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Februar 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 02 Ausgabe: Nr. 2 » February 8, 2010

Der Salomon aus Brockton

February 8, 2010
Kein Jurist in den USA hat als Schlichter einen besseren Ruf als Kenneth Feinberg. Nun setzt sich der Washingtoner Anwalt erneut mit einer hoch komplizierten Aufgabe auseinander: Für die Regierung von Barack Obama legt Feinberg die Gehälter von Spitzenmanagern fest, deren Firmen staatliches Rettungskapital erhalten haben.

Kenneth Feinberg Der US-Anwalt entscheidet, welche Gehälter für Manager
angemessen sind und welche nicht

Von Andreas Mink

Wäre Salomon Amerikaner, hätte er einen schütteren, grauen Haarkranz um seine Glatze, eine schlanke, leicht gebeugte Statur und eine kräftige Stimme, die seit über 30 Jahren in Gerichtssälen und Konferenzräumen den Ton angibt. Salomon würde Kenneth Feinberg heissen und aus der Stadt Brockton in Massachusetts stammen. Südlich von Boston gelegen, nennt sich Brockton gerne «Stadt der Champions», da hier die Boxer Rocky Marciano und «Marvelous» Marvin Hagler aufgewachsen sind. Der 64-jährige Feinberg trägt Samthandschuhe, aber er gehört seit seinem Studium an der Law School der New York University zu den Champions unter den Anwälten der USA. Unbestritten ist seine Meisterschaft auf dem im klagefreudigen Amerika besonders schwierigen Gebiet der «Arbitration»: Feinberg ist der vorrangige Spezialist für Schlichtungen und die Umsetzung komplizierter Vergleiche in den USA. Er hat dazu einmal gescherzt, dass er «unmöglich schwierige Fälle» besonders gerne annimmt, da die Erwartungen der Beteiligten an ihn dabei so niedrig seien.

Wie sein jüngerer Bruder – und heutiger Mitarbeiter – David Feinberg sagt, strahlte der Jurist schon als Junge eine natürliche Autorität als neutraler Schiedsrichter und beim Schlichten von Streitereien aus. Doch bei seinen «unmöglichen» Jobs hilft Feinberg sicherlich auch die politische Erfahrung, die er in jungen Jahren als Stabschef Ted Kennedys sammeln konnte, mit dem er bis zu dessen Tod im vergangenen August eng befreundet war. Feinberg war später als Staatsanwalt und Gründungspartner der Washingtoner Dependance von Kaye Scholer tätig, einer führenden Kanzlei in New York. 1992 machte er sich mit der Feinberg Group selbstständig, die inzwischen Feinberg Rozen heisst. Der Jurist wurde auch in Europa bekannt, als er 2000/2001 die Honorare der zahlreichen, an den Holocaust-Verhandlungen mit Deutschland und Österreich beteiligten Anwälte festlegte. Zuvor hatte er die Verteilun g von Entschädigungsfonds etwa für die Opfer von Asbest und des Herbizids Agent Orange strukturiert und beaufsichtigt.

Diese komplexen Fälle verblassten jedoch vor Feinbergs nächster Aufgabe: Elf Tage nach den Attentaten von «9/11» legte der amerikanische Kongress mit dem September 11th Victim Compensation Fund ein Entschädigungsprogramm für Überlebende und die Hinterbliebenen der Opfer auf. Feinberg übernahm Ende November 2001 den Vorsitz des Fonds. Insgesamt hatte er 5500 Entschädigungsansprüche zu begutachten und gegeneinander aufzuwiegen, um schliesslich sieben Milliarden Dollar verteilen zu können. Der Prozess zog sich über mehr als zwei Jahre hin. Zunächst als kalt und abweisend kritisiert, traf sich Feinberg in dieser Zeit fast täglich mit Familien der Opfer. Er führte bei 900 der 1600 für die Entscheidungsfindung notwendigen Anhörungen den Vorsitz. Am Ende des Verfahrens waren ihm selbst seine schärfsten Kritiker unter den «9/11»-Familien dankbar. Ein Honorar hat Feinberg für diese historische Anstrengung nicht gefordert. Seine Erfahrungen hat er 2005 in dem Buch «What Is Life Worth?» (Public Affairs Press) festgehalten, und er liess sich durch die auch emotional für ihn enorm anstrengende Aufgabe überdies zur Einrichtung eines Institutes an der University of Massachusetts Amherst inspirieren, das sich mit dem Wert von Leben im Grenzbereich von Wirtschaft, Moral, Trauerarbeit und Juristerei beschäftigt.

Ein klarer Fall für Feinberg

Sein Sinn für Gerechtigkeit und das Gemeinwohl bewogen Feinberg im vergangenen Frühjahr schliesslich dazu, die vermutlich undankbarste Aufgabe seiner illustren Laufbahn anzunehmen: Nachdem die US-Regierung etwa 20 Konzerne mit rund 400 Milliarden Dollar an Hilfen vor dem Kollaps gerettet hatte, gerieten Barack Obama und sein Kabinett zwischen empörte Steuerzahler und die Wall Street: Eine Rekordzahl von Bürgern kann sich ihre Häuser nicht mehr leisten, die Arbeitslosigkeit liegt bei zehn Prozent und überall müssen Kommunen und Bundesstaaten ihre Leistungen stark reduzieren. Da wirkt es wie ein Schlag ins Gesicht, wenn die Empfänger der staatlichen Hilfen in der Finanzbranche allein im Jahr 2008 114 Millionen Dollar für Lobbyarbeit und Wahlspenden und seither Milliarden für Boni an eben jene Manager ausgeschüttet haben, die für die globale Finanzkrise verantwortlich sind.

