In erster Linie Franzosen!
In erster Linie Franzosen! Dieses Bekenntnis muss laut und deutlich bestehen bleiben. Wir müssen zwei fundamentalen Prinzipien des «Pacte républicain» (Vertrag der französischen Gesellschaft) wieder zur Stärke verhelfen. Das erste lautet: «Das Gesetz des Landes ist das Gesetz.» Dieses alte talmudische Prinzip, das seit Jahrtausenden in den Prophezeiungen der hebräischen Bibel nachzulesen ist, fasst schon für sich alleine die Forderungen des Präsidenten der Republik an den Islam zusammen: «bescheidene Unauffälligkeit» genau so wie «Respekt seitens jener, die kommen» und auch «Respekt seitens jener, die empfangen». Daraus entsteht, nach den Worten des Historikers Fernand Braudel, jene «Integration ohne Schmerzen», welche die Moralprediger des Antirassismus einem «neokolonialistischen Korsett» gleichstellen.
Als zweites grosses Prinzip des Zusammenlebens ist die Anerkennung der Laizität französischer Machart für all jene unumgänglich, die sich aus persönlichen oder familiären Gründen auf dem Gebiet der Republik niederzulassen wünschen.
Als der grosse Philosoph Emmanuel Levinas vor fast einem Jahrhundert aus Litauen nach Frankreich kam, hörte er seinen Vater die Wahl Frankreichs als neue Heimat mit der Tatsache erklären, dass «Frankreich das Land ist, in dem sich die Prophezeiungen erfüllen». So schrieb Levinas es in seinem Buch «Schwierige Freiheit» nieder. Und er fügte bei, dass ein Land, das nicht zögerte, sich in zwei Teile zu spalten und seine Armee blosszustellen, um die verletzte Ehre eines jüdischen Offiziers (nämlich des Hauptmanns Dreyfus) wiederherzustellen, ein Land sei, «wohin wir uns schnell begeben sollten».
Gesellschaftliche Prinzipien
Es ist alles gesagt worden; der Rest ist die Art und Weise der Anwendung. Die Umsetzung der Stellung der Frau, der Erziehung der Kinder, , der religiösen Ansprüche an Friedhöfe, der Verfügbarkeit von Halal- oder koscheren Lebensmitteln oder des Schächtens können sich aus diesen Prinzipien ergeben.
Die Religionen müssen ihren Platz im privaten Bereich einnehmen und es muss jegliche Verwechslung zwischen der nationalen Identität einerseits und der religiösen Identität anderseits vermieden werden. Viele Beobachter stellen fest, dass «die Islamisierung der Sitten triumphiert» – die Töchter, die in Frankreich ein Kopftuch tragen wollen, sind in eine Falle geraten: Die Unterwerfung der Frau steht im Gegensatz zum Status quo der Gesellschaft.
Der öffentliche Raum, die Schule, die Universität, das Spital etwa sind Orte, in denen sich die Vorrangstellung des Landes unter der Voraussetzung aufdrängt, dass sie in kohärenter und unverkrampfter Weise auftritt. Gerade aufgrund seiner einer kolonialistischen Vergangenheit mit Sklaverei und Kreuzzügen, welche der Aufarbeitung durch die Historiker überlassen werden muss, ist das Wesentliche heute, dass Frankreich seinen organisatorischen und gesellschaftlichen Prinzipien treu bleibt.
Respekt gegenüber Religionen
Wenn Montesquieu das Wohl eines Staates so zusammenfasst, dass es «in drei grossen Dingen: der Freiheit, dem Handel und der Religion» liege, obliegt es der Politik, sich um die zwei Ersteren zu kümmern und das Dritte dem privaten Bereich zu überlassen.
Frankreich muss vorrangig den «Respekt» gegenüber den Religionen – im Speziellen jener der Minderheiten – wahren, statt von «Toleranz» zu sprechen, jener Vorstellung, die aus dem 18. Jahrhundert stammt.
Was die «praktischen» Probleme anbelangt, so sollten wir es den Verantwortlichen überlassen, diese ohne Dogmatisierung zu lösen. Die Personalleiter der Unternehmungen, Rektoren der Akademien, Bürgermeister oder Präfekten müssen ihr Bestes tun, um im Rahmen des Möglichen grossen religiösen Festen, Essensvorschriften oder städtebaulichen Fragen wie etwa der Form und Grösse von Moscheen und Minaretten Rechnung zu tragen. Dies ergibt sich nicht etwa aus einem Gesetz, sondern es geht ganz einfach darum, dass Frankreich jene Flexibilität zeigt, wie sie dem Dekan Jean Carbonnier so am Herzen lag.
Und schliesslich sollen sich die Vertreter der Religionen auf Äusserungen zu gesellschaftlichen und – speziell im medizinischen Bereich – ethischen Themen beschränken. Politik aber, sei es nationale oder internationale, sollen sie jenen überlassen, die dafür verantwortlich sind.


