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Februar 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 02 Ausgabe: Nr. 2 » February 8, 2010

Die Irrelevanz des Bernard Madoff

Von Felix Wadewitz, February 8, 2010
Vor einem Jahr flog der Milliardenbetrüger Bernard Madoff auf. Nun ziehen seine Opfer im Kampf um eine Entschädigung vor Gericht. Ihre Anwältin sagt: Es geht nicht um Madoff. Das System hat versagt.
Das einstige Wohnhaus des Milliardenbetrügers Die Besitztümer der Madoffs wurden von der US-Justiz sichergestellt

Von Felix Wadewitz

Helen Davis Chaitman kann sich noch genau an den 11. Dezember 2008 erinnern. Es war der Tag der spektakulären Verhaftung von Bernard Madoff. Die renommierte Anwältin sitzt am Esstisch ihrer Wohnung an der New Yorker Park Avenue und schweigt einen Moment. An jenem Tag vor gut einem Jahr verlor Chaitman mit einem Schlag ihre Ersparnisse für den Ruhestand. Ihrem Enkel wollte sie mit den Rücklagen das College bezahlen. Der Kleine krabbelt gerade durch das Wohnzimmer, als Chaitman an einem Montagnachmittag den aufbau zum Interview empfängt.

Chaitman spielt eine Schlüsselrolle bei der Aufarbeitung des wohl grössten Betrugsfalles in der Geschichte des modernen Finanzwesens. Als Anwältin vertritt sie pro bono mehr als 300 Opfer, die alles verloren haben. «Mein eigener Schock und die Verzweiflung gingen vorbei», erinnert sich Chaitman, «als mir klar wurde, dass ich noch Glück gehabt habe.» Die erfolgreiche Juristin hat weiterhin ein Einkommen und ist als Partnerin der Anwaltskanzlei Philipps Nizer mit einem Büro auf der Fifth Avenue finanziell unabhängig. «Meine Klienten dagegen sind häufig 70 Jahre oder älter. Sie lebten von ihren Ersparnissen, die sie Madoff anvertraut hatten. Viele haben nun nichts mehr. Einige können sich das Altersheim, in dem sie leben, nicht mehr leisten und mussten ausziehen.»

Geschätzte 65 Milliarden Dollar verschlang das Schneeballsystem der Madoff Investment Securities LLC, die veröffentlichte Liste der Opfer ist 162 Seiten lang. Die Berichte über prominente Opfer wie Regisseur Steven Spielberg oder Schauspieler Kevin Bacon haben bei vielen Menschen den Eindruck hinterlassen, dass nur Millionäre Geld verloren haben. Doch viele Betroffene waren vollständig abhängig von ihren Einlagen bei Madoff. Schicksale wie das von Rhea Schindler aus Connecticut werfen ein neues Licht auf den Betrugsfall, der für viele bislang eine Sache der Superreichen war: Rhea Schindlers verstorbener Mann Alexander, ein Rabbi, hatte Mitte der neunziger Jahre die Altersrücklagen des Ehepaares bei Madoff angelegt. Als alles verloren war, musste Rhea das Familienhaus und Jahrhunderte alte Judaica verkaufen, die ihr Mann zur Pensionierung geschenkt bekommen hatte.

Das Madoff-Drama hat die jüdischen Gemeinden zwischen Ost- und Westküste monatelang in Aufruhr versetzt. Nach der Verhaftung von Madoff konnte man auf vielen Webseiten Anspielungen auf das Klischee des raffgierigen Bankers und andere antijüdische Kommentare unter den Nachrichten lesen. Der Fall des Milliardenbetrügers, der seine eigenen Leute reinlegt, war ein gefundenes Fressen für Antisemiten rund um 

Madoffs Judentum unwichtig

Bernard Madoff brachte zahlreiche jüdische Institutionen wie Synagogen, Universitäten und Schulen um ihr Vermögen. Die Stiftung von Eli Wiesel ist besonders betroffen. Sie verlor einen Grossteil ihrer Rücklagen. Das Museum of Jewish Heritage musste Angestellte entlassen. Die Chais Family Foundation, die Bildungsprojekte in Israel betreute, musste wegen der Verluste ihre Arbeit einstellen. Viele Einrichtungen vertrauten Madoff, weil er sich selbst für gute Zwecke engagierte und dieselben Werte zu teilen schien. Dass ein Jude jüdische Hilfsorganisationen, die ihm ihr Geld anvertrauten, so schamlos betrügen konnte, treibt viele um. Auch die Klienten von Anwältin Chaitman sind fast alle jüdisch. «Für mich persönlich spielt das keine Rolle», sagt sie. «Madoffs Judentum ist das Letzte, worüber ich mir Gedanken mache.»

Madoffs Verbrechen haben auch seine eigene Familie zerstört. Seine Frau Ruth führt in Manhattan das Leben einer Aussätzigen, ehemalige Freunde vermeiden den Kontakt mit der einst Umschwärmten. Private Schmuckstücke des Ehepaars wurden kürzlich im Sheraton Hotel versteigert. Uhren von Rolex und Gucci, edle Pelzmäntel, Schmuck von Cartier und eine Tasche aus Krokodilleder von Ralph Lauren fanden dabei genauso neue Besitzer wie Diamantohrringe im Art-Deco-Stil. Die Stücke hatte die Polizei in den Apartments der Madoffs an Manhattans Upper East Side, den Hamptons und Palm Beach in Florida beschlagnahmt. Auch Geschirr, Golfschläger, Regenschirme, Kleidersäcke und anderen Hausrat packten die Ermittler ein – sogar den Fressnapf des Familienhundes. Die erlösten rund eine Millionen Dollar gingen an die Opfer seines Herrchens.

