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24. Dezember 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 52/01 Ausgabe: Nr. 52 » December 23, 2009

Ein Mosaik kleiner Welten

von Daniel Zuber, December 23, 2009
In den Basler Quartieren Iselin, Gotthelf und Am Ring konzentriert sich eine ethnisch-kulturelle Vielfalt. Auch jüdische Lebenswelten sind in der Gegend anzutreffen, in der Integration in Form von gegenseitigem Respekt alltäglich gelebt wird.
BASLER QUARTIER AM RING Verschiedene Kulturen leben hier in friedlicher Nachbarschaft

Bei einem Spaziergang durch die Strassen rund um die beiden Basler Synagogen fällt deren Vielfalt, Lebendigkeit und Farbe auf. Der Stadtbezirk zeichnet sich durch seine architektonische Schönheit aus, bietet ruhige Oasen des Rückzugs, oder ist im Gegenteil gerade Zentrum und Anziehungspunkt städtischer Hektik. Es ist eine geschichtsträchtige Gegend, welche heute durch ihreethnische und religiöse Heterogenität besticht. Geschäfte und Restaurants bezeugen die Einflüsse verschiedenster Kulturen. Das räumliche Nebeneinander führt aber keineswegs zu einer kulturellen Einheit. Vielmehr bilden die jeweiligen ethnischen Gruppen eigenständige Gemeinschaften, welche miteinander koexistieren, aber nur selten verschmelzen. Auch das Zentrum des jüdischen Lebens in Basel ist in jener Gegend zu finden und bietet ein gutes Beispiel. 

Geschichtliche Hintergründe

Nachdem im Jahr 1872 die Juden in das Basler Bürgerrecht aufgenommen wurden, nahm die Anzahl jüdischer Einwohner stark zu. Auch die seit 1897 durchgeführten Zionistenkongresse, welche einige der bedeutendsten jüdischen Persönlichkeiten nach Basel brachten, erhöhten die Attraktivität der Stadt und machten sie zu einem Ort mit überregionaler Bedeutung für das Judentum. Immer mehr Juden siedelten sich in Basel an und fanden in der Umgebung der 1868 eröffneten Synagoge an der Leimenstrasse eine Bleibe (vgl. tachles 51/06). Auch wenn die jüdische Wohnbevölkerung seit den vierziger Jahren kontinuierlich schrumpft, sind die Zeichen jüdischen Lebens und Wirkens in der Gegend zwischen Leimenstrasse und Allschwilerplatz nicht zu übersehen. Namen wie Wyler, Weil oder Karger zieren Geschäfte und Firmen. Man findet natürlich die Synagoge und das Gemeindezentrum der Israelitischen Gemeinde Basel an der Leimenstrasse sowie die Jüdische Schule, den Ganon und den Israelitischen Kindergarten. Die einzige koschere Metzgerei in Basel hat ihr Zuhause an der Friedrichstrasse und ist die Anlaufstelle für praktizierende Juden. Einige Meter weiter im Spalenring ist seit März dieses Jahres der Koscher-Laden beheimatet. Koschere Produkte gibt es auch in den Bäckereien Krebs und Schmutz ganz in der Nähe. In der Ahornstrasse hat die Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft ihr Domizil und zahlreiche andere Betriebe der Umgebung zeugen von jüdischem Unternehmergeist: In der Allschwilerstrasse hat beispielsweise die S. Karger AG ihren Standort, in dem Gebäude ist auch ein Redaktionsbüro von tachles beheimatet. Der am 1. April 1890 von Samuel Karger (1863–1935) in Berlin gegründete internationale biomedizinische Fachverlag verlagerte bereits 1937 seinen Hauptsitz aufgrund der zunehmend schwierigen politischen Situation nach Basel. Heute ist er mit gut 300 Mitarbeitern und einem weltweiten Vertriebsnetz der grösste wissenschaftliche und medizinische Fachverlag der Schweiz. Biegt man einige Meter weiter in die Blauenstrasse ein, so erblickt man neben einer aufgesprühten Friedenstaube auch den hiesigen Sitz der Organisation Chabad Lubowitsch. Noch etwas weiter in Richtung Westen in der Buchenstrasse war bis 1953 das Israelitische Spital beheimatet.

