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5. Februar 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 05 Ausgabe: Nr. 5 » February 4, 2010

Einsätze in aller Welt

von Jacques Ungar, February 4, 2010
Zaka, die israelische Organisation für die Identifizierung von Katastrophenopfern, ist in aller Welt tätig. Dovie Maisel, Leiter der Zaka-Divison für internationale Aktionen, der nach einem Einsatz in Mexiko-Stadt direkt ins Erdbebengebiet auf Haiti flog, sprach mit tachles.
Dovie Maisel «Im Ernstfall erledigen wir auch an Schabbat alle nötigen Arbeiten»

Der schmale Eingang zum Hauptsitz von Zaka in unmittelbarer Nähe der zentralen Busstation von Jerusalem war nur schwer zu finden. Die steile Treppe zu den Büros in der ersten Etage erinnert eher an das Hinterhaus einer zwielichtigen Adresse in der Bronx und weniger an eine israelische Organisation, die seit Jahren bei ihren Einsätzen in aller Welt, wie etwa der Tsunami-Katastrophe im Fernen Osten oder jetzt wieder beim Erdbeben auf Haiti, Professionalität beweist und zusammen mit Spezialtruppen der Armee und dem Magen David Adom (israelisches Pendant zum Roten Kreuz) dem jüdischen Staat zur Ehre gereicht. 

Die «Tore der Hölle»

Wenige Minuten Gespräch mit Dovie Maisel, dem 35-jährigen Leiter für internationale Aktionen bei Zaka, reichten aus, um den anfänglichen Eindruck verschwinden zu lassen. «Als die ersten Nachrichten aus Haiti durchsickerten, war ich mit meinen Leuten in Mexiko-Stadt, wo wir die sterblichen Überreste von Moshe Sabah geborgen hatten, der zusammen mit vier Familienangehörigen und dem Piloten beim Absturz seines Privatflugzeugs umgekommen war.» Nach einer Nacht voller hektischer Telefonate mit dem israelischen Aussenministerium, Sicherheitsstellen und mit Diplomaten in der Region, stand fest: Maisel und eine Dreierdelegation von Zaka würden sich nach Haiti aufmachen. Das war leichter gesagt als getan, doch nach Stunden des Debattierens fanden die Israeli Unterschlupf in einer Hercules-Maschine der mexikanischen Armee.

Als die Landeerlaubnis in Port-au-Prince auch nach viereinhalb Stunden Kreisen über dem Flughafen nicht gegeben wurde, wich die Maschine nach Santo Domingo aus. Von dort fuhren das Zaka-Team und die Mexikaner auf offenen Lastern ins nahe Haiti, ständig von Jeeps der Uno begleitet. «Wir hatten das Gefühl, durch die Tore der Hölle zu fahren» sagte Maisel, verheiratet und Vater von drei Kindern, zwischen den zahllosen Telefonanrufen, die unsere Unterhaltung immer wieder unterbrachen. «Der Geruch des Todes sollte uns während unseres ganzen Aufenthalts auf der Insel begleiten, und die Bilder der links und rechts aufgehäuften Leichen werden mich lange nicht loslassen.» Am schlimmsten aber waren für ihn, wie er mit leichtem Zittern in der Stimme erzählte, die haitianischen Mütter, die sich ihnen mit Fotos von ihren Kindern näherten und weinend darum ersuchten, unter den eingestürzten Häusern nach ihnen zu graben. «Wenn unsere Suchhunde, die die Mexikaner uns zur Verfügung gestellt hatten, ohne klare Ergebnisse von ihren Schnüffelrunden zurückkehrten, konnten wir nichts tun, auch wenn es uns das Herz zerriss. Wir mussten unsere wenigen Kräfte auf Fälle konzentrieren, in denen es noch Hoffnung auf Leben gab.»

Nervenaufreibende Tätigkeit

Zaka kann sich in Israel auf ein Heer von rund 1500 Volontären abstützen, deren Hauptarbeit sich auf die Bergung von Verletzten und Toten nach Unfällen, vor allem aber nach Terrorattacken konzentriert. «Seit 2000 war ich bei allen grösseren Anschlägen im Lande im Einsatz», meinte Maisel sachlich, ohne jeden Anflug von Protzerei. Er wich auch nicht aus, als wir ihn nach möglichen Auswirkungen seiner nervenaufreibenden Tätigkeit auf das Familienleben fragten: «Bevor wir heirateten, machte ich meiner Frau klar, dass sie sich in erster Linie mit einem Beeper und einem Funktelefon zusammentut.» Trotzdem trug Maisel der speziellen Situation Rechnung und liess sich in Ramle nieder, wo auch die Schwiegereltern wohnen, damit sich seine Frau bei seinen häufigen Abwesenheiten nicht zu einsam fühlt.

Israel im Blick

Nach knapp fünf Tagen verliess Zaka die leidgeprüfte Insel wieder, doch Haiti gehört noch lange nicht der Vergangenheit an: «In einem E-Mail ersuchte uns eine Familie aus Montreal dringend um Hilfe. Ihr Sohn Shmuel Biton hatte sich zehn Minuten vor dem Beben vom Hotel Montana aus Port-au-Prince telefonisch gemeldet. Seither hörte sie nichts mehr von ihm. Das Hotel, das vor allem von Diplomaten, Journalisten und anderen Ausländern bewohnt war, ist dem Erdboden gleichgemacht. Etwa 20 Leute, die sich bei Ausbruch der Katastrophe im Erdgeschoss oder im Garten aufgehalten hatten, konnten sich retten, doch jetzt gibt es keine Überlebenden mehr.
Wir entsandten eine Delegation, die nach Shmuels sterblichen Überresten sucht. Zaka bleibt insgesamt zwei Monate auf dem Gelände des Hotels, wobei die Delegationen alle paar Wochen abgelöst werden.»

Dovie Maisel warnt auch davor, dass Israel nur ungenügend auf ein mögliches Erdbeben vorbereitet sei. Im Ernstfall müsse man mit schätzungsweise 20 000 Toten, 100 000 Verletzten und 300 000 Obdachlosen rechnen. «Der einzige Unterschied zu Haiti besteht darin, dass Israel kein Drittweltland ist und sich auf eine intakte Infrastruktur abstützen kann. Das ist aber auch schon alles.»

Einsatz ohne Pause

Inoffiziell wird die Abkürzung für Zaka auch als «Ze keruw achim» interpretiert, was sinngemäss so viel heisst wie «Das bringt Menschen einander näher». Das Zaka-Team setzt sich vorwiegend aus sehr religiösen Menschen zusammen, doch im Ernstfall wird rund um die Uhr voll gearbeitet. «Nur, dass wir am Schabbat auf
Haiti keine Kameras mit uns geführt und auch nicht geraucht haben», wie Maisel betont.





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