Brückenschlag
Das Totengebet Kaddisch zur Erinnerung an die Opfer des Nazi-Terrors stand am Anfang der Ausführungen von Staatspräsident Shimon Peres vor dem Bundestag zu Berlin am 27. Januar, dem internationalen Holocaust-Gedenktag. Den Abschluss der auf Hebräisch gehaltenen Rede bildeten Zitate aus der Nationalhymne «Hatikwa» («Hoffnung»). Alle Anwesenden spendeten dem israelischen Gast stehend lang anhaltenden Applaus. Peres gelang ein historischer Brückenschlag von der Asche und Vernichtung des Weltkriegs, von aufgegebenen Werten zur Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft aller friedliebenden Kräfte. Was mit der Erinnerung an seinen Grossvater Reb Zvi Melzer begann, unter dessen Gebetsmantelzipfeln der junge Shimon Worten aus der Thora lauschte, was mit seiner Fahrt im Zug Richtung Palästina seinen Fortgang nahm, während der Grossvater und seine Gemeinde im weissrussischen Dorf Wischnewa bei lebendigem Leib verbrannt wurden, das fand seinen Höhepunkt in der Renaissance des jüdischen Volkes in Israel. Zu dieser staatlichen Wiedergeburt trug, so Peres, das ebenfalls neu entstandene demokratische Deutschland wesentlich bei. Der Präsident nannte dabei Konrad Adenauer und David Ben Gurion, aber auch Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Angela Merkel. Er bekräftigte das Einstehen für die Zweistaatenlösung im Nahen Osten, lehnte die Diskriminierung der arabischen Minderheit in Israel ab, identifizierte sich mit dem Widerstand gegen die iranische Diktatur und nannte das Regime von Mahmoud Ahmadinejad eine «Gefahr für die ganze Welt», woraufhin er spontanen Applaus erntete. «Wir erlauben uns zu träumen und hoffen auf die Verwirklichung unserer Träume», sagte Shimon Peres zum Schluss einer Rede, die dereinst zu den Höhepunkten einer langen, schillernden Karriere eines der bedeutendsten Staatsmänner des modernen Israel gezählt werden wird. [ju]


