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Februar 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 02 Ausgabe: Nr. 2 » February 8, 2010

Im Sog der Krise

February 8, 2010
Die Angst vor einer «Kernschmelze» an den Börsen und Kreditmärkten ist seit dem vergangenen Frühjahr verflogen. Wie der Wirtschaftsjournalist Sebastian Bräuer in dieser Ausgabe berichtet, ist die Wall Street längst zu den Praktiken zurückgekehrt, die im Herbst 2008 zunächst zum Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers und dann weltweit zu Erschütterungen geführt haben, die sich nur mit der Grossen Depression der 1930er Jahre vergleichen lassen.

In der vorliegenden Ausgabe befassen wir uns mit den Ausstrahlungen der Krise und versuchen eine Einordnung. Schliesslich haben die Banker mit ihren kreativen Derivaten, die sich als «toxisch» entpuppen sollten, nicht in einem Vakuum gehandelt. So konstatiert der Zürcher Unternehmer René Braginsky im Interview mit Chefredakteur Yves Kugelmann, dass auch die Kunden von einer naiven Gier nach schnellem Geld getrieben worden seien. Diese Feststellung findet ein Echo in den Anmerkungen eines Bankers im «Standpunkt» auf Seite 5, der nach über 20 Jahren an der Wall Street anonym bleiben will: Das Streben nach Gewinn und
Genuss sei in der letzten Zeit zu einer Sucht geworden, die ihre Krallen tief zumal in die amerikanische Gesellschaft gesenkt hat. Ein besonders krasses Beispiel hierfür war das Schneeball-System des Bernard Madoff. Der Reporter Felix Wadewitz bringt uns auf den aktuellen Stand in dieser Affäre.

Einen erhellenden Kontrapunkt zu diesen flagranten Beispielen für Gier und Egoismus setzt der Historiker Morris Dickstein. In seinem neuen, grundlegenden Werk zur Kultur der Depressionsära schildert er, wie die Amerikaner unter Präsident Franklin D. Roosevelt zusammengerückt sind und ein Gemeinschaftsgefühl entwickelt haben, das in staatlichen Sozialprogrammen bleibende Formen angenommen hat. Die heutige Krise hat entgegengesetzte Konsequenzen, wie ein Blick auf die Arbeit von Kenneth Feinberg zeigt: Als Beauftragter der Obama-Regierung hat der «Salomon aus Brockton» erhebliche Probleme damit, Finanzkonzerne zur Rückstufung ihrer Spitzengehälter zu bewegen.

Mit Joseph Stiglitz und Carmen Reinhart können wir zudem Beiträge von renommierten Wirtschaftswissenschaftlern vorstellen. Stiglitz moniert das «schlechte Vorbild Amerikas» als Verursacher der Krise und untersucht die zahlreichen Rettungsmassnahmen einzelner Regierungen für ihre Volkswirtschaften. Davon ausgehend fordert der Nobelpreisträger eine wesentlich stärkere internationale Koordinierung. Diese soll nicht nur zur Bewältigung der aktuellen Krise speziell in den besonders stark betroffenen Entwicklungsländern beitragen, sondern zudem einer Wiederholung der heutigen Probleme vorbeugen. Carmen Reinhart stellt vergleichende Untersuchungen vor, die sie zusammen mit dem Harvard-Ökonomen Kenneth Rogoff unternommen hat: Demnach führen Bankenkrisen in der Regel noch fünf oder sechs Jahre nach ihrem Beginn zu steigender Arbeitslosigkeit, steigender Staatsverschuldung und Wertverlusten bei Wohneigentum.

Damit liegt auf der Hand, dass die aktuelle «Grosse Rezession» zumindest für die Masse der Bevölkerungen noch längst nicht ausgestanden ist. Vor diesem Hintergrund scheint es ebenso treffend, wie deprimierend, wenn René Braginsky vorhersagt: «Wir werden uns im Westen daran gewöhnen müssen, dass es statt wie bisher Jahr für Jahr eine Wohlstandszunahme künftig Jahr für Jahr eine Abnahme gibt, während Länder wie Indien in einen neuen Wohlstand hereinwachsen. Bei einer längerfristigen Wohlstandsabnahme könnte der soziale Friede gefährdet sein.»            ●


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