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Dezember 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 12 Ausgabe: Nr. 12 » February 8, 2010

Ein Visionär in Prag

December 7, 2009
Als Karel Čapeks Roman 1936 tschechisch und gleich auch deutsch erschien, baute Hitler schon die Wehrmacht auf, und Goebbels hatte jene gerügt, die schamlos behaupteten, der Jude sei auch ein Mensch. Neben Franz Kafka war Karel Čapek der zweite Visionär in Prag.
SIE KREIERTEN ZUSAMMEN DAS WORT «ROBOTER» Karel Čapek (l.) mit seinem Bruder Josef

Von Katarina Holländer

Als der Orient-Express um 6.25 Uhr in Buchs eintrifft und ihm drei hochgewachsene Herren entsteigen, herrscht Verwunderung. Es sind keine Molche. Man flüstert erleichtert, die Vaduzer Verhandlungen können mit diesen Delegierten der Molche ohne unnötige Komplikationen und Peinlichkeiten beginnen. Doch da sind wir schon 20 Seiten vor dem Ende. Die Molche haben, vor den Augen der ganzen Welt, von dieser aufgerüstet und vor Dünkel und Ekel mit Missachtung behandelt, die Weltherrschaft bereits in ihren tierischen Händen. Sie arbeiten sich emsig von den Küsten her zu den Hochgebirgen vor und sprengen die Kontinente weg, um für ihre Unterwasserwelt den unerlässlichen Lebensraum zu gewinnen.

Karel ˇCapek hat mit «Der Krieg mit den Molchen» eines jener raren Bücher geschrieben, nach denen das deutsche Feuilleton so gerne lechzt. Ein literarisch hochstehendes, mit verschiedenen Textformen spielendes, mit unablässigem Augenzwinkern und zugleich inständigem Ernst geschriebenes Buch, das seine Zeit zur Durchsichtigkeit und Einsichtigkeit kristallisiert. Die Transparenz vermag ein grosser Autor zu schaffen. Die Erkenntnis läge auf Seiten der Leserschaft; auch ˇCapek, ein enger Vertrauter T. G. Masaryks, des Ende 1935 abgetretenen Präsidenten der Tschechoslowakei, die allzu bald nach dem Erscheinen des Buches das erste Opfer von Hitlers Expansionsdrang werden sollte, konnte als Pandora nichts ausrichten. Die Lektüre seiner grotesk realistischen Analyse hat bis heute an Brisanz, Vergnüglichkeit und Schauderhaftigkeit kaum eingebüsst.

Der Industriemagnat Bondy

Als Bondy nach den ersten 20 Seiten auftaucht, ist der Leser und auch die Leserin schon gewaltig im Seemannsgarn verstrickt, das ˇCapek den in die Jahre gekommenen Kapitän van Toch spinnen lässt, und nebenbei hat man auch schon eine anschauliche Lektion über Kolonialismus erhalten, über handelsübliche rassistische Menschenverachtung, und man hat erfahren, dass die in der herrschenden Krise zu Anlagezwecken begehrten Perlen in der Devils Bay reichlich vorhanden sind. Besser ist es allerdings, das wissen die Einheimischen, dort nicht hinzugehen. Jene Wasser sind das Reich von Zweibeinern mit Schwanz und Schnalzsprache. Teufel sind’s. Doch dazu können aufgeklärte Europäer nur lächeln. Und da es nichts gibt, womit man nicht Geschäfte machen könnte, nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Schon ist man vom Äquator nach Hause versetzt, in die tschechische Provinz. «Kennen Sie nicht vielleicht Herrn Bondy?»,  fragt Redakteur Golombek, der im Sommerloch eine Story suchte und auf den alten Kapitän stiess, der bereit ist, für Geld aus seinem abenteuerlichen Leben zu erzählen. Nicht für die angebotenen 1000 Kronen, so 15 oder 16 Millionen müssten’s schon sein – van Toch zückt eine Perle. Der Redaktion wird das Garn zu dick, und als der Sonderling ihnen auch noch ein altes Schiff aufdrängen will, um ein grosses Ding zu drehen, fällt Golombek die Lösung ein: Bondy.

«‹Bondy? Bondy?›, überlegte der Kapitän. ‹Wart mal, den Namen müsst ich irgendwie kennen. Bondy. Tja, in London gibt es eine Bond Street, dort leben sehr reiche Leute. Hat er nicht ein Geschäft in der Bond Street, euer Herr Bondy?› ‹Nein, er lebt in Prag, aber geboren ist er, glaube ich, hier in Jevíˇcko.› ‹Teufel noch mal›, rief der Kapitän erfreut, ‹du hast ganz recht, Junge. Der hatte am Marktplatz einen Schnittwarenladen. Ja, Bondy – wie hiess er nur? Max. Max Bondy. Also er hat jetzt ein Geschäft in Prag?›» Doch das war, in historischer Korrektheit wiedergegeben, der Vater, dessen Sohn Gustl, ein Generationsgenosse Franz Kafkas, hat es in der Hauptstadt zu was gebracht. G. H. Bondy ist Präsident zahlreicher Aktiengesellschaften und Kartelle und wird «Kapitän unserer Industrie» genannt.

