Von Konstantinopel nach Paris
Von Katja Behling
Das jüdische Museum im Pariser Viertel Marais, das Musée d’art et d’histoire du Judaïsme, veranschaulicht vom 16. Januar bis zum 7. März unter dem Titel «Der Glanz der Camondos» («La Splendeur des Camondo. De Constantinople à Paris 1806–1945») die so gloriose wie tragische Geschichte und Odyssee einer der bekanntesten Bankiersfamilien Frankreichs: Philanthropen und Mäzene für Kunst, Kultur, Schulen und Krankenhäuser – ausgelöscht in der Zeit unter deutscher Besatzung.
Umzug nach Paris
Die Camondos stammten aus Konstantinopel. Ende 1870 verlagerte die Familie ihre Bankgeschäfte endgültig nach Paris. Dieser Schritt stand im Dienste der geschäftlichen Expansion, konnte die Familie doch fortan im Zentrum des internationalen Finanzwesens agieren. Der Grundstein für den Erfolg war bereits lange Zeit vorher gelegt worden. Im Osmanischen Reich hatte die Jahrhunderte zuvor aus Spanien emigrierte sephardische Familie bereits ein florierendes Unternehmen aufgebaut. Die Pariser Hommage zeichnet diese Entwicklung mittels Stadtplänen, Reisepapieren und Fotos der Altvorderen nach, deren Kleidung von den orientalischen Anfängen der Familie zeugt. Die Betreiber operierten über die Grenzen der Türkei hinaus, nachdem der 1781 geborene Abraham Salomon Camondo zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Leitung der Geschäfte übernommen hatte. Er gilt als der Stammvater der Bankiersdynastie. Sein Sohn Salomon Raphael trieb die Aktivitäten des Hauses im europäischen Raum voran. Dessen Söhne Abraham Béhor und Nissim gingen nach Frankreich, wurden geadelt. Deren Nachkommen wiederum, Isaac und Moïse, engagierten sich als grosse Sammler. Vor allem sie waren es, die der Familie Camondo den hervorragenden Namen als Förderer der französischen Kultur einbrachten. Isaac de Camondo pflegte musische Interessen. Er war etwa mit Edgar Dégas befreundet, von dem er Dutzende von Bildern erwarb. Desgleichen besass er Arbeiten von Sisley, Manet, Renoir, Monet, Pissarro und Delacroix – den bedeutendsten Künstlern ihrer Zeit. Einige Werke sind in der Pariser Ausstellung zu sehen. Nach dem Tod Isaacs 1911 erhielten der Louvre und andere Pariser Museen rund 800 Kunstwerke aus dem Camondo-Besitz.
Grosse Gönner
Glanzvollem Unternehmenserfolg und mondänem Leben in der Zeit des Fin de Siècle steht das tragische Schicksal der letzten Familienmitglieder gegenüber. Moïses Tochter Béatrice de Camondo wurde mit ihrem Mann Léon Reinach sowie den Kindern Fanny und Bertrand unter deutscher Besatzung deportiert und ermordet. Die Ausstellung im jüdischen Museum in Paris zeigt dazu Dokumente wie Registrierkarten des Internierungslagers Drancy aus dem Jahre 1942 und Listen aus Auschwitz. Danach geriet die Dynastie Camondo auch in Frankreich in Vergessenheit, bis in den neunziger Jahren zwei Bücher über sie erschienen. Béatrices Bruder Nissim de Camondo war bereits 1917 als Pilot im Ersten Weltkrieg gefallen. An den Verstorbenen erinnert, einer testamentarischen Verfügung seines Vaters aus dem Jahre 1935 entsprechend, das bis heute erhaltene prachtvolle Pariser Stadtpalais Musée Nissim de Camondo in der Rue de Monceau. Fotos und ausgesuchte Möbelstücke beleuchten diesen Aspekt. Zudem gehören jüdische Kunstobjekte und Erinnerungsstücke aus dem einstigen Besitz der Camondos zu den Pariser Exponaten: Eine ottomanische Thora-Rolle aus dem 19. Jahrhundert, ein mehr als 300 Jahre altes italienisches Buch Esther. Des Weiteren kostbare Meisterwerke aus dem alten Japan und China wie ein bronzener Elefant, der mehr als 3000 Jahre alt ist. Normalerweise beherbergt das Museum Guimet für ostasiatische Kunst diese fernöstlichen Schätze: Isaac de Camondo hatte seine wertvolle Asiatika-Sammlung dem französischen Staat vermacht. ●
Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.