Madoffs Söhne versuchen derweil eine Rückkehr in ein normales Leben und scheitern damit. Dabei waren sie es, die Madoff verrieten, als sich der Vater ihnen anvertraute. Seit dessen Verhaftung sind die Sprösslinge arbeitslos. Zudem gibt es immer wieder Zweifel an der Unwissenheit der Söhne. Beide waren jahrelang Führungskräfte in der Investmentfirma. An welche Türen die beiden zurzeit auch klopfen – einstellen will sie niemand mehr. Mark Madoff, der zuletzt bei seinem Vater als Abteilungsleiter für den Eigenhandel agierte, findet an der Wall Street nicht einmal eine Stelle als einfacher Händler.

Viel besser scheint sich der Name Madoff dagegen im Städtchen Butner in North Carolina zu machen. Dort sitzt der Sträfling mit der Nummer 61727-054 seine 150 Jahre lange Haftstrafe ab. Butner ist kein Gefängnis für brutale Mörder, Madoff sitzt hier unter seinesgleichen. Und Wertpapierbetrüger, Bankräuber, Fälscher, Spione und Mafiabosse würdigen einen Clou diesen Ausmasses auf ihre Art. «Für jeden Trickbetrüger ist er der Godfather», sagte ein Insasse des Gefängnisses gegenüber dem «Wall Street Journal». Anders als seine Söhne hat Madoff Senior auch einen Job. In der Gefängnisküche putzt er Töpfe und Pfannen.

«Madoff ist völlig irrelevant», sagt Anwältin Chaitman. «Er ist ein Betrüger, er sitzt im Gefängnis, Fall erledigt.» Sie kämpft gegen andere. Ihr Hauptgegner ist ein Mann, der eigentlich der wichtigste Verbündete ihrer Klienten sein sollte: Irving Picard, der gerichtlich ernannte Madoff-Insolvenzverwalter. Nur vier Tage nach dem Auffliegen des Milliardenbetrügers nahm Picard die Mammutaufgabe an. Er wickelt als Treuhänder das Investmentunternehmen von Madoff ab und soll so viel Geld bergen wie möglich – bezahlt wird er auf Provisionsbasis, wird also in den nächsten Jahren dreistellige Millionenbeträge einstreichen. Chaitman ist überzeugt: Picard bringt ihre Klienten um ihre rechtmässige Entschädigung. Um die Vorwürfe zu verstehen, muss man nachvollziehen, wie die USA Anleger und Investoren gegen Betrüger schützen wollen – und wie nach Ansicht von Chaitman dieses System versagt hat.

Ungerechtes Vorgehen

Eigentlich schützt eine Agentur mit dem Namen Securities Investor Protection Corporation (SIPC) Einlagen im Wert von bis zu 500 000 Dollar vor Verlusten durch Betrüger. Wenn ein staatlich beaufsichtigter Broker mit dem Geld seiner Anleger durchbrennt, springt die SIPC ein. So hat es der amerikanische Kongress in einem Gesetz einst festgelegt. Das soll das Vertrauen der Anleger in die Finanzmärkte stärken. Finanziert wird die Agentur von der Investmentindustrie, also der Wall Street, die im Gegenzug damit werben darf, dass die Einlagen vor Betrug geschützt sind.

«Meine Klienten hätten ihr Geld zurückbekommen müssen», sagt Chaitman. Die SIPC und Treuhänder Picard verweigern den meisten Madoff-Opfern aber diese Zahlung. Sie begründen das damit, dass die Versicherung der SIPC in diesen Fällen nicht greift, weil nur direkte Investments geschützt seien. Die meisten Opfer des Milliardenbetrugs hatten ihr Geld aber nicht direkt an Madoff überwiesen, sondern beispielsweise in Fondsgesellschaften investiert, die ihrerseits von Madoffs Traumrenditen profitieren wollten. Zudem will Picard nur die Nettoeinlagen erstatten, also nicht den aktuellen Wert eines Depots im Dezember 2008, sondern die Differenz aus angelegter Summe und zwischenzeitlich abgebuchtem Geld. Viele Anleger hatten wegen der Traumrenditen über die Jahre mehr Geld abgezogen, als sie teils vor Jahrzehnten einbezahlt hatten.

Diese Auslegung der SIPC-Verpflichtungen verringert die Kosten für die Wall Street dramatisch. Die Leidtragenden sind beispielsweise Rentner, die von ihren Madoff-Einlagen lebten, sagt Chaitman. Sie würden bestraft und gegenüber Millionären, die das Geld zum täglichen Leben gar nicht brauchten, benachteiligt. Chaitman hält das Vorgehen der SIPC und Picard nicht nur für ungerecht, sondern auch ungesetzlich. Über ihre Klage gegen Picard entscheidet ein New Yorker Gericht erstmals im Februar, danach geht das Verfahren in die Verlängerung. Drei bis vier Jahre wird die juristische Aufarbeitung dauern. Für viele Rentner, die auf ihr Geld warten, könnte es dann zu spät sein.            ●

Felix Wadewitz schreibt als US-Korrespondent für die «Frankfurter Rundschau», die «Financial Times Deutschland» und für «Zeit Online».





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