Eines verbindet diese beiden Kapitäne: Sie haben Herz und Gefühl. Was nicht heisst, dass sie nicht Strategen und Profiteure sind, aber sie haben nebst Köpfchen noch etwas. Sie sind von diesen in romantischer Abgelegenheit und Verteufelung Perlen fischenden Urwesen, die man für ausgestorben hielt, fasziniert. Und eben diese menschliche oder sentimentale Begeisterung für das «Wilde» lässt sie den Pakt mit dem impliziten Teufel schliessen. Geschäfts- und Abenteuergeist spannen zusammen, und während sich der Kapitän um seine lieben Viecher kümmert, macht Bondy nebenbei Geld locker für ein bald weltumspannendes Geschäft. Die fast mannsgrossen Molche werden erst zu Perlenfischern abgerichtet, bald aber arbeiten die gelehrigen Tierchen an zahlreichen Küsten als unglaublich billige Bauarbeiter. Ein gewaltiges Geschäft, das G. H. Bondy umsichtig managt. Man sorgt dafür, dass die Molche bekommen, was sie brauchen: Waffen, um sich gegen ihre einzigen Feinde unter Wasser, die Haie, zu wehren. Im Verlauf einer – ähnlich wie Kafkas «Affe» – rasant nachgeholten Evolution gleicht ihre Sprache bald der der Menschen, und während sie den Wirkungsgrad der Letzteren erweitern, bauen sie sich selber Metropolen unter Wasser.

Die Entwicklung zum Weltkrieg

Der alte van Toch stirbt, und mit der amphibischen Arbeitermasse wird in grossem Stil wie mit Ware gehandelt. Bondy erkennt als Erster, dass die riesige Menge seiner sich stetig vermehrenden Arbeitskräfte gefährlich wird. «Die Molche fressen uns auf», konstatiert er sachlich und macht sich daran, dieses ökonomische Problem mit gewohnter Voraussicht anzugehen. Er gründet ein internationales Salamandersyndikat, um die Molchfrage unter Kontrolle zu halten. Doch am Ende wächst G. H. Bondy, und der ganzen Menschheit, die «Molchfrage» über den Kopf. Als auf den letzen Seiten in Prag selber, das von jeglicher Küste – ausser bei Shakespeare und Kollegen – metaphorisch weit entfernt ist, in der Moldau der erste Molchkopf auftaucht, ist klar, dass die Gefahr im realen Hier und Jetzt angekommen ist. Dass der Untergang längst eingeläutet ist, die alten Grenzen nicht mehr existieren.

ˇCapek hat keine simple Allegorie geschrieben, sondern ein schillerndes Symbol seiner Zeit geschaffen: Die Molche sind als Sinnbild des Ideals der Quantität ein Element des Konsumzeitalters, in dem die gute alte Romantik entlarvt und begraben wird, und die Ideologien verlieren ob der lockenden ungebremsten Vermehrung ihre Antagonismen. Die ausgenützte Kreatur, halb Tier, halb Zivilisation, oszilliert als Repräsentation dabei je nach Ansicht und Gebrauch zwischen dem Soldaten als solchem, dem Proletarier, dem Neger, dem Juden und nicht zuletzt dem Automaten; Karel ˇCapek war es bekanntlich, der mit seinem Bruder, dem 1945 in Bergen-Belsen ermordeten Maler Josef ˇCapek (dessen beeindruckendes Werk bis Mitte Januar auf der Prager Burg ausgestellt ist), im Schauspiel «R.U.R.» 1920 unser Wort «Roboter» kreierte.

ˇCapek gelingt hier das tiefgründige Kunststück, in den Molchen sowohl die deutsche bewaffnete expansive Bedrohung als auch gleichzeitig ein visionäres Porträt der KZ-Gefangenen im massenhaft rationell durchorganisierten Ghetto zu zeichnen – er sieht sogar Details wie die Tätowierung sowie «wissenschaftliche» Experimente voraus (und witzelt in einer Fussnote: «Insbesondere in Deutschland wurde jede Vivisektion aufs strengste verboten, allerdings nur jüdischen Forschern»). Dieser Philosoph, Journalist, Autor und Dramaturg – damals wohl der berühmteste tschechische Autor in Europa – wagte es, zu Ende zu denken. Mit eklatanter Präzision orakelt er dringlich: «In drei Jahren wird es zu spät sein!»

In drei Jahren war nicht nur Karel ˇCapek tot. Der Krieg, den er als unausweichlich schilderte, brach aus. Die Verfolgung und Versklavung eines anderen Volkes, das auf der Welt zerstreut und ohne eigenen Staat lebte, begann unvordenkliche Ausformungen anzunehmen. Dennoch kam ˇCapeks Vorstellung der Realität erstaunlich nahe.

Das Bild der und des Juden hat ˇCapek subtil gezeichnet. Er betont mit künstlerischem Nachdruck das alle Menschen verachtende totalitäre System und hat das Bildnis des cleveren Wirtschaftstycoons Bondy, der höchstselbst Faschisten und all den anderen das explosive Material liefert, an keiner einzigen Stelle antisemitisch stinken lassen. Obwohl er mit den meisten der Klischees ausgestattet wird, bleibt der nur durch Attribute als Jude gekennzeichnete Geschäftsmann unter ˇCapeks humanistisch und demokratisch rege engagierter Feder ein Mensch, der nichts als gekonnt und logisch – und nicht ohne menschliche Regungen – handelt, gemäss seinem Können, wie die anderen um ihn herum auch. Tragischerweise hat Bondy in seiner futuristischen Vision vom Nutzen der Molche durchaus «neue Kontinente» entstehen sehen – nur konnte er, vom Fortschrittsglauben geblendet, nicht erkennen, dass diese Kontinente «menschenfrei» sein würden. Er konnte sich nicht vorstellen, dass die Welt ihn und die ganze Menschheit eliminieren würde. ˇCapeks Anti-Utopie schon.         ●

Katarina Holländer ist Publizistin und lebt und schreibt in Zürich und Prag.





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