, […] Verbesserungen und Präzisierungen für frühere musikalische Darstellungen und charakterisierende Einzelheiten auf.»

Die Zwölftonmethode in Manns Roman

Manns Tagebucheinträge aus den Jahren, in denen er am «Doktor Faustus» schrieb, zeigen jedoch, dass Adornos Einflussnahme noch deutlich weiter ging, dass Adorno gar «Ausstellungen nicht musikalischer Art» machte. Wenn Mann seines Beraters Tätigkeit in der Entstehung nicht im vollen Umfang gewürdigt hat, so deshalb, weil Adorno sich schon bald in unziemlicher Manier seiner Mitarbeit rühmte. Wie Schönberg selbst später schrieb, hat Mann ihm gegenüber das Vorkommen der Zwölftonmethode im Roman jedoch nicht erwähnt.

Kurz nach dem Erscheinen der deutschen Ausgabe des Romans (Stockholm, Spätherbst 1947) sandte Mann am 15. Januar 1948 Schönberg ein Exemplar mit Widmung: «Arnold Schönberg, dem Eigentlichen, mit ergebenem Gruß […].» Schönberg war erfreut darüber. Als er das Buch erhielt, dürfte ihm indes nicht bewusst gewesen sein, dass seine Zwölftonmethode im Roman eine wesentliche Rolle spielt. Informantin Schönbergs war Alma Mahler-Werfel, wie aus mehreren Quellen eindeutig hervorgeht. Ein Brief Adornos vom 22. Dezember 1948 zeigt, dass Alma nicht nur Schönberg informierte, sondern Thomas Mann auch Schönbergs Wunsch nach einem Hinweis auf ihn als Urheber der Zwölftontechnik überbrachte, woraufhin der Dichter die (eingangs zitierte) Nachbemerkung einfügte. Schönberg selbst war, wie er mehrfach mitteilt, aufgrund eines Augenleidens nicht in der Lage, den Roman zu lesen, und bat seine Frau, ihm aus dem Roman vorzulesen. Über Manns Musikbeschreibungen, soweit sie nicht Leverkühns an der Zwölftönigkeit orientiertes Werk betrafen, hat sich Schönberg Zeitzeugen zufolge erfreut gezeigt. Dem überraschten Komponisten sei jedoch sofort klar gewesen, dass die Beschreibung der Zwölftontechnik nicht unmittelbar von Mann stammen könne. Aufgrund der Widmung «dem Eigentlichen» habe er sich schliesslich durch Mann mit Leverkühn identifiziert gefühlt und sei darüber erbost gewesen, weil der fiktive Komponist im Roman an Syphilis erkrankt.

Vier Wochen nachdem Schönberg das Widmungsexemplar erhalten hatte, ergriff er Gegenmassnahmen. Am 16. Februar 1948 erhielt Mann einen fingierten Brief, unterschrieben mit Hugo Triebsamen. Schönberg gab in einem Nachsatz vor, diesen (in Wirklichkeit von ihm selbst verfassten) Brief von Triebsamen erhalten zu haben. Der fingierte Triebsamen versetzt sich selbst in die Mitte des 21. Jahrhunderts und schreibt, er sei in einem der Briefe Anton v. Weberns auf Schönbergs Namen und enthusiastische Äusserungen über Schönberg gestossen: Dieser sei der grösste lebende Komponist und würde nie in Vergessenheit geraten. Über den inzwischen doch vergessenen Schönberg hätte Triebsamen nach langem Suchen in der (erfundenen) Encylopaedia Americana von 1988 Informationen gefunden. In einem Artikel dieses nicht existenten Lexikons sei zu lesen, dass Thomas Mann ursprünglich Musiker und eigentlicher Erfinder der Zwölftonmethode gewesen sei, Schönberg dagegen hauptsächlich Theoretiker und Lehrer mit zu seiner Zeit bereits vollkommen veraltetem Lehrstoff. In ihren letzten Lebensjahren hätten beide sich nicht mehr freundschaftlich vertragen, und Mann habe daraufhin von seinem ursprünglichen Eigentumsrecht Gebrauch gemacht, indem er seine Kompositionstechnik einer seiner Romanfiguren zuschrieb.

