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Februar 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 02 Ausgabe: Nr. 2 » February 8, 2010

Exzesse und Kurzsichtigkeit

February 8, 2010
Ein Investmentbanker kommentiert die Krise an der Wall Street. Nach Jahren bei einemWeltkonzern arbeitet der Autor heute bei einem Hedge Fund. Er zieht es vor, seine Beobachtungen anonym zu publizieren.

Ich arbeite seit den späten achtziger Jahren für grosse Finanzdienstleistungsunternehmen. In dieser Zeit habe ich zahlreiche Zyklen von Auf- und Abschwüngen erlebt. Das Pendel zwischen Anstellungen und Entlassungen, Exzess und Zurückhaltung, zwischen Zuversicht und Zweifel schlägt in jedem Zyklus zu weit aus. Gleichgewicht und Augenmass sind stets Mangelware. Die Gier nach Geld und Macht war immer schon die treibende Kraft für einen Grossteil des Geschehens an der Wall Street. Doch die Ereignisse der letzten 18 Monate stellen alle vorherigen Krisen in den Schatten. In den vergangenen 20 Jahren haben wir den stetigen Abbau von Regulationen und Aufsichtsmechanismen erlebt, während komplexe, kreditfinanzierte Strategien überhand nahmen. Das Problem ist jedoch nicht die Komplexität, sondern es sind die Kredite. Im Lauf des letzten Jahrzehnts haben wir den Gedanken aus den Augen verloren, Geldhäuser und Anlagestrategien langfristig und solide zu führen. Dafür geht es nur noch darum, möglichst rasch möglichst viel Geld zu machen.

Den Ernst der Lage nicht erkannt

Wie bei jeder Katastrophe haben die persönlichen Geschichten Betroffener auch bei der Finanzkrise die grösste Aussagekraft. Viele von uns an der Wall Street haben den Sturm kommen sehen, aber wir waren dennoch nicht zum rechtzeitigen Handeln fähig. Als die Krise dann über uns hereingebrochen war, wollten wir es nicht wahrhaben. In unserer Hilflosigkeit haben wir uns an die Hoffnung geklammert, dass auch dieses Unglück irgendwann vorbei sein wird. Es gab auch Banker, die so arrogant und von ihrem Ego geblendet waren, dass sie den Ernst der Lage gar nicht erkennen konnten.

Wall-Street-Banker haben die Krise verursacht, aber sie wurden auch zu ihren Opfern. Zwei Freunde von mir haben über 20 Jahre bei Lehman Brothers gearbeitet und nicht nur ihre Ersparnisse an Unternehmensaktien verloren, sondern auch die in ihren Gehältern vorgesehenen Optionen auf zukünftige Anteile. Aber es gab auch Lehman-Trader, die sich noch im Sommer 2008 über die Warnungen, dass die Börsen vor dem Abgrund stehen, lustig machten. Über die Vorstellung, dass die Papiere wertlos sind, die sie entwickelt und auf den Markt geworfen hatten, konnten sie nur lachen. Und dann waren da Leute, die gar nicht an der Wall Street gearbeitet haben und sich ohne Eigenkapital ein zweites und drittes Haus in der Hoffnung gekauft haben, die Immobilien rasch wieder mit Profit abstossen zu können.  Mir ist auch ein Spekulant begegnet, der gleichzeitig fünf Häuser besessen hat.

Diese Leute konnten selbst nicht glauben, wie leicht sie Darlehen erhalten hatten. Als der Immobilienmarkt kollabierte, jammerten sie, wie unfair es doch sei, dass sie Geld verloren hatten. In diesem Fall agierten die Leute an Amerikas Hauptstrassen genau so verantwortungslos wie die an der Wall Street.

Es hat mich bedrückt mitzuerleben, wie Freunde, Kollegen und andere Eltern an den Schulen unserer drei Töchter in Manhattan ihre Stellen verloren oder tiefe Einkommensverluste erlitten. Wohltätige Organisationen, mit denen ich tätig bin, mussten Mitarbeiter entlassen und ihre Programme just in dem Moment zusammenstreichen, da diese dringender denn je gebraucht werden. Mir bleibt eine Unterhaltung vom vergangenen Januar in lebhafter Erinnerung, die ich mit einem vermögenden Investor führte. Er ist für das Kapital einer Stiftung verantwortlich. Diese hatte die Hälfte ihres Vermögens verloren, gleichzeitig wandte sich eine Rekordzahl von Bedürftigen an sie. Was sollte er tun? Das verbliebene Kapital über die nächsten zwei, drei Jahre restlos ausschütten? Oder sollte er Beihilfen auf die allerdringendsten Fälle beschränken und das Kapital an der Börse investieren? Denn er hielt die Kurse vor einem Jahr für stark unterbewertet.

Der kurzfristige Genuss als Problem

In den Jahren vor der Krise haben kluge Männer und Frauen ihre Vernunft über Bord geworfen und Strategien entwickelt und ausgeführt, die langfristig nicht aufrecht zu erhalten waren. Aber sie haben ihr schnelles Geld verdient und die alte Theorie vom «grösseren Narren» wahrgemacht: Demnach gibt es immer Leute, die dir den Kram abkaufen, den du fabrizierst. Aber das konnten wir in den letzten zehn Jahren nicht nur an der Wall Street erleben, sondern überall bei uns in Amerika. Auf den Strassen stauen sich Autos, die Unmengen Benzin verbrauchen, während eine nachhaltige Energiepolitik dringend notwendig wäre. Und immer mehr Leute werden krankhaft übergewichtig, weil sie nur Essen zu sich nehmen, das zuviel Fett und Zucker enthält, aber keinen Nährwert hat. Ist auch hier nicht der kurzfristige Genuss das Problem, der langfristig sinnvolles und nachhaltiges Wirtschaften verhindert? Die Exzesse und die Kurzsichtigkeit der Wall Street haben das globale Finanzsystem um ein Haar zur Kernschmelze gebracht. Aber ich hoffe immer noch, dass wir daraus nicht nur an den Märkten lernen, sondern die Erkenntnis ziehen, dass wir auch eine kulturelle und erzieherische Wende für die Welt als Ganzes einleiten müssen.            ●





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