Ohnehin ist der Abstand zwischen Durchschnittsgehältern und Spitzenbezügen in den letzten 50 Jahren dramatisch angestiegen: Verdiente ein Vorstandschef um 1960 noch das 24-fache seiner Angestellten, so liegt dieses Verhältnis inzwischen bei 275:1. Die Topmanager der Unternehmen in den «Fortune 500» haben 2008 durchschnittlich elf Millionen Dollar an Gehältern und Zulagen kassiert. Das Weisse Haus sah sich daher genötigt, zumindest die Spitzengehälter jener Unternehmen in ein halbwegs angemessenes Verhältnis zur Leistung der Empfänger zu bringen, die Milliarden aus dem Steuersäckel empfangen hatten. Doch auf welcher Grundlage sollten die Honorare basieren und wie wären speziell die komplexen Regelungen für Boni zu strukturieren? Ein klarer Fall für Kenneth Feinberg. Er nahm die Aufgabe im Juni 2009 an, lieferte im Oktober seine Empfehlungen für 2009 ab und beschäftigt sich derzeit mit Gehältern für Manager unterhalb der Chefetage. Er wird überdies Empfehlungen für das laufende Jahr abgeben.

Der Jurist liess an seiner Perspektive auf die neue Mission keinen Zweifel: «‹9/11› war ein fürchterlicher Schlag für Amerika und die Betroffenen. Hier geht es nur um Geld für Spitzenmanager.» Schon um den moralischen Druck auf die absolut widerborstigen und uneinsichtigen Konzerne zu erhöhen, verzichtete Feinberg für seine Mission erneut auf ein Gehalt. Die sieben betroffenen Firmen (AIG, Bank of America, Chrysler, Chrysler Financial, Citigroup, General Motors und GMAC, der Finanzarm von GM) investierten daraufhin enorme Anstrengungen in Expertisen, Dokumentationen und Schriftsätze jeder Art, die Feinberg demonstrieren sollten, wie wertvoll, unersetzlich und einzigartig gerade ihre 25 Spitzenleute waren. Denn nur auf sie erstreckt sich das Mandat des Schlichters, dessen Job noch dadurch kompliziert wurde, dass einige der Unternehmen während seiner Begutachtung ihre Staatshilfen zurückzahlten und sich dadurch seiner Autorität entzogen.

Weniger Top-Löhne

Besonders krass war das Verhalten des Versicherungsgiganten AIG, der mit insgesamt 180 Milliarden Dollar die mit Abstand grössten Staatshilfen erhalten hat. AIG bestand nicht nur darauf, vom Frühjahr an Boni in Höhe von 165 Millionen Dollar je Quartal auszuzahlen, sondern protestierte auch vehement gegen die zukünftige Ausschüttung von Zulagen in Form von Unternehmensaktien. Das Argument dafür war auch für den alten Profi Feinberg atemberaubend: Die zuletzt bei etwa 29 Dollar notierenden AIG-Aktien sind den Firmenjuristen zufolge völlig wertlos, da der Konzern weiterhin gewaltige Schulden hat und enorme Mengen «toxischer» Derivate in seinen Büchern führt. Zu seiner eigenen Überraschung kam Feinberg überdies unter den Druck von Finanzminister Tim Geithner und der Notenbank von New York, die der Wall Street traditionell eng verbunden ist. Die Politik wollte Feinberg von allzu drastischen Gehaltskürzungen abhalten, um
die als Wahlspender unverzichtbare Geldbranche nicht gegen die Demokraten aufzubringen. Zudem hielt auch Geithner anscheinend das Argument der Konzerne für stichhaltig, dass ihre Spitzenleute auf empfindliche Einkommensverluste mit Kündigungen reagieren würden.

Doch Feinberg fand schliesslich eine Formel, die allseits zumindest auf mürrische Zustimmung gestossen ist. Gegenüber den Vorschlägen der Konzerne hat er die Gehälter auf 60 Prozent reduziert, was etwa bei der Bank of America immer noch auf Jahressaläre von 6,5 Millionen Dollar hinausläuft. Allerdings sind nur etwa 500 000 Dollar davon Cash. Der Rest wird über zwei bis vier Jahre in Unternehmensaktien ausbezahlt, ist also auch von den langfristigen Leistungen der Manager abhängig. Die gewohnten «Bonus-Garantien» hat Feinberg ebenso abgeschafft wie die dubiosen «Treue-Zuschläge», die Topleute von der Kündigung abhalten sollen.

Die langfristigen Folgen dieser weiterhin laufenden Arbeit Feinbergs sind ebenso wenig abzusehen wie die Konsequenzen der Krise speziell auf den amerikanischen Finanzsektor. Das Verhalten der Konzerne in ihren Gesprächen mit dem Salomon aus Brockton lässt nicht darauf schliessen, dass die Topetagen sich für die Krise und ihre Folgen in irgendeiner Weise verantwortlich fühlen. Feinberg hat dennoch seit dem vergangenen Juni nie einen Hehl daraus gemacht, dass er seiner Mission eine Vorbildsfunktion bei der zukünftigen Gestaltung von Spitzengehältern in der amerikanischen Wirtschaft insgesamt beimisst. Laut einer Analyse der «New York Times» könnte diese Kalkulation tatsächlich aufgehen, da der legendäre Investor Warren Buffett und die grossen öffentlichen Pensionsfonds in Aufsichtsräten schon lange über die explodierenden Managergehälter unzufrieden sind und nach Leitlinien für Honorare und Boni suchen.            ●

Andreas Mink ist Redaktor beim aufbau und lebt in New York.





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