Den Triebsamen-Brief hatte Schönberg fingiert, um Thomas Mann auf die Gefahr hinzuweisen, dass man später ihn (Schönberg) als eigentlichen Urheber der Zwölftontechnik vergessen würde. Grosse Vorstellungskraft und Phantasie gehören dazu, derart kompliziert verschachtelte Gedankengänge in utopischer Weise zu konstruieren. Mann dürfte Schönbergs Fiktion nicht sogleich durchschaut haben. Sein Brief an Schönberg vom 17. Februar 1948 ist so formuliert, als hätte er diesem geglaubt, wobei nicht immer klar ist, ob Ironie im Spiel ist: «Lieber Herr Schoenberg, das ist freilich ein kurioses Dokument. Es hat mich ergriffen als Zeichen dafür, mit welchem heiligen Eifer Ihre Jünger Ruhm und Ehre des Meisters bewachen. […] Aber so viel angestrengte und dabei völlig ins Leere stoßende Bosheit hat doch auch wieder ihr Komisches.» Weiter schreibt Mann von Schönbergs Urheberschaft des Zwölftonsystems: «Wer der Schöpfer der sogenannten Zwölf-Ton-Technik ist, weiß heute wohl jedes Mohrenkind. Ganz bestimmt aber weiß es jeder, der ein Buch wie den Doktor Faustus überhaupt in die Hand nimmt.»

Mit einem Brief vom 24. Februar 1948 sagt Mann die Nachnotiz zu, wofür Schönberg sich am 25. Februar 1948 bedankt. In diesem Brief wird auch Schönbergs Angst deutlich, von den Zeitgenossen missverstanden und zurückgesetzt zu werden: «Den Deutschen bin ich Jude, den Romanen Deutscher, den Kommunisten bin ich Bourgeois und die Juden sind für Hindemith und Strawinski.» Schönberg schreibt jedoch am 25. Mai 1948, Mann habe sich erst nach langem Widerstreben zur Nachbemerkung bereit erklärt. Dasselbe wirft er ihm im Brief an die SRL (13. November 1948) vor: «Viel Nachdruck mußte noch angewendet werden, um Mann dazu zu bringen, daß er versprach, daß in jedem nun herauskommenden Exemplar des Doktor Faustus eine Notiz vorhanden sein werde, in welcher mein Autorrecht an der Zwölf-Ton-Komposition festgestellt wird.» Dieses Widerstreben leugnet Thomas Mann in seiner Erwiderung an die SRL. «Es ist völlig unrichtig, dass ‹much pressure› nötig gewesen sei, um mich zu bewegen, ihm den schuldigen Kredit zu gewähren. Sobald ich verstanden hatte, wonach es ihn verlangte, gab ich Weisung, daß allen Übersetzungen, und sobald wie möglich auch der deutschen Originalausgabe, die Nachbemerkung hinzugefügt werde, die man jetzt in dem englischen Doktor Faustus liest.»

Indessen ist Schönbergs Darstellung richtig, dass Mann sich gegen eine Nachbemerkung gesträubt habe. So schreibt er zur Nachbemerkung in «Die Entstehung des Doktor Faustus»: «Es geschieht ein wenig gegen meine Überzeugung. Nicht so sehr, weil solche Aufklärung eine kleine Bresche in die sphärische Geschlossenheit meiner Romanwelt schlägt, als weil die Idee der Zwölf-Ton-Technik in der Sphäre des Buches, dieser Welt des Teufelspaktes und der schwarzen Magie, eine Färbung, einen Charakter annimmt, die sie – nicht wahr? – in ihrer Eigentlichkeit nicht besitzt, und die sie wirklich gewissermaßen zu meinem Eigentum, das heißt: zu dem des Buches machen. Schönbergs Gedanke und meine Ad-hoc-Version davon treten so weit auseinander, daß es, von der Stillosigkeit abgesehen, in meinen Augen fast etwas von Kränkung gehabt hätte, im Text seinen Namen zu nennen.»