Ein vielschichtiger Raum

Noch heute trifft man in jenen Strassen immer wieder auf orthodox gekleidete Juden, und auch ein Spaziergang im Schützenmattpark könnte zu der Annahme verleiten, man befände sich tatsächlich in einem jüdischen Viertel. Aber auch wenn jüdisches Leben sich in jener Gegend konzentriert, handelt es sich um einen sehr multikulturellen Raum. Zwar sind hier mit knapp einem Drittel nicht ganz so viele Zugezogene wie etwa im Klybeck oder in Kleinhüningen anzutreffen, unzählige Geschäfte, Restaurants, Imbisse und Firmen bezeugen jedoch die ethnisch-kulturelle Vielfalt. Wer vom Hunger geplagt wird, kann sich bereits in den wenigen Strassen rund um den Allschwilerplatz mit indischen, anatolischen, italienischen, thailändischen, chinesischen oder koscheren Speisen eindecken, und auch die religiöse Vielfalt ist in der Gegend nicht zu übersehen. So trifft man nicht nur auf die bereits erwähnten diversen jüdischen Einrichtungen, sondern auch auf ei-
ne evangelisch-methodische Kirche oder das Gemeindehaus Oekolampad. Katholiken sind mit verschiedenen Kontaktstellen in der Gegend präsent. Die indisch-philosophische Lehre des Raja Yoga kann in der Austrasse erlernt und praktiziert werden und asiatisch- buddhistische Einflüsse sind mit zahlreichen Meditations- und Therapiezentren im Viertel vertreten. Die meisten Muslime in Basel wohnen zwar in Kleinhüningen, im Klybeck-, Matthäus- und Gundeldinger-Quartier und um den Voltaplatz, aber auch hier sind gelegentlich Frauen mit Kopftuch und Männer mit Bart und Galabija anzutreffen. Die statistischen Zahlen zeichnen ein ähnliches Bild: Von den 10 422 Einwohnern, die im Quartier Am Ring leben, sind laut Statistik 332 jüdischer Konfession, was für Basler Verhältnisse vergleichsweise hoch ist. In derselben Gegend leben 390 Muslime und weitaus mehr Christen. Die überwältigende Mehrheit der Anwohner aber ist konfessionslos. Ähnliches gilt auch für die an die Allschwilerstrasse grenzenden Quartiere Gotthelf und Iselin.

Isolierte Lebenswelten

Mit zunehmender Entfernung zu den Synagogen sinkt auch die Anzahl jüdischer Einwohner. Zwar leben heute auch viele Juden auf dem Bruderholz oder im St.-Alban-Quartier, jenseits des Rheins sind jedoch fast keine Juden mehr gemeldet. Zum Vergleich: Im Jahr 2008 wurden im Klybeckquartier gerade einmal 2 Juden gezählt. Diese Zahlen sind zwar nicht ganz unproblematisch, da nur die jüdischen Einwohner registriert werden, welche ihre Konfession bei der Anmeldung angeben. Dennoch zeigen die Angaben, dass sich das hiesige jüdische Leben mehr als bei jeder anderen Religionsgemeinschaft auf ein konkretes Gebiet konzentriert. Es scheint so, als ob die Bevölkerung dazu tendiert, sich selbst zu segregieren. Nicht nur entlang ökonomischer Linien, sondern auch nach Interessen, Lifestyle oder eben Religionszugehörigkeit. Die daraus resultierende räumliche Nähe stärkt gerade die hiesige jüdische Gemeinschaft, da nachbarschaftlicher Zusammenhalt, gut funktionierende Kommunikation und die interne Netzwerkbildung begünstigt werden.

Durch die relativ starke Präsenz fallen orthodoxe Juden im Stadtbild optisch weniger auf, als sie dies etwa im Kleinbasel täten, und die vorhandene jüdische Infrastruktur vereinfacht das Praktizieren der Religion. Faszinierend dabei ist jedoch, dass trotz der erwähnten kulturellen Vielfalt eine natürliche Distanz zwischen den Bewohnern gewahrt wird. Das Viertel setzt sich in gewisser Weise aus einem Mosaik kleiner Welten zusammen, welche sich zwar berühren, aber nicht durchdringen. Den befragten nicht jüdischen Einwohnern der Gegend ist die Präsenz ihrer jüdischen Nachbarn wohl bekannt, sie kommen aber allesamt nur sehr oberflächlich mit ihnen in Berührung. Es herrscht eine gewisse Anonymität, in welcher man die Vielfalt des städtischen Lebens zwar wahrnimmt, aber dennoch – oder gerade deswegen – relativ isoliert lebt. Vielleicht begünstigt dieser gegenseitige respektvolle Abstand auch gerade ein konfliktfreies Zusammenleben. Fest steht, dass ein Spaziergang an einem sonnigen Abend trotz gelegentlicher architektonischer Schönheit und Anmut ohne die multikulturellen Begegnungen wohl nur halb so interessant und reizvoll wäre.



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