Mensch wider Naturkultur
Atlantis. Die Natur macht sich den Menschen untertan. Naturgewalten, Naturzyklen, Naturveränderungen haben den Menschen seit jeher herausgefordert, Ohnmacht, Leben und Tod hervorgebracht. Die unglaubliche Tragödie von Haiti erinnert einmal mehr daran, wie die wahren Verhältnisse gestaltet sind: Der Mensch ist mehr Teil der Natur als die Natur Teil des Menschen ist. Dennoch hat der Mensch dieses Verhältnis im Zeitalter der Industrialisierung umgedreht mit massiven Eingriffen in Bio- oder Ökosysteme, Besiedlung und Ausbeutung natürlicher Umgebungen. Und so sind die aktuellen Naturkatastrophen der letzten Jahre nicht einfach gleichsam biblisch-mythisch anmutende Schicksalsschläge, sondern mitunter auch Resultat dieser Entwicklungen. Wasser- und Luftverschmutzung, Waldrodungen, Millionenmetropolen führen nicht einfach zur Bedrohung oder Zerstörung der Natur, sondern direkt auch der Menschen. Die Menschen müssen die Entwicklungen und Konsequenzen der modernen westlichen Welt ertragen. Wer die Natur nicht schützt, bedroht letztlich auch den Menschen. Wer die Natur nicht schützt, bedroht die Schöpfung. Wer die Natur industrialisieren, wer die Natur des Menschen mit radikalen Eingriffen ins Erbmaterial ändern will, entzieht das Ganze dem Ursprünglichen.
Dualität. Auf der Flucht der Israeliten vor den Ägyptern teilt sich ihnen das Meer, der Pfad in die Freiheit steht dem Volk Israel offen, während die heranstürmenden Ägypter in den zusammenfallenden Wassermassen ertrinken. Naturgewalt wird im biblischen Mythos als Rettung für die einen und als Verderbnis für die anderen beschrieben. Wenn morgen an Schabbat die Lesung des Wochenabschnitts «Beschalach» zusammenfällt mit Tu Bischwat, dem Fest der Natur, der Bäume und Früchte, dann muss auch die Frage nach der Stellung des Menschen in der Natur und umgekehrt gestellt werden. Wenn morgen über drohende Anarchie, Hunger und Durst, Moshes Widerspenstigkeit und den Wüstengesang der Miriam gelesen werden wird, dann immer im Kontext mit der Schöpfung, sei sie religiös oder existenziell verstanden. Judentum ist auch Naturreligion. Tief verbunden mit Zeiten des Stammes- oder Nomadentums formulieren Quellen ethische Präambeln bezüglich des Umgangs mit dem Menschen, mit der Natur und mit dem Tier, die dazu geführt haben, dass jüdische Werte massgebend bei der Formulierung ethischer Grundsätze etwa in Medizin oder Forschung sind. Den Mensch zu sehen heisst, ihn als Teil der Natur zu verstehen, Natur im Übergang zu Kultur. Für dieses Bewusstsein steht Tu Bischwat als Fest der Natur und als Mahnung vor dem menschlichen Exzess.