Die zitierte Passage aus der Entstehung deckt sich inhaltlich mit einem Abschnitt aus dem Brief Manns an Schönberg vom 13. Oktober 1948. Mit diesem Brief sandte Thomas Mann an Schönberg ein Exemplar der eben erschienenen englischen Übersetzung des «Doktor Faustus», in der die Nachbemerkung erstmals enthalten war. Postwendend, nämlich am 15. Oktober 1948, sandte Schönberg an Mann einen Dankbrief. Dennoch trat der Streit am 13. November 1948 mit Schönbergs Brief an die SRL in eine zweite, öffentliche Phase ein. Darin schildert er in groben Zügen und persönlich gefärbt den bisherigen Verlauf des Streits und rückt Adorno als Berater Manns ins Blickfeld. Zentral ist jedoch folgender Aspekt: Schönbergs Brief erschien in der SRL unter dem Titel «Doktor Faustus Schoenberg?». Er warf Mann aufgrund von dessen Widmung «dem Eigentlichen» vor, dass dieser ihn mit Leverkühn identifiziere. Dies betrachtete er als eine Beleidigung: «Leverkühn ist von Anfang bis zu Ende als geistig unbalanziert dargestellt. Ich bin jetzt 74 und bin nicht geistesgestört, und ich habe niemals die Krankheit erworben, von der jene Art Irrsinn hervorgerufen wird. Ich betrachte das als eine Beleidigung, für die ich vielleicht werde Rechenschaft verlangen müssen.»

Mann sah sich schon ruiniert

Ausserdem griff er Manns Nachbemerkung an: «Er gab eine Erklärung ab: ein paar Zeilen nach dem Ende des Buches, auf einer Seite und an einem Platz, wo niemand es je finden würde.» Schönbergs Drohung, dass er «vielleicht werde Rechenschaft verlangen müssen», war ernst gemeint und beunruhigte Thomas Mann. Im Tagebuch notiert er am 30. Dezember 1948: «Golo gestern bei Alma Mahler. Schönberg hat wirklich die Absicht zu klagen. Nicht ausgeschlossen, daß er einen unternehmenden Anwalt findet. Überhaupt nichts ausgeschlossen. Warum sollte man nicht finden, daß dem Erfinder der 12-Ton-Musik alle Einkünfte aus meinem Buch zukommen? Ich schließe das weniger entschieden aus als K.[atia] […]. Widrig verstört durch die Verrücktheit Schönbergs. Sah mich schon ruiniert, aber jeder lacht über die Idee.»

Schönbergs Brief (13. November 1948) und Manns Erwiderung (10. Dezember 1948) erschienen zusammen am 1. Januar 1949 in der SRL. In seiner Entgegnung stellt Mann seine Verwunderung über Schönbergs Schärfe heraus und prangert das «Geschwätz von Zwischenträgern» an, auf das sich Schönbergs Angriffe stütze. Schönbergs Angst, als Erfinder der Zwölftontechnik vergessen zu werden, sei ihm nicht bewusst gewesen. Schliesslich wehrt sich Mann entschieden gegen den Vorwurf der Identifikation Schönbergs mit Leverkühn: «Der Gedanke, Adrian Leverkühn sei Schoenberg, die Figur solle von ihm ein Porträt sein, ist so unsinnig, daß ich kaum weiss, wie ich darauf eingehen soll. Keinen Berührungspunkt, nicht den Schatten einer Ähnlichkeit gibt es zwischen der Herkunft, den Überlieferungen, dem Lebensgang, dem Charakter und Schicksal meines Musikers und der Existenz Arnold Schoenbergs.»

