logo
Dezember 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 12 Ausgabe: Nr. 12 » February 8, 2010

«... kommen Sie, Cohn!»

December 7, 2009
Zu Theodor Fontanes Gedicht «An meinem Fünfundsiebzigsten» und seinem Verhältnis zur kulturell-literarisch interessierten jüdischen Bevölkerung.
THEODOR FONTANE Der Schriftsteller bediente auch Klischees: «Reiche Jüdinnen sind oft vornehm»

von Martin Dreyfus

Ob Theodor Fontane derzeit ein noch gern gelesener, oft zitierter Autor ist, bleibe dahingestellt. Dass er es, weit über seine Schaffenszeit hinaus und wie er anhand des anlässlich seines 75. Geburtstages verfassten Gedichtes selber festgehalten hat, nicht vorwiegend in jenen Kreisen war, denen er sich zunächst zugehörig fühlte, welchen er als Autor sozusagen seine Feder zu deren Darstellung etwa in den «Wanderungen durch die Mark Brandenburg», dem «Stechlin» und anderer seiner Werke geliehen hatte, war ihm nur zu bewusst. Vergleichbar wie einige Jahrzehnte zuvor bei Johann Wolfgang von Goethe, einige zehn Jahre später Thomas Mann, gehörte seinerzeit das Werk Theodor Fontanes zur Vorzugslektüre einer sich emanzipierenden, kulturell-literarisch interessierten jüdischen Schicht in Deutschland – und zumindest was Goethe und später Thomas Mann betraf auch der Schweiz – wie Bibliothkesbestände und -Nachlässe bürgerlich-jüdischer Haushalte des 19. und 20. Jahrhunderts, soweit sie – in Teilen –«überliefert» sind, aufzeigen.  Dennoch ist beinahe unbekannt geblieben oder der Vergessenheit anheimgefallen, wer sich neben den kaum direkt identifizierbaren Pollacks und Meyers in Fontanes Gedicht hinter dem ganz zum Ende erwähnten und zum (Mit-)Kommen aufgeforderten «Cohn» verbirgt (siehe Kasten).

«Kind seiner Zeit»

Der 1864 in Berlin-Charlottenburg geborene Friedrich Theodor Cohn war nach seinen Studien Verleger und als solcher Teilhaber im Verlag von Theodor Fontanes Sohn Friedrich Fontane geworden. Dies sehr zur Genugtuung Theodor Fontanes, der – wohl nicht ganz zu Recht – zunächst nicht eben viel von den verlegerischen Qualitäten seines Sohnes, umso mehr von jenen Friedrich Cohns hielt. Nicht zuletzt auf Grund dieser geschäftlichen Verbindung war Fontane bereit, seine Manuskripte dem Verlag von Friedrich Fontane zur Drucklegung zu überlassen. Diese geschäftliche und persönliche Verbindung sollte bis zu Fontanes Tod anhalten. Obwohl Fontane auch mit anderen jüdischen Persönlichkeiten seiner Zeit in freundschaftlicher Verbindung stand, war er, darin auch ein «Kind seiner Zeit», kaum frei von Antisemitismus. Ihn daher aber – ähnlich wie bei Thomas Mann und Goethe – zu Antisemiten, oder gar zu «Wegbereitern» zu machen greift zu kurz.   

Zweifellos ist Fontanes Stellung zum Judentum – der Zeit gemäss – dem Wandel unterworfen und nicht frei von antisemitischen Stereotypien der Zeit. Während er zunächst in einer «allmählichen Amalgamierung» den Segen der Toleranz und Freiheit zu erkennen meint, schreibt er später etwa von einem «Volk, dem von Uranfang an etwas dünkelhaft Niedriges anhafte, mit dem sich die arische Welt nun einmal nicht vertragen könne». Dem gegenüber stehen seine Darstellungen jüdischer Personen in seinem Werk und seine langjährigen Freundschaften, neben «seinem» Verleger Friedrich Cohn etwa zum Literaturhistoriker Gustav Karpeles, welchem er in einem Brief vom 30. Juli 1881 über eine Figur aus seiner nur in Entwürfen überlieferten Novelle «Storch von Adebar» etwa auseinandersetzt: «Rebecca Gerson von Eichröder (Bismarcks Bankier Gerson v. Bleichröder dürfte hier nicht nur bei der Namensgebung Pate gestanden haben, Anm. d. Red.), ist ein reizendes Geschöpf und viel mehr die Verherrlichung des kleinen Judenfräuleins als eine Ridikülisierung. Dies tritt sogar so stark hervor, dass es mich etwas genirt. Ich kann es aber nicht ändern; die ganze Geschichte würde von Grund aus ihren Charakter verlieren, wenn ich statt Rebeckchen eine Geheimrathsjöhre einschieben wollte. Noch weniger geht ein reiches Bourgeoisbalg; reiche Jüdinnen sind oft vornehm (worauf es hier ankommt) Bourgeoisbälge nie.»

Weitgehend vergessen

Friedrich Cohn wurde – nachdem er seine Verbindung mit Friedrich Fontane inzwischen gelöst hatte, 1906 Inhaber des Verlages von Egon Fleischel & Co., den er bis 1921 führte. Im Zusammenhang mit der Inflation in Nachkriegsdeutschland war er in diesem Jahr allerdings gezwungen, seinen Verlag an die Deutsche Verlagsanstalt zu verkaufen. Er zog sich ins Privatleben zurück, welches er seit 1896 mit der Schriftstellerin Clara Viebig teilte. Viebig und Cohn hatten sich 1895 kennengelernt, als Cohn ihre Werke in den Verlag von Friedrich Fontane aufnahm und in der Folge einer ihrer Förderer wurde. Die heute nahezu vergessene Autorin war seit dieser Zeit bis in die Jahre nach dem ersten Weltkrieg eine der meistgelesenen deutschsprachigen Autorinnen. Die eheliche Verbindung Friedrich Cohns mit Clara Viebig wurde von dessen Familie, die um den Ruf des angesehenen jüdischen Verlegers (!) fürchtete, nicht gerne gesehen.

1903 erwirkte Cohn ein kaiserliches Edikt, welches seinen Nachkommen erlaubte anstelle des seinigen, Cohn, den Namen Viebig zu tragen. Nützen wird es ihnen allerdings nach 1933 nichts mehr, und die Angehörigen wanderten nach Südamerika aus. Während Friedrich Cohn 1936 eines natürlichen Todes stirbt, reist Clara Viebig nach seinem Tod 1937 zwar zu ihrem Sohn und ihren Enkelkindern nach Südamerika, kehrt aber nach Deutschland zurück, wo sie in schwierigen Verhältnissen den Krieg überlebt und 1952 als einst ebenso viel gelesene Autorin wie Theodor Fontane weitgehend vergessen im Alter von 92 Jahren stirbt. Auch an Friedrich Cohn erinnert heute nur noch jene Schlusszeile in Theodor Fontanes Gedicht zu seinem Fünfündsiebzigsten: « … kommen Sie, Cohn!»         ●

Martin Dreyfus ist Experte für Verlagsgeschichte und Literatur. Er lebt in Zürich.


» zurück zur Auswahl


Mehr zu diesem Thema...