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29. Januar 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 04 Ausgabe: Nr. 4 » January 28, 2010

Beten auf Sand

von Gil Shefler, January 28, 2010
Früher oder später wird sich die jüdische Gemeinde von Jamaika aufgrund von Emigration und Assimilation auflösen. Ainsley Henriques aus Kingston gehört zu den Menschen, die diese traurige Tatsache möglichst lange hinausschieben wollen.
EINE SYNAGOGE AUF SAND Ainsley Henriques, Vorsteher der Gemeinde, spricht im Januar zu seinen Mitgliedern

Abraham Cohen Henriques, ein jüdischer Kaufmann aus Amsterdam, traf 1670 in Jamaika ein, weil er die verborgenen Schätze von Christoph Columbus finden wollte. Ein zwangsweise zum Christentum konvertierter Jude hatte ihm einen Hinweis gegeben, und so durchstreifte er die dichte Vegetation im Innern der Insel auf der Suche nach dem Schatz des grossen Entdeckers. Alles spricht dafür, dass Henriques mit leeren Händen zurückkehrte, doch er verliebte sich so sehr in die Insel, dass er immer wieder dorthin zurückfand. Und drei Jahrhunderte später sind die Henriques immer noch auf Jamaika.

Ainsley Henriques, Vorsteher der winzigen jüdischen Gemeinde von Jamaika und ein entfernter Verwandter von Abraham, dem Schatzsucher, hat nun seine
eigene Mission: Er sucht nicht nach einem Schatz, sondern ist dessen Wächter. Seit
30 Jahren arbeitet der gut 70 Jahre alte Henriques unermüdlich daran, die reiche Geschichte von Jamaikas einzigartiger jüdischer Gemeinde zu bewahren. «Ich habe die Gemeinde neu aufgebaut, ein Büro eingerichtet, Personal angestellt und die Gemeinde dazu gebracht, ein Museum zu eröffnen», sagte er. «Jede Woche kommen Hunderte von Schulkindern hierher, um etwas über die Gemeinde zu lernen.» Unlängst leitete Henriques zusammen mit der jamaikanischen Regierung eine akademische Konferenz in der Hauptstadt Kingston. Thema war die Geschichte der jüdischen Gemeinde der Insel. Die Konferenzteilnehmer kamen aus aller Welt. Henriques macht sich aber keine Illusionen und weiss, dass seine Aktivität vielleicht eine Sysiphusarbeit ist. In seinem Leben ist die Gemeinde langsam, aber stetig geschrumpft, wobei dies lange vor seiner Geburt begonnen hat. Der Rekord datiert von 1881, als 2535 Juden hier lebten. 1974 waren es noch 450, und heute sind gerade noch 200. Seit 30 Jahren hat die Gemeinde keinen eigenen Rabbiner mehr.

Ein Volk der Wüste

Eine bedeutende Minderheit der jüdischen Gemeinschaft von Jamaika ist schwarz – bei ihnen handelt es sich um Kinder aus Mischehen oder aus Beziehungen zwischen jüdischen Plantagenbesitzern und ihren Sklavinnen. Sie sprechen mit dem gleichen Akzent, für den die Insel berühmt ist. Und wie die meisten Jamaikaner, aber doch weniger als die restlichen Juden, nehmen sie das Leben gelassen. An Freitagabenden hört man im Zentrum von Kingston die Melodien der Gebete aus der wunderschönen Synagoge Sharei Shalom – United Congregation of Israelites, der letzten Synagoge auf der Insel. Gebete werden auf Englisch, Hebräisch und Spanisch rezitiert, ein Überbleibsel der sephardischen Ursprünge der Gemeinde.

Die 1908 an der Stelle errichtete zweistöckige Synagoge, an der zuvor ein Gotteshaus bei einem Erdbeben zerstört worden war, ist nach Meinung der Lokalbevölkerung eine von vier weltweit existierenden Synagogen mit einem Sandboden. «Für diesen Boden gibt es vier Gründe», erklärt Henriques an der Bima, dem Tisch, an dem aus der Thora vorgelesen wird. «Erstens sollen wir daran erinnert werden, dass wir ein Volk der Wüste sind, zweitens soll angedeutet werden, dass wir so zahlreich sein können wie die Sandkörner. Drittens aber dämpfte der Sand die Schritte unserer Vorfahren, die im Geheimen beteten, und viertens und vielleicht am Wichtigsten: Die Kinder haben den Sand gern.»