Der Briefwechsel löste in Amerika und Europa mit frappierender Schnelligkeit eine Flut von Presseartikeln aus. Einen letzten Höhepunkt erreichte der Streit fast ein Jahr später mit einem Artikel Schönbergs vom Herbst 1949 in der Londoner Zeitschrift Music Survey, der seinen Brief an die SRL an Schärfe um einiges übertrifft. Darin beklagt Schönberg die Formulierung der Nachbemerkung. Es folgt ein Angriff auf Adorno, da er verärgert war, dass Mann ihm zu Gefallen die Entstehung des «Doktor Faustus» geschrieben hatte sowie ein Versuch, Leverkühn als Komponisten einzuordnen. Dieser gipfelt darin, dass er dessen fiktive Komposition «Doktor Fausti Weheklag» als «Leverkühn´s Twelve-Note Goulash» bezeichnet. Schönberg stellt zudem Altersberechnungen für Leverkühn an, die zeigen, dass er vom Doktor Faustus nach wie vor nur die Musik betreffenden Passagen kannte. Wiederum reagierte Mann eher zurückhaltend. In seinem Brief an Schönberg vom 19. Dezember 1949 weist er lediglich Schönbergs Vorwürfe, der die Nachbemerkung als Racheakt («revenge») bezeichnet hatte, zurück. Im selben Brief schreibt er: «Sie schlagen los auf einen Popanz Ihrer Phantasie, der nicht ich bin. So entstehen keine Rachegelüste. Wollen Sie durchaus mein Feind sein – es wird Ihnen nicht gelingen, mich zu dem Ihren zu machen.»

Nach diesem Brief Manns lenkte Schönberg endgültig ein. Am 2. / 9. Januar 1950 schreibt er Mann: «Wenn die Hand, die ich glaube ausgestreckt zu sehen, eine Friedenshand ist, wenn sie also ein Friedensangebot bedeutet, so wäre ich der letzte, sie nicht sofort zu ergreifen und bekräftigend zu schütteln. […] Begraben wir die Streitaxt und zeigen wir, daß es auf einer gewissen Stufe immer eine Möglichkeit zum Frieden gibt. Ich hatte beabsichtigt, diesen Friedensschluß öffentlich bekannt zu machen. Ich wurde aber darauf aufmerksam gemacht […], daß ich damit allen, die mir in diesem Kampf beigestanden haben – Freunden, Bekannten und Unbekannten – in den Rücken fallen würde. So schlage ich also ein neutrales Zwischenstadium vor. Einmal wird der Eine, oder der Andere einen ‹achtzigsten› feiern – es muß aber gar nicht so lange dauern –: ein guter Anlaß, alles Kleinliche zu vergessen – endgültig. […] Begnügen wir uns mit diesem Frieden: Sie haben mich versöhnt.»

Schönbergs Verhalten ist von einer gewissen Unberechenbarkeit geprägt, die indes aus seiner Verärgerung verständlich wird, ausserdem waren ihm die Zusammenhänge (etwa Adornos Rolle) nicht von vornherein bewusst. Manns Verhalten hingegen ist von vorsichtiger Defensive geprägt, gelegentlich auch von Ironie, nicht hingegen von Heftigkeit oder Erregtheit. Es entsteht der Eindruck, Mann sei sich der Tatsache bewusst gewesen, dass Schönberg sich durch seine überreizten Angriffe negativ darstellte und dass er selbst durch sein geschickt rücksichtsvolles Reagieren deshalb umso mehr in einem günstigen Licht erschien. Aufgrund des so divergierenden Verhaltens beider wird Schönberg in den zeitgenössischen Presseartikeln meist als der Aggressor dargestellt, obwohl sein Vorgehen aus seiner Angst um den Nachruhm beziehungsweise zurückgesetzt zu werden verständlich wird. Umgekehrt befremdet an Manns Verhaltens, dass er Schönberg während keiner Phase seiner Arbeit am «Doktor Faustus» über die Darstellung der Zwölftontechnik und Zuschreibung an einen fiktiven Komponisten informiert oder gar um Erlaubnis gebeten hatte.         ●

E. Randol Schoenberg (Herausgeber): «Apropos Doktor Faustus: Briefwechsel Arnold Schönberg–Thomas Mann 1930–1951.» Czernin Verlag, 2008.

Bernhold Schmid ist Mitarbeiter der Musik­historischen Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und dort für die Orlando di Lasso-Gesamtausgabe zuständig.


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