Eigene Bräuche

Hunderte von Jahren lebten die Juden auf Jamaika relativ Isoliertheit – diese Tatsache hat sich auch auf die örtlichen jüdischen Bräuche ausgewirkt. Alon Gildoni, ein ehemaliger Emissär der Jewish Agency machte sich während seines Aufenthalts auf Jamaika zwischen 2006 und 2008 gründlich mit der Gemeinde vertraut. Vor allem aber wollte er einige jüdische Sitten wieder einführen, die in Vergessenheit geraten waren. An Sukkot, dem Laubhüttenfest, hatte die Gemeinde, wie Gildoni sich erinnert, die Gewohnheit, anstelle des im Gesetz vorgeschriebenen zitronenähnlichen Etrogs als eine der vier Arten, über die ein Segen gesprochen wird, Orangen zu benutzen. «Das ist nicht unbedingt auf die Ignoranz der Juden von Jamaika zurückzuführen», sagt der Emissär. «In einer schwierigen Situation haben sie nach Antworten gesucht und diese gefunden. Dass die Gemeinschaft bis heute überlebt hat, ist nicht selbstverständlich, und ich führe dies teilweise auf die Motivation von jenen zurück, die lange Zeit gegen die zwangsweise Konvertierung gekämpft haben.» Heute wachsen fünf Etrog-Setzlinge in der fruchtbaren Erde im Garten eines Gemeindemitglieds. Juden auf Jamaika lernen gerne von ihren Glaubensgenossen aus dem Ausland, doch sind sie nicht weniger stolz auf ihre eigenen Bräuche. So wurde beispielsweise ein Versuch, den Gottesdienst nach Geschlechtern zu trennen, rundweg abgelehnt.

Eine Schule als Geschenk

Die Juden auf Jamaika führen ihre Ursprünge auf die ersten Europäer zurück, die auf der Insel landeten. Viele von ihnen waren Marranen – Juden aus Spanien und Portugal, die von der katholischen Kirche zur Taufe gezwungen worden waren, insgeheim aber ihr Judentum weiter praktizierten. Als die Insel im späten 17. Jahrhundert von den Engländern übernommen wurde, traf eine neue Welle portugiesischer Juden aus Amsterdam ein, einschliesslich Abraham Cohen Henriques. Diese Menschen waren in erster Linie Händler und Plantagenbesitzer, doch einige profitierten vom Sklavenhandel und von der staatlich geförderten Piraterie auf hoher See.

Die Gemeinde war zwar klein, doch setzte sie der Insel ihren Stempel auf. Jamaikanische Juden waren im lokalen Parlament vertreten, und es waren Juden, welche «The Gleaner» initiierten, die grösste Zeitung des Landes. Die Hillel-Akademie in den Hügeln vor den Kingston überblickenden Green Mountains ist ein leuchtendes Beispiel für den Beitrag der jüdischen Gemeinde an das Land. Die 1969 im Haus des örtlichen Rabbiners eröffnete Schule dient der allgemeinen Bevölkerung der Insel und nicht jüdischen Studien. «Die Schule gilt als Geschenk der jüdischen Gemeinde an die Menschen auf der Insel im Geiste von Rabbi Hillels Weltanschauung», sagte ein Lehrer während eines Rundganges auf dem Campus. Heute lernen einige hundert Schüler an der Schule. Von diesen ist nur eine Handvoll jüdisch. Einerseits lehrt die Schule einige jüdische Fächer, doch andererseits trägt ein nicht jüdischer Schüler, dessen Familie aus Indien stammt, ein Abzeichen, das ihn als Mitglied des Masada-Clubs identifiziert. Juden, die an Judentumskunde interessiert sind, müssen dies ausserhalb des regulären Klassenunterrichts tun.

Emigration und Assimilation

Die Assimilation ist an den Juden von
Jamaika nicht spurlos vorübergegangen. Zwar finden sich im Telefonbuch zahlreiche Levys, Cohens oder Gabays, doch nach Auskunft der Gemeindemitglieder identifizieren sich nur wenige von ihnen als Juden. Allerdings sind einige Jamaikaner dabei, ihr jüdisches Erbe neu zu entdecken. Patrique Mudhay, ein grosser, schwarzer Mann, der ein farbiges Hemd mit jüdischen Symbolen trägt, ist regelmässiger Besucher der Synagoge. Seine Grossmutter, die bei ihrer Heirat zum Katholizismus übertrat, erzählte ihm, wie er sich erinnert, von seiner jüdischen Abstammung. «Zwar kann ich Hebräisch weder sprechen noch lesen, doch es braucht Menschen, die Hebräisch verstehen und die Thora lesen», sagt Mudhay, der eine Kippa trägt. «Ich werde nicht zulassen, dass andere an meiner Religion herumspielen.»

Menschen wie Patrique Mudhay sind allerdings die Ausnahme. Emigration und Assimilation sind für hiesiege Juden die Norm. «Das ist keine Gemeinde, die sich auf ihre Wurzeln beruft», sagt Henriques. Darum bestrebt, sich dem nagenden Zahn der Zeit zu widersetzen, will er jüdische Touristen auf die Insel
locken, wo sie die Synagoge und alte Friedhöfe besuchen sollen. Das könnte im Rahmen einer Kreuzfahrt geschehen, die andere Inseln mit jüdischer Geschichte, wie etwa Barbados einschliessen würde. Offensichtlich hat er sich aber damit abgefunden, dass die Gemeinde auf lange Sicht nicht mehr existieren wird, schätzungsweise in 30 Jahren. «Die Zukunftsaussichten für Gemeinden dieser Art sind beschränkt», gibt er zu. «Wer wird der letzte Jude sein? Ich weiss es nicht, doch ich hoffe, dass die Beweise für die Existenz und Geschichte der Gemeinde nicht verschwinden werden.»









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